Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Nomaden in geschichtsunwilligen Zeiten

Als intellektuelle Großveranstaltung läßt sich der 30. Deutsche Kunsthistorikertag 2009 klar positiv bilanzieren. Unter dem Rahmenthema „Kanon“ befragten Ende März zeitweilig 1.000 Teilnehmer das Phänomen der Kulturbildung, loteten deren Entwicklung, Brüche und gesellschaftliche Praxis aus. Zahlreiche Podien, Foren und Sektionen entfalteten das inhaltlich nach allen Seiten. So führte die inter- und transdisziplinäre Themenstreuung – zwischen Medien und Politik, Nation und Welt, Tradition und Moderne – mitten in die zeittypisch neuralgischen Punkte wie Multikulturalismus und Globalisierung hinein. Insofern funktionierte der Kongreß auch als Indikator brisanter Debatten um Identität und Wertewandel auf hohem Niveau.

Bei der Verbandsgründung 1948 verwies Herbert von Einem das Fach auf den „Nachweis historischer Kontinuität“, die uns helfe, „metaphysischen und moralischen Halt“ zu finden. Er artikulierte nur den Konsens der damaligen Religions-, Literatur- und Kunstwissenschaften. Deren Zeugnisse und Denkmäler sind ja erhaltenswert an sich. Es kommt ihnen ein Würdestatus und Sinngehalt zu, der sie über den empirischen Befund hinaushebt. Darin gründen der essentielle Konservativismus historischer Disziplinen und ihre integrale Gedächtnisleistung.

Dieser Idealismus ist heute tot. Die Politisierung der 1960er und 1970er Jahre, die Medienrevolution der 1980er, dann die Globalisierung haben die älteren „Geisteswissenschaften“ in modische „Kulturwissenschaften“ transformiert. Der Bruch führte von einer Haltung der Pietät zum System der Entlarvung, einer universellen Ideologiekritik. Emanzipationsprinzip und ein ubiquitärer Machtvorwurf „dekonstruieren“ die Traditionen, zumal des eigenen Fachs. Hier nun wurzelt die paradoxe Struktur einer vollständig modernisierten „Kunstgeschichte“: daß der Bewahrungsimpuls ständig vom linken Kanon-bashing durchkreuzt wird und jede Substanz verdampft.

Unter dieser Spannung stand auch der Marburger Kongreß, dessen Verbandsvorsitzender Georg Satzinger gleich zu Beginn die „weitverbreitete Unkultur der Preisgabe“ geißelte, die „unser Erbe bedrohe“. Er forderte die Kollegen auf, mit ihrer „Wertekompetenz“ auf die Gesellschaft einzuwirken – rare Worte des konservativen Rückzugs. Dessen Vertreter halten doch nur mehr Nischen besetzt – so die Denkmalpfleger, denen es um Quellenbefund und Bausicherung geht. Ihr empirisches Credo macht sie ideologieresistent, aber auch hilflos gegenüber den aggressiven Diskursstrategien der „Regenbogenfraktion“.

Immerhin waren beim großen Podium erfreulich direkte Worte zu hören zum Einsturzdebakel des Kölner Stadtarchivs. Hiltrud Kier, Stadtkonservatorin und Generaldirektorin der Kölner Museen a. D., prangerte die letzten zwanzig Jahre als „geschichtsunwillige Zeiten“ an. Angesichts dieser Indifferenz betonte sie, das zweitausendjährige heilige Köln gehöre nicht nur zum Kanon, sei vielmehr „der Kanon selbst“.

Kulturelle Zerstörung vernichtet den Identitätskern der Völker. Fraglich nur, ob diesen die modernen Kultursubjekte noch entsprechen, werden Individuum, Gruppe und Territorium doch zunehmend voneinander entkoppelt. So bilden sich „virtuelle“ Erbengemeinschaften. Auch Gabi Bonekämper definierte „Erbe“ als „konstruiert“, „individuell“ und „offen“, wie auch der Europarat (2007) für kulturelle „Mehrfachzugehörigkeiten“ wirbt, während Kitty Zijlmans Globalisierung und Lokalisierung als „zwei Seiten einer Medaille“ analysierte und eine „glokale“ Identitätsbildung vorschlug. In ihr bilden „vertikale“ (regional) und „horizontale“ (international) Verknüpfungen ein Netzwerk, was die Referentin veranlaßte, eine neue Disziplin „Weltkunststudien“ zu fordern.

Viele halten den ästhetischen Kanon schon jetzt für international, von „nomadischen Künstlern“ und allerlei Migrationsbewegungen geschaffen, die einen „Diskurs des Universalen“ (Bärbel Küster) und Kritik am „Eurozentrismus“ forcieren. Hier interessierte besonders der Beitrag von Eva Seng, die einen Lehrstuhl zum Unesco-Kulturerbe versieht. Die Welterbeliste mit ihren 878 Denkmälern in 145 Ländern ist ein sprechender Indikator für „Kanonbildung und Kanonverschiebung“ im planetarischen Feld.

Ob eine „globale Identität“ möglich oder unsinnig sei, da Identität und Grenze einander bedingen, blieb kontrovers. „Prinzipiell identitätskritisch“ zeigt sich dagegen die feministisch-queere Ästhetik, die sich poststrukturalistischen Konzepten anschließt. Im Verein mit Gender Studies und postkolonialen Studien sowie der Durchdringung urbaner Subkulturen adaptiert sie die schon klassischen Prinzipien von Zertrümmerung/Schock und die linken Initiativen der 1970er Jahre für eine „dissidente Partizipation“. Indem man überall „Relativierungspotentiale“ freisetzt, „Kontingenzen“ und „Paradoxien“ favorisiert, zielt man grundsätzlich auf eine „Demontage identitätslogisch operierender Systeme“: so Barbara Paul, die mit dem subversiven Gestus ultimativer Provokation auftrat, freilich nur alle „gegen den hegemonialen Diskurs“ gezückten Stichworte der letzten dreißig Jahre bündelte.

Die antikanonischen Subkulturen haben heute freilich die „nostalgisch anmutende Rolle“ der großen Weigerung abgelegt; sie wird im „Zug einer fortschreitenden Ausdifferenzierung der kulturellen Sphäre“ durch „Modelle multipler Kulturen“ ersetzt (Dietmar Rübel). Das erklärt die Vorliebe der Kritik für fraktale oder hybride Collagen in Kunst und Literatur, so die „kosmopolitischen“ Romane Salman Rushdies und V. S. Naipauls. Fragt sich nur, was die gebrochenen Charaktere und desintegrierten Gesellschaften noch zusammenhält?

Das scheint der „Markt“ zu sein, der jetzt für viele die Stelle Gottes einnimmt. So werden auch Markenkult und Konsumismus oft als neue Religion beschrieben. Kein Wunder, daß Künstler sich dieser Dynamik anpassen und sich marktgängig vergolden lassen. So Gerhard Richter, der seit 2004 den ersten Platz in der merkantilen Weltrangliste unter den lebenden Künstlern anführt. Günter Herzog zeichnete mit ätzenden Strichen dessen Karriere als „Weg zur erfolgreichen Marke“ nach, die in vierzig Jahren eine 12.778fache Wertsteigerung erzielte.

Ein verblüffender Erfolg angesichts der Tatsache, daß man seit dreißig Jahren die „Krise des Bildes“, den „Tod der Kunst“ und das „Ende der Kunstgeschichte“ ausruft. Hier entspringt die neue Bildwissenschaft, die Funktion und Modalität des Visuellen untersucht und sich dabei der Kommunikationswissenschaft nähert. Tatsächlich steuern „global wirksame Medienprozesse“ aktuell unsere Wahrnehmung, wobei das Internet „den kulturellen Prozeß der Kanonisierung in einen medientechnologischen“ Vorgang übersetzt (Christian Bracht).

Horst Bredekamp (HU Berlin) ist der Exponent dieser neuen Bildwissenschaft. Er weitet den Motivbestand auf technische Bilder und mathematische Diagramme aus, schlägt eine eigenwillige Brücke zu den Naturwissenschaften und führt seinen hochreflexiven Diskurs über „Bildersturm“ und „Bilderkriege“. Ihm wurde in Marburg der erstmals ausgelobte Richard-Hamann-Preis des Kunsthistorikerverbands verliehen. Richard Hamann (1879–1961) darf als der weltweit bekannteste deutsche Kunsthistoriker gelten. Er wirkte zudem als letzter gesamtdeutscher Professor bis 1957 simultan in Marburg und Berlin, wo er verzweifelt den Abriß des Stadtschlosses zu verhindern suchte und sich so mit der SED überwarf.

Diese Kahlschlagmentalität war nicht das letzte Wort der DDR in puncto Erbe und Kanon. Deren Kulturpolitik und Kunstproduktion hat verschiedene Perioden durchlaufen und zeigt einen vielschichtigen Befund. Der Vermittlungsversuch von Tradition und Neubeginn fand Ausdruck im Programm des „Sozialistischen Realismus“, dem der Kongreß eine große Sektion widmete. Sigrid Hofers Dekonstruktionsthese – die staatliche Norm sei ein Phantom gewesen: vage definiert, diffus umgesetzt, im historischen Nebel verschwunden – schlossen sich die Koreferenten nicht an. Sie dokumentierten vielmehr die Variationsbreite, den echten Stilpluralismus in der DDR unterm offiziellen Emblem. Anders als die internationale Modernismusdoktrin jenseits des Eisernen Vorhangs votierte Mitteldeutschland für einen Humanismus, der „das legitime Erbe aller konstruktiven Kräfte der Menschheit“ im Sozialismus „aufheben“ wollte. Dadurch wurde ein oft unbefangenerer Umgang mit ästhetischen Traditionsformen (die in der BRD tabu waren) möglich.

Vollends deutlich wird dieser Weg in den sozialistischen Planstädten, als deren vierte in den Jahren von 1964 bis 1986 Halle-Neustadt entstand. Das eigentümliche Zusammenspiel von Architektur und Kunst sollte der „Schaffung des sozialistischen Menschen“ dienen und die neue „sozialistische Lebensweise“ veranschaulichen. Diese stellten die monumentalen Fresken ebenso wie die elegante Verbindung des Vergangenen mit dem Zukünftigen dar, wie sie Gerhard Lichtenberg mit der Renaissancephantasie seiner Brunnenanlage (1974) inmitten moderner Hochhäuser sinnfällig gestaltet hat.

Foto: Frauenbrunnen in Halle-Neustadt, gestaltet von Gerhard Lichtenfeld (1921–1978): Unbefangener Umgang mit Traditionsformen

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