Nirgendwo Graffiti, aber überall Filz

Zu den gerne genutzten Motiven des Psychothrillers gehört der schrittweise Entzug der Geisteskraft. Einem sich wehrenden Opfer krimineller Machenschaften wird von der ungläubigen Umgebung schlicht der Verstand abgesprochen. Und je mehr er dagegen ankämpft, je mehr er die Richtigkeit seiner Erkenntnisse behaupten will, um so mehr verstrickt sich der Unglückliche im Netz der ausgelegten Fallstricke. Einen solch blauäugig ins Verderben rennenden Opfertypus verkörpert Angelina Jolie fast bis zur Unerträglichkeit in Clint Eastwoods neuem Film „Der fremde Sohn“. Die Geschichte spielt im Los Angeles des Jahres 1928. An einem Samstagmorgen verläßt die alleinerziehende Mutter Christine Collins (Angelina Jolie) das Haus, um ihrer Arbeit in einem Telegraphenamt nachzugehen. Als sie zurückkehrt, ist ihr Sohn Walter unauffindbar. Der Verdacht einer Entführung drängt sich rasch auf. Fünf Monate danach greift die Polizei einen Jungen auf, der angeblich behauptet, Collins’ Sohn zu sein. Bei der Übergabe bemerkt Collins rasch, daß es sich nicht um ihren Sohn handelt. Doch die Frau ist schwach, läßt sich erst einschüchtern, verunsichern und dann überreden, den fremden Jungen aufzunehmen. Als sie kurz darauf den Entschluß faßt, diese absurde Entscheidung rückgängig zu machen, läuft sie gegen eine Mauer. Die Polizei sieht ihre dringend benötigte Erfolgsmeldung zum schlagzeilenträchtigen Skandal werden und legt Collins alle möglichen Steine in den Weg. Als die Frau, ermutigt durch einen streitbaren Pfarrer (John Malkovich), immer offener und lauter gegen den verfilzten und ignoranten Polizeiapparat anrennt, landet sie kurzerhand in einer psychiatrischen Anstalt. Währenddessen gerät ein Polizist zufällig auf die Spur eines geisteskranken Kindesentführers und Mörders. Der Film gliedert sich in fünf weitgehend chronologische Themenstränge: Collins’ anschwellender Konflikt mit der korrupten Polizeibehörde, dann ihre Erniedrigung in der Nervenheilanstalt, zudem die Suche nach dem Kindermörder, schließlich die Gerichtsprozesse und am Ende Collins’ Leben nach der Affäre. Die Geschichte dreht sich dabei um existentielle Grundprobleme wie Elternliebe, Vertrauen, Aufbegehren gegen falsche Autoritäten, Wunsch nach Gerechtigkeit und Suche nach Wahrheit. Jolie wirkt in der Rolle der verzweifelten, völlig hilflosen Mutter ausgesprochen ausgezehrt, knochig, fast zerbrechlich. Doch die Figur wächst immerhin durch die Widerstände, die ihr entgegenwehen. Eastwood, der alte Hase des Filmgeschäfts, schuf mit „Der fremde Sohn“ einen hervorragend inszenierten Film. Wenngleich die schauspielerische Leistung der Akteure gelegentlich ein wenig hölzern und stereotyp wirkt, kann dies die opulente Ausstattung bestens auffangen. Kleinsten Details wurde größte Aufmerksamkeit geschenkt. Für zwei kurze Szenen wurde ein Straßenbahnwagen nachgebaut. Kostüme, Frisuren und alte Automobile wurden exakt im Stil der Zeit ausgewählt. Der Betrachter findet sich folglich mit erstaunlicher Intensität in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts katapultiert: in eine gepflegte und elegante Welt ohne Baggy-Pants, ohne Hip-Hop, ohne Graffiti, ohne stumpfe Betonkästen und hemmungslose Werbung, ohne Verkehrsstau, ohne Vermüllung und Zerstörungsrandale. Schon dieser Blick läßt den Film zum ästhetischen Genuß werden. Fotos: Christine Collins (A. Jolie) und ihr Sohn Walter: Wahrheitssuche

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