Vulkanische Ungeduld mit dem Zeitgeist

Große philosophische und zeitkritische Entwürfe sind meist mit Herzblut geschrieben: aus einer Erfahrung des Daseins heraus, die schärfer empfunden ist als die anderer Menschen. Daher rührt ihr Schwung im Ganzen, ihre Radikalität, ihr Wille, zum Eigentlichen vorzustoßen und sich nicht mit Halbherzigkeiten zufriedenzugeben. Eben daraus ziehen sie ihr Potential, auch denjenigen als Leser zu gewinnen, der auf Schritt und Tritt Widerspruch anmeldet. Zu Denkern dieser Art gehören vor allem Autoren wie Max Stirner, Søren Kierkegaard, natürlich Friedrich Nietzsche, aber auch noch im 20. Jahrhundert Thomas Bernhard oder Emil Cioran: Autoren also, die man nicht wegen ihrer Antworten, sondern wegen ihrer Fragen liest. In diese heterogene Tradition reiht sich auch der Philosoph Frank Lisson mit seinem neuen Werk „Homo absolutus“ ein, einer 500 Seiten starken Generalkritik und Abrechnung mit dem Ungeist der 68er. Lisson, dem wir bereits kleine, aber feine Darstellungen zu Nietzsche (2004) und Spengler (2005) sowie eine Edition von Spenglers „Jahren der Entscheidung“ (2007) verdanken, macht sich an nichts Geringeres als eine Gesamtdiagnose unserer Gesellschaft. Wie die erwähnten Ahnherren des Autors zeigen, ist seine Position keineswegs „konservativ“, sondern entschieden freiheitlich, unabhängig, nonkonformistisch. Der Anspruch, den Lisson mit seinem Buch erhebt, ist hoch – und so ist auch die Fülle der behandelten Themen groß: Kunst, Literatur, Staat, Demokratie, Schuld und Moral, Geschichte, Zeit, Geschlecht, Liebe, Schönheit, Stil, Krieg, Leib, Zeugung, Freigeisterei. Lisson bietet keine ermüdende Abhandlung, sondern eine Sammlung von Aphorismen im Stile Nietzsches. Das erschwert eine Zusammenfassung des Inhalts. Zugleich eröffnet diese Schreibweise aber auch für jeden Leser eigene Zugänge zu Lissons eigenwilliger Philosophie. Diese ist ein radikales Plädoyer für geistige Freiheit ohne Rücksicht auf Sprachregelungen. Was aber heißt es, nach den Kulturen zu leben? Für Lisson ist es vor allem der Versuch, sich trotz der scharfen Polemik gegen unsere Zeit in ein überzeitliches Denken hineinzubegeben. Dieses wird von Lisson als „philosophische Dichtung“ bezeichnet. Einer solchen Philosophie geht es um Inspiration und Anregung: Lisson will nicht unterhalten, sondern den Leser „herausfordern wie einen Duellanten“. Und dies gelingt ihm auch, in immer neuen Anläufen dieses geradezu überschäumenden Buches. Lisson wendet sich nicht nur gegen die kulturelle Hegemonie der 68er; denn diese sind gewissermaßen nur zufällig an den Hebeln, die den Diskurs regulieren. Als Philosoph entgeht ihm nicht, daß die radikale Freiheit, die er in Anspruch nimmt, zu keiner Zeit mehrheitsfähig war oder sein wird. Man spürt in Lissons Werk eine leidenschaftliche, ja vulkanische Ungeduld mit diesen Umständen, die offenbar gewollt unrealistisch ist: Lisson hofft nur auf kleine Terraingewinne im Raum des Eigenen, den es gegen die „Bewußtseinsindustrie“ zu sichern gilt. Die von ihm entwickelte gedankliche Konzeption einer „totalen Gegenkultur“ ist ein Regulativ im Denken. Aber da der Homo absolutus tatsächlich alles an Freiheit will, erweist sich dieser letztlich als Utopie. Lissons zornige Klage über die Gleichgültigkeit der Gegenwartsgesellschaft gegen das wirklich freie Denken ist deshalb ambivalent: Denn auch und gerade seine Vorstellung eines Homo absolutus setzt ebendiese Gleichgültigkeit in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht voraus. Während man Lisson viele scharfe und treffende Beobachtungen zugestehen wird, die mit Schwung vorgetragen werden, stellt sich doch die Frage, ob seine Diagnose objektiv zutrifft, ob wir also tatsächlich „nach den Kulturen“ leben. Daran kann man begründete Zweifel anmelden. Lissons perspektivische Betrachtung erfolgt nämlich aus dem Kern der westlichen Wohlstandsgesellschaft heraus, die es sich – offenbar immer noch – leisten kann, sich überhaupt so etwas wie Vorstellungen von „absoluter“ Freiheit zu gönnen. Lisson fordert zwar dazu auf, daß wir „absolute Menschen“ werden sollten, doch wirkt die Beschreibung dieses Menschentyps in manchen seiner Aphorismen eher als Bestandsaufnahme eines Problems denn als eine Antwort darauf. Um die Form und den Inhalt der von Lisson propagierten Freiheit, die nicht in jeder Hinsicht überzeugen, kann und soll man streiten – daß dies in Deutschland ohne Diffamierung und Stigmatisierung gelingen könnte, wäre ein Zeichen für die Besserung der Verhältnisse. Lisson ist unzweifelhaft einer jenen seltenen Menschen, die man ohne zu zögern als Denker der Freiheit bezeichnen kann. Als Denker einer Freiheit, die nicht mehr bereit ist, sich den Diskursbedingungen zu unterwerfen, welche seit Jahren und Jahrzehnten von den 68ern unserem Land auferlegt werden. Lisson treibt einen Denkstil, der jeglicher politischen Korrektheit abhold ist – dies ist kein geringes Verdienst, weshalb man seinem Buch zahlreiche Leser aus allen politischen Lagern wünscht. Frank Lisson: Homo absolutus. Nach den Kulturen. Edition Antaios, Schnellroda 2008, gebunden, 496 Seiten, 25 Euro Foto: Fritz Kühn, Blick in den Innenhof der Universität, Padua 1958: Kleine Terraingewinne sichern

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