In einem Tag um die ganze Welt

Bremerhaven ist um eine Attraktion reicher. Ende Juni hat das Klimahaus eröffnet, ein Jahr später und mit 107 Millionen Euro 37 Millionen teurer als geplant. Herausgekommen ist eine Architektur, die Aufsehen erregen, Wissen vermitteln – und nicht zuletzt auch Energie einsparen möchte.

Zwischen Deutschem Schiffahrtsmuseum, Zoo am Meer, Auswanderermuseum sowie dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung gelegen, schmiegt sich das gläserne Gebilde an den Deich der Außenweser. Es vervollständigt das für die von hoher Arbeitslosigkeit betroffene Seestadt sehr ambitionierte Großprojekt „Havenwelten“. Überragt von einem Hotel-Hochhaus, das mit seiner geblähten Segelform an das weltberühmte Luxushotel Burj al Arab in Dubai erinnert, ziert nun ein 125 Meter langes sowie 30 Meter hohes, silbrig glänzendes „Schlauchboot“ den Hafenkai. Unter dem auffälligen Äußeren, für dessen aufwendige Konstruktion Anleihen im Schiffbau gemacht werden mußten, befindet sich indes eine relativ konventionelle Architektur aus Beton. Entworfen wurde sie von dem Bremer Architekten Thomas Klumpp, der bereits für das ebenfalls durch seine gerundeten Formen auffällige Wissenschaftsmuseum „Universum“ in Bremen verantwortlich zeichnet.

Von 18.800 Quadratmetern Bruttogeschoßfläche stehen 11.500 dem Publikum als Ausstellungsfläche zur Verfügung, eingeteilt in die Rubriken „Reise“, „Elemente“, „Perspektiven“ und „Chancen“. Nach dem Empfang im hellgrün und weiß gehaltenen, alle fünf Stockwerke überspannenden Foyer mit Oberlicht und weiter Freitreppe muß sich der Besucher also zunächst entscheiden, welchen der vier Ausstellungsteile er zunächst ansehen möchte.

Den Schwer- und Höhepunkt bildet die Abteilung „Reise“ und sollte bei knappem Zeitbudget für einen Besuch auf gar keinen Fall ausgelassen werden. Sie beginnt mit einem kleinen Kinofilm über Axel Werner, Architekt und Globetrotter. Er packt seine sieben Sachen, meldet sich auf seinem Anrufbeantworter für das kommende Jahr akustisch ab und fährt zusammen mit einem Kamerateam immer schön auf dem achten Längengrad Richtung Süden, einmal um den gesamten Globus.

Hitze in der Sahelzone, Eiswände in der Antarktis

Von Bremerhaven aus geht es mit dem Zug zunächst quer durch Deutschland bis zur ersten Station in der Schweiz. Dort trifft er in Isenthal auf Hedy und Werner, beobachtet ihren Alltag auf der Alm, läßt sie jodeln und davon erzählen, wie die Gletscher immer weiter schmelzen. In kleinen Sequenzen werden die Interviews auf Monitoren präsentiert, die hübschen Kulissen imitieren Steilwände und Kühe, einen Gletscher und das Gipfelkreuz. Dann geht’s weiter nach Südeuropa.

Auf Sardinien landet Werner auf einer Kräuterwiese, wird per Trickfilm auf Insektengröße geschrumpft und mit ihm die Besucher. Denn in der nächsten Station umgeben meterhohe Grashalme das Publikum, eine riesige, verbeulte Blechbüchse liegt dazwischen, und mit ferngesteuerten Kameras können Kleintiere in Terrarien beobachtet werden.

Die dritte Station liegt in Afrika. „Ich bin ein Meer“ steht an einer rostigen Wand, davor Sand und Fels sowie eine mitten im Raum stehende Betonsäule. Die Auflösung: Vor 135 Millionen Jahren befand sich tatsächlich einmal dort, wo heute Sand und Hitze vorherrschen, ein Ozean. Nach und nach verschwand alles, doch selbst vor 200 Jahren grünte und blühte es noch, wo heute nur Ödnis ist. Die Betonsäule hingegen ist ein simpler Planungsfehler.

Satte 35 Grad Celsius herrschen in dem anschließenden großen, dunklen Raum, in dem die Sahelzone nachempfunden wurde. Dennoch halten es hier die meisten Besucher am längsten aus auf der langen, breiten Kunstlederliegewiese und schauen sich den Film über das Leben der Tuareg-Nomaden an.

Im nächsten Abschnitt der Ausstellung tastet man sich durch einen düsteren, schwül-warmen Regenwald, dann geht es durch den Korup-Nationalpark in Kamerun mit Wasserbecken, Baumstümpfen und einer wackeligen Hängebrücke. Hier erfährt man, daß die Hälfte aller bekannten Tierarten und zwei Drittel aller Blütenpflanzen in den tropischen Regenwäldern leben, aber auch, wie viele Hektar davon jeden Tag verschwinden.

Die Antarktis dann wird durch eine große Kältekammer imitiert, in der bei sechs Grad minus Eiswände wachsen, aber auch ausgesprochen rutschige Verhältnisse herrschen. Wem das zu heikel ist, der kann über eine Ausweichstrecke gleich weiterreisen. Über eine „Himmelsleiter“ gelangt man in die obersten Etagen. Dort empfängt den Besucher ein nach dem barocken Vorbild von Tiepolos Fresken in der Würzburger Residenz ausgemalter Raum. Hinter dem schließt sich zu sphärischen Klängen ein eindrucksvoller Gang durch den nächtlichblauen Sternenhimmel an.

Wieder auf der Erde angekommen, landet der Besucher auf Samoa. Das Südseeparadies ist die lieblichste Etappe der rund einen Kilometer langen Reise, mit Palmen und Strand, Bambus-hütte und kleiner Kirche. Man erfährt viel über das Leben der Insulaner, ihre Verhaltensregeln, aber auch, wie diese Idylle jeden Tag durch Raubbau und eingeschleppte Pflanzenarten immer weiter zerstört wird. Mitten durch das Meer führt die Route in den Bereich der Aquarien. Hinter dicken Panzerglasscheiben tauchen Kugelfische, Rochen, Zebramuränen und Quallen auf.

Weiter geht es in die einsamen Weiten Alaskas, in eine karge Landschaft, dargestellt durch wunderbar gemalte Wandbilder, in denen schemenhaft Tiere auftauchen Die Ureinwohner dort leben seit Jahrhunderten von der Robbenjagd und vom Walfang.

Zurück in heimischen Gefilden, liegt die letzte Station der Reise auf der Hallig Langeneß. Auch hier wird der Klimawandel, so wie er mit dem neuen Museum in Bremerhaven thematisiert wird, in Zukunft nicht ohne Folgen bleiben. Genau die werden dann in dem Ausstellungsbereich „Perspektiven“ näher erläutert. Bei aller Unsicherheit der Prognosen sind bestimmte Szenarien schon jetzt abzusehen und werden von Kinderstimmen erzählt in kleinen Kugeln, die mit Stegen an eine Gangway angekoppelt sind und ein wenig an das Brüsseler Atomium erinnern.

Energiebedarf wird umweltschonend gedeckt

In der Abteilung „Elemente“ hingegen geht es um wissenschaftliche Grundlagen des Klimas, an zahlreichen Ständen darf selbst experimentiert werden. Und in dem Abschnitt „Chancen“ lernt der Besucher, was er selbst in seinem Alltag verändern kann, um „klimafreundlicher“ zu leben.

Damit kommt auch der Energiebedarf des Klimahauses selbst ins Spiel: Durch freie Lüftung, Kühltürme, oberflächennahe Geothermie in 464 von insgesamt 770 Betonpfählen, auf denen das Klimahaus ruht, Wärmerückgewinnung, Nachtluftspülung, Photovoltaik und Betonkernaktivierung der Geschoßdecken wird versucht, den zusätzlichen Energiebedarf eklatant zu senken. Die dann noch benötigte, extern erzeugte Energie stammt als Fernwärme aus dem Müllheizkraftwerk der Stadt sowie Wind- und Wasserkraftanlagen.

Geöffnet ist das Klimahaus bis Oktober wochentags von 9 bis 19 Uhr, am Wochenende ab 10 Uhr. Von November bis März schließt das Haus bereits um 18 Uhr. Der Eintritt kostet 12,50 Euro (ermäßigt 8, 50 Euro). Internet: www.klimahaus-bremerhaven.de

Foto: Klimahaus Bremerhaven 8° Ost: Die „Wissens- und Erlebniswelt“ veranschaulicht die unterschiedlichen Klimazonen der Erde

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