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Im dunklen Unbewußten des Planeten

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Im dunklen Unbewußten des Planeten

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Nein, die Tiefsee gehört nicht in unsere Welt – noch weniger als die fernsten Planeten. Sie ist das Unbewußte der Erde: dunkel und unendlich tief. Bis ins letzte Jahrhundert drang kein Mensch zu ihr vor. Niemand wußte, was dort lebt. Statt dessen projizierte man zahllose Mythen und Monster in die Tiefe: Götter wie Poseidon, Meerjungfrauen, Riesenkraken, kilometerlange Seeschlangen – von Matrosen mit weit aufgerissenen Augen und zitternder Stimme der Landbevölkerung fabuliert.

Dichter und Literaten ließen sich das nicht zweimal erzählen, brachten sie zu Papier. Jules Verne erlaubte seinem Kapitän Nemo, „20.000 Meilen unter dem Meer“ zu forschen, in der „Nautilus“, einem Vorfahren heutiger U-Boote. Vielleicht ist es kein Zufall, daß die Erfindung der dazu notwendigen Technik zeitlich parallel zur Entdeckung des menschlichen Unbewußten lief. Dessen „fiktionale“ Verschmelzung mit der Tiefsee ließ nicht lange auf sich warten. So ahnte Otto Weininger schon 1903, daß die finstere Tiefsee der Ort des Bösen sei: „Es kam mir (Frühling, 1902) der Gedanke, daß die Tiefsee in einer Beziehung zum Verbrechen stehen müsse (…) Die Tiefsee hat keinen Teil am Licht, dem größten Symbole des höchsten Lebens; und so muß auch, was den Aufenthalt dort wählt, lichtscheu, verbrecherisch sein. Die Polypen und Kraken können, wenn sie Symbole sind, jedenfalls nur als Symbole von Bösem betrachtet werden.“

Zwanzig Jahre später stand die Tiefsee symbolisch für die Überschwemmung des Menschen durch die Technik. Ernst Jünger begriff  inmitten moderner Materialschlachten: „Wir leben wie Wesen der Tiefsee ohne Kenntnis der ungeheuren Gewichte, die wir bewältigen“ (Das Wäldchen 125). Carl Schmitt meinte sogar, daß „wir Erdbodenkriecher durch die Flugzeuge um eine Dimension herabgedrückt werden und unser Erdboden sich dadurch, daß über ihm ein Luftverkehrsnetz gespannt ist, eigentlich in eine Art Meeresboden verwandelt“. Kurz: Der Mensch versinkt in einem Meer von Technisierung, die er selber schuf.

Solche Spekulationen und Analogien lassen sich in der „Tiefsee“-Ausstellung des Berliner Museums für Naturkunde bis zum Januar 2010 überprüfen. Dafür wurden exemplarische Bewohner des geheimen (Ab-)Grunds ans Tageslicht bzw. in die Vitrinen gezerrt. Gewiß, es ist nur ein Bruchteil, überhaupt weiß man noch so wenig über diesen Kosmos. Aber eins zeigen die Exponate in jedem Fall: Die Tiefsee ist kein Ort des Bösen, steht aber in vielfacher Hinsicht seitenverkehrt zu unserer Lebenswelt. Tiere, die in ihrer Land-Version winzig klein sind, finden sich im alptraumhaften Dunkel der Tiefe als Riesenmutation: Gigantische Asseln sowie die drei Meter große japanische Riesenseespinne tummeln sich ab 300 Meter Tiefe. Oder Fische, die sich erst nach dem 30. Lebensjahr fortpflanzen. Und lebende Fossilien wie der Quastenflosser, ein Überbleibsel längst vergangener Erdzeitalter. Andere Lebewesen, selbst deren Knochen sind so durchsichtig wie hinter einem Röntgenschirm.

Filmaufnahmen, gedreht aus einem Unterseefahrzeug, zeigen den Meeresgrund als Fels- und Sandlandschaft inmitten von Dunkelheit. Kleine Leuchtfische schweben wie Sterne durch den Raum, erschließen ihn mittels ihres biologischen Pumplichts. Die Assoziation zur Mond- oder Planetenoberfläche scheint unausweichlich. Man glaubt, das Weltall zu bereisen. Nur finden sich hier tatsächlich geheimnisvolle Lebewesen: Fische mit riesigen Augen, die an populäre Darstellungen von Aliens erinnern; insbesondere die 15 Meter langen Riesenkalmaren, deren Sehorgane eine Größe von 30 Zentimeter erreichen.

Es ist, als ob Horror- und Science-fiction-Fantasien des Menschen hier ihre Wurzeln hätten, im dunklen Unbewußten des Planeten. Tarantula, die Riesenspinne, großäugige Aliens, Sandwürmer, lebende Sterne inmitten der Einsamkeit: Alles, was Autoren auf fremde Planeten projizierten – hier lebt es. Ja, der Meeresgrund wurde in ein Weltall verlegt, wo höchstwahrscheinlich nur tote Materie zu finden ist.

Dabei erlebt man in der Tiefe  auch Lebewesen von zartester Poesie, die sich schon in deren Namen – Seefeder oder Seelilie – verrät. Hier demonstriert das Leben seinen unbedingten Willen zur Selbstrealisierung – notfalls sogar ohne Sonnenlicht: in den „Black Smokers“, heißen Meeresquellen, umgeben von einer lichtunabhängigen Biosphäre, lebende Hymnen an die Nacht. Was als überlaufende Phantasie der Romantiker verlacht wurde, erweist sich als real. 

Andererseits zeigt die Ausstellung auch eine aus Fischhaut gebastelte Meerjungfrau, mit der frühe Fabulierer ihr Publikum überzeugen wollten.

Daß uns die Tiefsee immer noch fremd ist, hindert diverse Staaten nicht, sie als Mülltonne und Rohstoffreservat zu nutzen: So sterben zahlreiche Lebewesen, ohne daß wir sie gekannt haben. Daran könnte langfristig auch der Mensch zu(m) Grunde gehen, seelisch auf jeden Fall.

Die Ausstellung „Tiefsee“ ist bis zum 31. Januar 2010 im Berliner Museum für Naturkunde, Invalidenstraße 43, zu sehen. Öffnungszeiten: Di.–Fr. 9.30 bis 17 Uhr, Sa./So. 10 bis 18 Uhr. Telefon: 030 / 20 93 85 91, Internet: www.naturkundemuseum-berlin.de

Foto: Anglerfisch-Plakat der Ausstellung (l.), Pompejiwurm, Seespinne, Fangzahn (v.o.n.u.): „Lichtscheu, verbrecherisch“

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