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Hitler wurde doch in Versailles geboren

Unter Freunden hilft man sich gern einmal. Hat der eine etwa ein Buch geschrieben, kann der andere mit einer Rezension zu Diensten sein. Die fällt dann natürlich so lobend aus wie Heimo Schwilks Besprechung von Ralf Georg Reuths „Hitlers Judenhaß“ in der jüngsten Ausgabe von Gegengift (3/09).

Dabei arbeitet Schwilk die Hauptthese seines WamS-Kollegen präzise heraus. Der aus den „Stahlgewittern“ des Ersten Weltkrieges heimgekehrte Frontsoldat Adolf Hitler, im April 1919 noch im Soldatenrat der kommunistischen bayerischen „Räterepublik“, sei unter dem Eindruck der fürchterlichen Repressalien, die das Versailler Diktat dem besiegten Deutschland auferlegte, politisch nach Rechtsaußen geschwenkt und zum Judenhasser geworden. Wie Schuppen sei es Hitler von den Augen gefallen: Die „jüdischen Plutokraten“ des kapitalistischen Westen hätten sich im Bund mit den bis nach Bayern vorfühlenden „jüdischen Bolschewisten“ in Moskau gegen Deutschland verschworen. Noch die letzte Kolossalbiographie, Ian Kershaws zweibändiger „Hitler“ (2000), ignorierte aber diesen konkreten Kontext, um die vom späteren Führer und Reichskanzler fabrizierte Legende von seinem elementaren, ihn schon in den Wiener Jahren beherrschenden Judenhaß fortzuspinnen. Das paßte besser in Kershaws volkspädagogisch korrekten Deutungsrahmen, der Hitler in der Kontinuität des nahezu anthropologisch fixierten „deutschen Antisemitismus“ verortet.

In der Wiedergewinnung einer genuin historischen, auf Versailles verweisenden Erklärung liegt somit das Hauptverdienst von Reuths Buch. „Wiedergewinnung“, wie man explizit betonen muß, denn zwischen 1949 und 1968 galt Theodor Heuss’ Wendung „Hitler wurde in Versailles geboren“ als plausible Herleitung der NS-Erfolgsgeschichte. In dieser gegen Kershaw gerichteten Profilierung zeithistorischer Einflüsse auf Hitlers Weltbild erschöpft sich Reuths Werk freilich. Sein Material reicht insoweit nur für eine quellenkritische Miszelle zur jüngeren Hitler-Forschung.

Um das zu kaschieren, „streckt“ er den Text, und viele Wiederholungen ermüden den Leser. Dabei tritt zutage, was Freund Schwilk wohlwollend verschweigt: Reuth gibt die gegen Kershaw eingeforderte „Historisierung“ von Hitlers Judenfeindschaft wieder preis. Mit Hans Sachs sieht er nämlich „Wahn, Wahn! Überall Wahn!“ am Werke. Schon stilistisch ist dieses penetrante Gehämmere („Wahnbild“, „Rassenwahn“) eine Zumutung. Historisch erst recht, denn Reuth verwandelt die jüdischen Akteure etwa der Münchner Räterepublik in „vermeintliche“ Juden. Hätten aber nur „halluzinierte Juden“ dem „Wahnbild“ Hitlers wirklich eine Massenresonanz verschaffen können?    

Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhaß. Klischee und Wirklichkeit. Piper Verlag, München 2009, gebunden, 374 Seiten, Abbildungen, 22,95 Euro

Foto: Hitler (Pfeil) beim Leichenzug des ermordeten USPD-Politikers Kurt Eisner, München am 26. Februar 1919: Halluzinierte Juden

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