Langen Müller Sarrazin Wir schaffen das

 

Die Gedanken sind frei

Für Lektoren, Übersetzer, Wissenschaftler, Studierende und überhaupt alle Menschen, die jemals beruflich oder privat in die Verlegenheit geraten, den genauen Wortlaut von Zitaten nachschlagen zu müssen, ist die Google-Buchsuche die Erfüllung eines langgehegten Traums (https://books.google.de). Endlich lassen sich Bücher von vorne bis hinten durchforsten – mit einer weit verläßlicheren Suchfunktion als dem menschlichen Auge und Gedächtnis, ohne Bibliotheksbürokratie und ohne wochenlanges Warten, bis ein Exemplar verfügbar ist.

Entsprechend groß ist die Frustration, wenn die Eingabe eines Titels in die Google-Suchmaske neben den bibliographischen Angaben nur die lapidare Auskunft „Keine Vorschau verfügbar“ und das Angebot erbringt, das gewünschte Werk bei einem der führenden Online-Buchhändler oder -Antiquariate zu erwerben.

Ginge es nach dem Willen derjenigen, die im hiesigen Kulturbetrieb das Sagen haben, würde dieser Hinweis sehr viel öfter erscheinen bzw. Googles Vorhaben, den Bestand amerikanischer Bibliotheken in digitaler Form weltweit zugänglich zu machen, vollends unterbunden werden. Politiker im Wahlkampfjahr, viele Verleger und Autoren, Schriftstellerverbände und das FAZ-Feuilleton machen kräftig Stimmung gegen den im vergangenen Oktober nach einer 2005 angestrengten Sammelklage in den USA ausgehandelten Vergleich zwischen der neuen und den alten Marktmächten (www.googlebooksettlement.com).

Der sieht vor, daß Google vergriffene Bücher digitalisieren darf, deren Urheberrecht noch nicht abgelaufen ist, sofern die Rechte­inhaber nicht bis zum 5. Januar 2010 einer solchen Verwendung widersprochen haben. Jeweils zwanzig Prozent des Textumfangs sollen Internet-Nutzern kostenlos zugänglich sein, für die Volltextanzeige wird eine Nutzungsgebühr erhoben. Google verpflichtet sich, 60 US-Dollar pro eingescanntes Buch sowie 63 Prozent aller aus diesem Dienst resultierenden Werbeeinkünfte an eine Verwertungsgesellschaft abzuführen, die das Geld dann – ähnlich der VG Wort, die hierzulande Einnahmen aus dem Verleih und der mechanischen Vervielfältigung urheberrechtlich geschützter Texte verwaltet – an die Rechte­inhaber der digitalisierten Werke verteilt, so diese sich ermitteln lassen.

Zuletzt meldete auch das US-Justizministerium Bedenken gegen den Vergleich an, dessen Konditionen Google eine nach dem amerikanischen Kartellrecht unzulässige Monopolstellung einräumten. Die vorläufig endgültige Klärung der Angelegenheit, die diese Woche durch eine abschließende Fairneß-Anhörung vor dem New Yorker Bundesbezirksgericht erfolgen sollte, wurde daraufhin vertagt. 

Freilich sollten Literaturschaffende sich sehr genau überlegen, was ihnen wertvoller ist: die eifersüchtige Wahrung ihres „geistigen Eigentums“ – das ja zumeist keineswegs in der Abgeschiedenheit des eigenen Geistes entsteht, sondern im bewußten und unbewußten Austausch mit vielen anderen Stimmen, und das zu großen Teilen an Literaturagenturen und Verlage verpfändet werden muß, bevor Google überhaupt Zugriff darauf und Interesse daran hat – oder aber die Erleichterung ebenjenes Austausches um ein Vielfaches.

Ein Problem gibt es trotzdem. Dieses liegt aber gerade nicht in der freien Verfügbarkeit eines Guts, sondern – wie so oft – in seiner Verwendung für kommerzielle Zwecke. Auch in der ökologischen Diskussion wird ausgerechnet der Schutz des Eigentums von interessierter Seite als wirksame Methode zur Pflege und Bewahrung eines erhaltenswerten Schatzes, hier zur Rettung der Umwelt, ins Feld geführt: Was keinen Marktwert hat, werde auch nicht wertgeschätzt, sondern schonungslos geplündert.

Nur ist das Literaturerbe kein von Verknappung bedrohter Rohstoff, sondern eine der wenigen Ressourcen unseres Planeten, mit denen wir gar nicht verschwenderisch genug umgehen können: Je geringer der Preis, je größer die Nachfrage, je hemmungsloser der Konsum, desto nachhaltiger entwickelt sich der Bestand. (Abgesehen davon, daß für jede Druckauflage Bäume sterben müssen und die Energie, die für Produktion und Transport draufgeht, gegen den Stromverbrauch bei der Bereitstellung und Nutzung eines Buchs in digitaler Form aufzurechnen wäre. Derartige Erwägungen pflegen kulturbeflissene Zeitgenossen indes – noch – als hysterischen Öko-Fanatismus abzutun.) Manche Schriftsteller haben das längst begriffen und ihre Worte und Ideen zur nichtkommerziellen (Weiter-)Verwendung freigestellt – teils unter dem ideologischen Kampfbegriff einer „Copyleft“-Lizenz. 

Die Gedanken mögen frei sein – aber Wissen ist Macht, das erkannten schon die Enzyklopädisten, die es im Zuge der Aufklärung zusammentrugen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machten. Vor allem läßt sich – zumal in der spätkapitalistischen Informationsgesellschaft – ordentlich Profit daraus schlagen. Anders als etwa das ehrenamtlich betriebene und mit Spenden finanzierte Project Gutenberg (www.gutenberg.org, nicht mit dem Gutenberg-Projekt des Spiegel zu verwechseln), das seit 1971 fast 30.000 gemeinfreie Werke digitalisiert hat, hat Google mit seiner Online-Bibliothek nicht Volksbildung und Gemeinwohl im Sinn, sondern knallhartes Kalkül.

Seit ihrer Gründung im September 1998 hat sich die kalifornische Firma Google Inc. – heute die wertvollste Marke der Welt – quasi ein Monopol aufgebaut: Mit der das gesamte Internet umspannenden Text- und Bildsuche, der debilen, aber in Einzelfällen durchaus nützlichen Übersetzungsfunktion, Google News, Google Maps, Google Books und der Wikipedia-Konkurrenz Google Knol sind die wichtigsten Informationsdienste für den alltäglichen Gebrauch von Millionen Verbrauchern unter einer Adresse vereint. Deren Nutzung wird zwar kostenlos angeboten, doch läßt sich schon die Allgegenwart und Bekanntheit der Marke Google, die vielen geradezu als Synonym für das World Wide Web gilt, über Werbeeinnahmen in klingende Münze umwandeln.

Die Wahrnehmung des Konzerns als gutmütiger Riese getreu seinem Motto „Don’t be evil“ ist naiv – der Glaube, bei dem Streit um seinen Büchersuchdienst gehe es vornehmlich darum, die Rechte wehrloser, geschäftlich unbedarfter Autoren vor einem skrupellosen Aus- oder Freibeuter in Schutz zu nehmen, nicht minder. Der Kampf um die Hoheit über Wissen und Information im Internet-Zeitalter – sprich: um die Frage, wer es schafft, daran zu verdienen – hat gerade erst begonnen; das zeigen nicht zuletzt die Erfolge der Ein-Thema-Piratenpartei.

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