Joachim Kuhs

 

Dichter des Unausweichlichen

Wie wenn er aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde der Dichter von Zeit zu Zeit plötzlich sichtbar, um alsbald wieder hinter Nebelwänden zu verschwinden, einer der großen Ungelesenen der deutschen Literatur: Hans Henny Jahnn.

Alle paar Jahre, zu seinen Geburts- und Todestagen waren verstärkte Aktivitäten wahrnehmbar, Jahnn-Wochen in Kassel oder Hamburg, Jubiläumsinszenierungen an großen deutschen Bühnen, Ausstellungen, Konzerte, Kongresse, Diskussionen, zum 80. Geburtstag die Leseausgabe seiner Hauptwerke, der Hans Mayers „Versuch über Hans Henny Jahnn“ voranstand, zum Hundertsten dann der Abschluß der Großen Hamburger Ausgabe. Den öffentlichen Durchbruch für Jahnn bedeuteten sie alle nicht, auch nicht der 1989 von Botho Strauß initiierte Essaywettbewerb über Jahnns Hauptwerk „Fluß ohne Ufer“, für den der Dichter das Preisgeld des ihm verliehenen Büchner-Preises zur Verfügung gestellt hatte.

Im Jahre 1894 in eine konservative protestantische Hamburger Familie hineingeboren, läßt sich Hans Henry Jahn gerne mit seinem zweiten Vornamen „Henny“ anreden, der auf eine Verschreibung des Namens im Taufregister zurückgeht. Seine Mutter hatte sich eine Tochter gewünscht. Den Nachnamen Jahn erweitert er eigenmächtig zu Jahnn, um sich in die lange, manisch ausgeforschte Ahnenreihe seiner Familie zu stellen und von dem Trauma zu lösen, Doppelgänger seines im Alter von zwei Jahren gestorbenen Bruders Robert Gustav zu sein, von dem er später behauptet, jener habe gleichfalls Hans Jahn geheißen. Zu anderen Jungen fühlt sich Jahnn erst schwärmerisch, dann auch sexuell hingezogen. Auf der Realschule St. Pauli lernt er den ein Jahr älteren Gottlieb Friedrich Harms kennen, der sich auf Dauer seinem Werben weder entziehen kann noch will. Ihre lebenslange Beziehung wird ein kompliziertes Muster wechselnden Dominanz- und Unterwerfungsverhaltens sein.

Um sich dem Kriegsdienst 1914 zu entziehen, fliehen die Abiturienten Jahnn und Harms nach Norwegen. Jahnn vertieft sich in das Studium des Orgelbaus und schreibt und schreibt und schreibt. Es entstehen die „Norwegischen Tagebücher“, die Dramen „Pastor Ephraim Magnus“ und „Die Krönung Richards III.“ sowie das Romanfragment „Ugrino und Ingrabien“. Ugrino, Zufluchtsstätte der Bedrängten und Kolonie von Kulturenthusiasten, setzen Jahnn und Harms, nach Kriegsende zurückgekehrt, zusammen mit dem Bildhauer Franz Buse und geliehenem Geld in die Tat um.

Aber die Künstlergemeinschaft und Glaubensgemeinde verläppert sich in Beziehungskisten: Buse bringt Senta Arlt mit, die er später heiratet. Über Senta Arlt lernt Jahnn Ellinor Philipps kennen, die wiederum er heiratet. Und Ellinors Halbschwester Sibylle, „Monna“, heiratet 1928 Harms. Mit Ellinor hat Jahnn dann eine Tochter, Signe, die nach Jahnns Tod dessen späte Liebe, sein Patenkind Yngve Jan Trede, heiraten wird. Die Glaubensgemeinde wird formell 1932 aufgelöst. Übriggeblieben sind die Notendrucke des Ugrino-Verlags, vornehmlich norddeutscher Orgelmeister des Barock, Baupläne Jahnns für Gebäude und Grabstätten und die Satzungen, Schriften und Berichte aus Jahnns und Harms’ Feder.

Spätestens als er für sein erstes gedrucktes Drama „Pastor Ephraim Magnus“ 1920 den renommierten Kleist-Preis verliehen bekommt, für den ihn Oskar Loerke nominiert hatte, ist Jahnn in der literarischen und Theaterwelt der Weimarer Republik weniger berühmt denn vielmehr berüchtigt. Den Schnellschüssen von dem Werk auf den Autor und umgekehrt wird Jahnn sein ganzes Leben entgegentreten müssen. Er selbst habe keine Ähnlichkeit mit den Gerüchten über ihn, beteuert er.

Anerkennung findet Jahnn als Orgelbauer. Er restauriert die Orgel von St. Jacobi in Hamburg und wird zu einem führenden Sprecher und Theoretiker der sogenannten Orgelreformbewegung. Der Autodidakt Jahnn baut und restauriert während seines Lebens über hundert Orgeln in ganz Europa. Noch einmal, 1953, löst er eine politische Kontroverse aus, als er mitten im Kalten Krieg die große Orgel für den Rundfunk der DDR entwirft.

Der Roman „Perrudja“, an dem er seit 1922 gearbeitet hat, erscheint 1929. Jahnn hält Gerichtstag über die Zivilisation und läßt Perrudja(n) die Menschheitserneuerung durch eine Elite Auserwählter, die Gesellschaft vom Goldenen Siebenstern, erträumen und ins Werk setzen. Im Februar 1932 stirbt Gottlieb Harms. Der Tod des Freundes stürzt Jahnn in die schwerste Krise seines Lebens und bedeutet die entscheidende Wende in seinem dichterischen Werk. Der zweite Band von „Perrudja“ bleibt Fragment. Die Romantrilogie „Fluß ohne Ufer“ wird neben allem andern auch eine einzige, maßlose Totenfeier für den Freund sein.

In den späten Zwanzigern und frühen Dreißigern hält er politische Reden wider den Nationalsozialismus und tritt im Dezember 1931 der Radikaldemokratischen Partei bei. Seine schmutzigen Dramen beginnen ihm durchaus gefährlich zu werden, die öffentlichen Anfeindungen nehmen zu. Nach der Machtübergabe durchsuchen SA-Männer die Wohnung im Hirschparkhaus. Jahnn verläßt Deutschland über die Schweiz und siedelt nach Bornholm über. Er kauft den Hof Bondegaard auf den Namen von Harms’ und Monnas Sohn Eduard.

Sein Verhältnis zum Nationalsozialismus bleibt ambivalent. Er vermeidet die offene Konfrontation, will sich die Möglichkeit erhalten, in Deutschland veröffentlichen und Orgelaufträge ausführen zu können, aber auch, nach seinem Tode in Deutschland begraben zu sein, neben Gottlieb Harms. Jahnns Kritik der Mehrwertmaschine, seine weit über die zwanziger Jahre hinausweisenden Einsichten in die Begrenztheit demokratischer Systeme überhaupt, koinzidieren durchaus auch mit nationalsozialistischen Vorstellungen, Jahnns Konzeption des Einzelleibs dagegen ist der eines nationalsozialistischen Volkskörpers diametral. Zwischen „Blut und Boden“ und „Blut und Hoden“, wie Jahnns Dichtungen bespöttelt wurden, gibt es wenig Vermittelndes.

Ein sanfter Mann, dessen Leben und Werk verstören

Auf Bondegaard schreibt Jahnn ab 1935 sein Hauptwerk. Dem fertigen Roman „Das Holzschiff“ – ein Detektivroman, der keiner ist – will er ein zehntes Kapitel anfügen, das die ungelösten Geheimnisse des Romans klären soll. Daraus erwächst der zweite Roman „Die Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war“. Beide Teile werden erst nach dem Krieg bei Willi Weismann in München veröffentlicht. Einen dritten Teil „Epilog“ kann Jahnn nicht mehr beenden, das Fragment erscheint postum.

Mit der „Niederschrift“ hat sich Jahnn in jene deutsche Literatur, die Weltliteratur ist, eingeschrieben. Wie nicht vorher und nicht nachher schießen in dem Roman Motive seines ganzen bisherigen Lebens und Schreibens zu uferlosem Fluß zusammen: Der Mensch als Schauplatz von Handlungen und Ereignissen ist diesen ausgeliefert, sein Handeln unausweichlich, weil seine Gegenwart von Vergangenheit und Zukunft determiniert ist, sein Erinnern Bewahren und Vernichten des Erinnerten zugleich.

Und wie nicht vorher und nicht nachher integriert die „Niederschrift“, worauf Hans Mayer hinweist, alle Verzettelungen des Orgelbauers, Musikers, Architekten, Harmonikers, Kritikers im epischen Bau. Die folgenden Werke, wie die letzten Teile des Epilogs, das Romanfragment „Jeden ereilt es“ mit der Traumsequenz „Die Nacht aus Blei“, einer Erzählung von Rang, die Dramen der Nachkriegszeit, wiederholen das Geleistete. Der Dichter Jahnn hat sich in der Niederschrift der „Niederschrift“ erfüllt.

Im Nachkriegsdeutschland wird Jahnn Gründungsmitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz und der Freien Akademie der Künste in Hamburg, deren Präsident er bis zu seinem Tode bleibt, Mitglied des deutschen PEN-Club, aus dem er nach dessen Spaltung 1952 austritt, korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Er engagiert sich öffentlich gegen Atombewaffnung und noch ungebrochene Fortschritts- und Technikgläubigkeit, gegen Tierversuche und für das Recht der Tiere. Am 29. November 1959 stirbt Jahnn an einem Herzanfall.

Leben und Werk des sanften Mannes Jahnn haben Leser und Literaturwissenschaftler verstört. Im Werk der Dichter Dieter Rolf Brinkmann, Hubert Fichte und Botho Strauß wirkt es nach. Bernd Alois Zimmermann hat eine „Medea“ nach Jahnns Drama geplant, Hans Jürgen von Bose eine kinetische Handlung „Die Nacht aus Blei“ und Matthias Pintscher eine Oper „Thomas Chatterton“ komponiert.

Galten Jahnns Einlassungen zu Tierschutz, Ökologie, Geburtenbeschränkung, Atomrüstung in den Jahren der alten Bundesrepublik als einigermaßen verschroben, so hat sich ihre Aktualität mit der Sichtbarkeit der Katastrophe, die das Überheben des Menschen über die Schöpfung, über die Tierwelt und damit über sich selbst anrichtet, erst richtig entfaltet. Da wollte einer die Schöpfung retten, von deren Untergang er überzeugt war. Wir bräuchten mehr davon.

In Hamburg wurde Jahnn geboren, in Hamburg ist er gestorben. Die Freie und Hansestadt hat ihm 1956 ihren Lessing-Preis verliehen und 2001 sein Geburtshaus abreißen lassen. Wenigstens erinnern Gedenktafeln vor und an dem Haus, das heute da steht, an den Sohn der Stadt. Zeitlebens ersehnte er erfolglos die Umarmung der Bürgerwelt, die er floh. Der Tote scheint ihr dauerhaft entkommen.                    

Foto: Hans Henny Jahnn (1895–1959): Der Bürgerwelt entflohen

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