„Das versteht der Leser nicht“

Es ist Zeit, mit einem Mißverständnis, einem nicht totzukriegenden Vorurteil aufzuräumen: Helmut Markwort ist nicht gleich Focus, und Focus ist nicht gleich Helmut Markwort. Der Gründer und Chefredakteur des Münchner Magazins hat sich aus dem Alltagsgeschäft an der Arabellastraße längst zurückgezogen. Der bald 73jährige läßt sich vor Drucklegung im wesentlichen nur noch die Geschichten aus dem Sport und der Politik zeigen, wobei sein Interesse dieser Reihenfolge entspricht. Insofern ist der jetzt angekündigte Wechsel von Markwort zu Cicero-Chef Wolfram Weimer an der Spitze des Burda-Blattes weit weniger spektakulär als manche meinen.

Die Fäden bei Focus zieht schon seit langem Markworts größter Vertrauter, Ko-Chefredakteur Uli Baur. Der stets sonnengebräunte Lebemann mit Wohnsitz am Starnberger See unterscheidet sich von Markwort nicht nur äußerlich. Auch intellektuell liegen zwischen den beiden Welten. Markwort ist ein belesener Mann mit feinem Gespür für die öffentliche Meinung. Baur sind am liebsten Geschichten rund um „Rot- und Blaulicht“, wie es auf den Fluren der Redaktion heißt. Gemeint sind die klassischen Sex-and-Crime-Themen, die den Deutschland-Teil des Magazins dominieren.

Baur ist jedoch keinesfalls ein linksliberaler Zeitgeistsurfer. Vielmehr ist der Zigarillo-Raucher ein Bauchrechter mit Angst vor der eigenen Courage. Oft fehlen ihm die Mittel, Zusammenhänge und Kampagnen zu durchschauen. Daß er der wohl einzige Chefredakteur eines renommierten deutschen Blattes ist, über den es keinen Wikipedia-Eintrag gibt, sagt eine Menge. Besonders peinlich war das von ihm zu verantwortende unterwürfige Interview mit dem angeblich von einem Rechtsextremisten niedergestochenen Passauer Polizeidirektor Alois Mannichl, als alle anderen Medien schon Zweifel an dessen Version verbreitet hatten. Baur zählt auf Name-Dropping und Exklusivität. Doch was nutzt ein exklusives Interview mit einem Mann, dessen Name in aller Munde ist, wenn es die Erwartungen der Leser enttäuscht und die exklusiven Nachrichten zu dem Fall woanders stehen?

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen Focus provokative Interviews mit nichtlinken Querdenkern veröffentlichte oder das Wort „Ausländerkriminalität“ fett auf den Titel setzte, um dann im Innenteil zu belegen, wie steigende Kriminalität und Zuwanderung untrennbar zusammengehören.

Offenbar von sich auf sein Publikum schließend, zählt Baur den Ausspruch „Das versteht der Leser nicht!“ zu seinen Lieblingssätzen. Für Baur muß alles kurz und einfach sein, doch so ist die Wirklichkeit eben nicht. Von Geschichten mit komplizierten Zusammenhängen müssen die Redakteure daher oft die Finger lassen. Viele haben die innere Schere im Kopf, so daß sie solche Themen gar nicht erst anbieten.

Zu den löblichen Ausnahmen gehören der Leipzig-Korrespondent Alexander Wendt und der Chef vom Dienst Michael Klonovsky, der jedoch viel zu selten in seinem Heft schreibt. Für die Texte eines Intellektuellen von dieser Brillanz hat Focus unter Baur nur noch sehr wenig Platz: bezeichnend für ein Blatt, das in Mediendiensten längst als „Verbrauchermagazin mit geringem politischen Anspruch“ verspottet wird. Denn von einem Nachrichtenmagazin, das einst als Konkurrenz zum Spiegel gestartet war, erwartet man eben keine Titelgeschichten über die besten Handys oder wie man sich am günstigsten die Zähne richten lassen kann. „Politische Geschichten verkaufen sich nicht“, widersprechen da Baur und Markwort unisono. Dabei käme es gerade in Konkurrenz zum Spiegel doch darauf an, die politischen Hintergründe auch einmal gegen den Strich gebürstet zu recherchieren und zu schreiben.

Die Eindimensionalität seines engsten Gefährten hat Markwort nie wahrhaben wollen. Er hat die Verantwortung blind in Baurs Hände gelegt, ihn von seinem Stellvertreter zu seinem Ko-Chefredakteur gemacht. Heute befindet sich das Nachrichtenmagazin in einem kritischen Zustand. Die Anzeigenkunden bleiben aus, und die Zahl der Abonnenten ist im dritten Quartal 2009 gegenüber dem Vorjahr um gut 26 Prozent auf etwa 260.600 Exemplare gesunken. Die Gesamtauflage liegt bei 614.000.

Kann Wolfram Weimer den Trend stoppen? Die größte Hypothek des Cicero-Erfinders wird das Nachbarbüro bleiben, in dem Baur unverändert als Chefredakteur seine Zigarillos qualmen und seine alte Blattpolitik fortzusetzen versuchen wird. Weimer wird ein starkes Kreuz brauchen, um den Widerstand zu brechen und das Heft wieder für jene Schichten interessant zu machen, für die es gegründet wurde: die Menschen, die sich auf hohem Niveau informieren wollen, denen der Spiegel aber zu links ist; Leser, die die Themen, die sie aus dem Internet und ihrer Tageszeitung kennen, frech und mutig aufbereitet studieren möchten.

Daß Baur und Markwort seit Monaten einen Relaunch planen, der im kommenden Jahr das Heft attraktiver machen soll, gereicht Weimer zum Startnachteil. Wenn spätestens am 1. September 2010 der Mann an Bord kommt, der seine journalistische Karriere bei der FAZ begann und später vorübergehend die Welt führte, ist die Umstrukturierung des Focus längst abgeschlossen. Selbst wenn es nötig wäre, ist es unmöglich, einem Magazin innerhalb kürzester Zeit zum zweiten Mal ein neues Gesicht zu geben. Der liberal-konservative Weimer kann aber an den Inhalten und der Blattmischung arbeiten, und da setzen Redaktion und Leserschaft große Hoffnungen in den baumlangen Mann aus Potsdam, der am kommenden Mittwoch 45 Jahre alt wird.

Foto: Helmut Markwort: Ein belesener Mann mit feinem Gespür für die öffentliche Meinung

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