Alles kunstvoll, nichts gekünstelt

Ich verändere mich im Laufe eines einzigen Tages. Ich wache auf und bin eine Person, und wenn ich einschlafe, weiß ich genau, daß ich jemand anders bin.“ Wenn das stimmt, was Bob Dylan hier behauptet, ist es kein Wunder, daß er seine Mitwelt im Laufe einer fast ein halbes Jahrhundert umspannenden Karriere ständig in Erstaunen versetzen konnte.

Nicht nur das Erstaunen, auch das Entsetzen war bekanntlich groß, als er 1965 beim Newport Folk Festival seinem alten Selbst, dem Folk-Troubadour und Protestsänger, den Ton abwürgte, seine Gitarre in einen Verstärker steckte und drauflosrockte. Das Erstaunen wuchs, als er nach seinem Motorradun­fall 1966 ins „Big Pink“-Exil ab- und ein Jahr später wieder auftauchte, um mit dem hervorragenden Country-Album „John Wesley Harding“ die Psychedelia-Szene aufzumischen. Und es wuchs weiter, als er Ende 1978 seine Bekehrung zum Christentum verkündete. Dylans religiöse Schaffensphase hielt drei Alben lang an und endete mit „Shot of Love“ (1981).

Der explosive Schaffensdrang jedoch, von dem Dylan besessen scheint, seit er 1997 seine 1988 begonnene never-ending tour unterbrach, um „Time Out Of Mind“ aufzunehmen, dürfte selbst die geduldigsten Jünger mehr als erstaunt haben. Sein erstes Album mit Original-Material seit sieben Jahren brachte ihm Platin und drei Grammys ein – die Durststrecke der Achtziger und Neunziger lag ein für allemal hinter ihm.

Der rastlose Musikant wildert in neuen Revieren

Von nun an war Dylan nicht mehr zu bremsen. Wenn er nicht auf der Bühne stand, war der Mann, der am 24. Mai seinen 68. Geburtstag beging, mit Dreharbeiten für Larry Charles’ „Masked and Anonymous“ (2003), zu dem er auch den Soundtrack beisteuerte, und Martin Scorseses Dokumentation „No Direction Home“ (2005) beschäftigt, schrieb am ersten Band seiner „Chronicles“, moderierte die „Theme Time Radio Hour“ und spielte ganz nebenbei zwei seiner stärksten Platten seit den Siebzigern ein. „Love and Theft“ (2001) und „Modern Times“ (2006) schöpfen beide aus den uramerikanischen  Traditionen des Country, Folk und Blues als Begleitmusik zu Dylans Reflexionen über die Vergänglichkeit.

„Together Through Life“, produziert von seinem Alter ego Jack Frost, der sich stets erstaunlich treu bleibt, ist Dylans 33. Studioalbum und eine perfekte Ergänzung zu den zwei Vorgängern. Wieder hängt Dylan die meisten Stücke am bewährten Gerüst des zwölftaktigen Blues-Rhythmus auf. Doch während „Love and Theft“ spielerisch daherkam, getragen von einem leichtfüßigen Country-Swing, und „Modern Times“ einen geschliffenen R&B-Ton kultivierte, hüllt die neue Scheibe ihre Weltschmerz-Meditationen in Melodien von bodenständiger Ursprünglichkeit: Hier ist alles kunstvoll, aber nichts gekünstelt. Nie zuvor hat Dylans trotziges Krächzen, ein Klanginstrument, das mit jedem Jahr auf Tournee mehr Rost anzusetzen scheint, so gut zu einem Reigen Lieder gepaßt.

Gleich in der allerersten Nummer, „Beyond Here Lies Nothin‘“ –  wie alle bis auf eines der zehn Stücke in Zusammenarbeit mit Robert Hunter, dem Reimeschmied der Grateful Dead, entstanden –, empfiehlt sich seine Tourneeband mit einem straffen, dröhnenden nachmitternächtlichen Blues, dem David Hidalgos (Los Lobos) Akkordeon und Mike Campbell (The Heartbreakers) mit scharfen Gitarrenhieben einen Hauch mexikanischer Würze verleihen. Vor den zur Schrotthalde verkommenen „Bergen der Vergangenheit“ fleht jene Stimme, längst nur noch ein Geist ihrer selbst, die Geliebte an, ihn nicht zu verlassen – so vergeblich, man ahnt es, wie seit über vierzig Jahren, in einem Refrain nach dem anderen.

Es folgt das programmatisch betitelte „Life Is Hard“, der Keim, aus dem diese Platte wuchs – und zwar so schnell, daß man selbst bei Dylans langjähriger Plattenfirma Columbia staunte. Im Refrain der Ballade mit Country- und Jazz-Elementen, einer Auftragsarbeit für Olivier Dahans nächsten Kinofilm „My Own Love Song“, treibt der Altmeister seinen Gesang mit Hilfe von tirilierender Mandoline und Pedal-Steel noch einmal in heroische Höhen.

Mag das Leben auch hart sein, düster und traurig ist es zum Glück nicht immer. Aus den Schuppen und übel beleumundeten Kaschemmen sozial benachteiligter Regionen wie dem tiefen Süden oder der Appalachen, in deren Revieren der rastlose Musikant diesmal wildert, ertönen Klänge von unverwüstlicher Lebenslust bis in den grauenden Morgen hinein. Längst haben sich die letzten Stammgäste durch die schwüle Nacht heimwärts getrollt, doch seine Band, wackere Gefährten bei der Suche nach dem Ich, das stets ein anderes ist, stimmt eine Nummer nach der anderen an: ungestüme Country-Blues-Rocker wie „Jolene“ und „Shake Shake Mama“ oder auch ein Tribut an Willie Dixon, der mit „I Just Wanna Make Love To You“ das musikalische Fundament für „My Wife’s Home Town“ gelegt hat, eine Stadt zwischen Sodom und Fegefeuer freilich. Daß der Blues-Veteran dafür im Beiheft als Ko-Autor genannt wird, ist bei Dylan keine Selbstverständlichkeit. Es folgt „If You Ever Go To Houston“, ein Glanzlicht auf einer Platte voller Glanzlichter: minimalistische Melancholie aus dem fruchtbaren Niemandsland zwischen Mexiko und Texas. Wer weiß, wer Dylan beim Aufwachen war – zu dieser späten Stunde jedenfalls wird er zum Cowboy, zum Streuner mit einer verflossenen Liebschaft in jeder Bar von Houston bis Fort Worth. 

Ohne Zweifel ist „Together Through Life“ Dylans beste Platte in diesem Jahrhundert, wenn nicht gar der letzten zwanzig Jahre. Schwer vorstellbar, welche weiteren Wandlungen er nun noch vollziehen soll. Aber Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht immer wieder ein anderer wäre und die Mitwelt regelmäßig in Erstaunen zu versetzen wüßte.

Foto: Bob Dylan: Zur späten Stunde wird er zum Cowboy, zum Streuner mit einer Liebschaft in jeder Bar

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