Allein im All

Neben manch anderem soll 2009 nach dem Willen der UN auch das Jahr der Astronomie werden. Die Begeisterung für dieses Projekt hält sich indes allerorten in engen Grenzen. Denn die Astronomie steht längst nicht mehr im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, sie ist zu einer Spezialwissenschaft unter vielen anderen geworden, ja eigentlich schon zu einem „Orchideenfach“, einer Spielwiese für einige wenige Fachgelehrte, die man halt gewähren läßt und denen man – widerwillig – einen Jahresetat bewilligt; man könnte es jedoch genauso gut seinlassen. Die Misere liegt weniger in den Leistungen der Fachgelehrten als vielmehr in der Trockenheit und Staubigkeit der Materie, mit der sie sich beschäftigen, bzw. in deren totaler Vorgestrigkeit und Zeitferne. Satelliten-Erkundungen in der näheren Erdumgebung bezeugen, daß es sich bei den anderen Planeten um trostlose, lebensfeindliche Staub- und Gaswüsten handelt, und was uns die Observatorien über weiter entfernt liegende Raumphänomene mitteilen, klingt mittlerweile derart abstrakt, daß wir immer mehr geneigt sind, an bloße mathematische Formeln statt an reale Welten zu glauben. Die sogenannten Quasare, jene stern­ähnlichen, mit kaum zu entziffernden Röntgen- oder Infrarotstrahlen verbundenen Radioquellen, liefern uns nichts weiter als extrem weit ins Rot verschobene Linien des Wasserstoffs und anderer Elemente, die zudem geradezu wahnwitzige Fluchtgeschwindigkeiten anzeigen (als wären die Objekte nicht ohnehin schon weit genug entfernt). „Bilder“, die wir von ihnen erhalten, sind gar keine wirklichen Bilder mehr, sondern es sind im Observatorium vielfach umgewandelte, durch Fehlfarben „lesbar“ gemachte Rebusse, Rätsel also, die nichts erklären, sondern selber irgendwie gedeutet werden wollen. Hinzu kommt: Wenn die Astronomen Quasare beobachten, dann haben sie es mit Informationen zu tun, die einen Weg von Milliarden Lichtjahren zurückgelegt haben. Sie sprechen dann also über Ereignisse, die schon seit unermeßlichen Zeiten vergangen sind, sie studieren Phänomene aus einer „Zeit“, da unsere Sonne und unsere Milchstraße noch gar nicht (und noch lange nicht) existierten, „kosmische Fossilien“, wie man sich angewöhnt hat zu sagen. Was gehen uns diese fossilen Staub- und Formelwelten eigentlich an, was haben sie mit unserer existentiellen Befindlichkeit zu tun? Die Antwort kann nur lauten: Nichts! Die Hoffnung, aus solchen Pseudowelten irgendwann einmal von „vernünftigen, uns Menschen verwandten Wesen“ brüderliche Signale zugefunkt zu bekommen, ist gleich Null. All die teuren riesigen Radioteleskope, die zum Empfang solcher Signale aufgestellt werden, sind glatte Fehlinvestitionen. Der Bonner Paläontologe Heinrich K. Erben, ein knochentrockener Positivist, der sich kein X für ein U vormachen ließ, hat unwiderlegbar aufgezeigt, daß wir Menschen „allein im All“ sind, wie einer seiner Buchtitel hieß. Das populäre Klischee sagt: Angesichts der irren Größe des Weltalls „muߓ es doch einfach irgendwo vernünftige Androiden geben, mit denen sich kommunizieren läßt. Aber Erben argumentiert schlüssig, daß die Entstehung des Lebens und des Geistes keiner beliebigen Versuchsanordnung entsprungen ist, sondern einem naturhistorischen Prozeß mit Optionen an jeder Kehre, deren ungeheuerliche Menge jede der Größe des Weltalls gewidmete Mengenpotenz spielend in den Schatten stellt. Wir sind tatsächlich allein im All, und in einem solchen Falle verliert sogar – wie schon Giordano Bruno im sechzehnten Jahrhundert völlig richtig gesehen hat – die sogenannte Kopernikanische Wende jedwede Kraft. Der gestirnte Himmel „über uns“ entpuppt sich als pures Gleichnis für die Erhabenheit der Schöpfung, vergleichbar der Erhabenheit des von Kant bemühten Sittengesetzes „in uns“. Überschaubare Realfolgen für unser irdisches Tun hat er nicht mehr. Wie sehr wir das bereits verinnerlicht haben, zeigt sehr deutlich die sogenannte „Klimakrise“, also die Erderwärmung, an sich doch ein kosmisches, die Astronomie betreffendes Ereignis. Die gegenwärtige Diskussion dreht sich jedoch überhaupt nicht um den kosmisch-astronomischen Aspekt der Angelegenheit, sondern einzig darum, wie wir Menschen hier auf Erden mittels technisch-industrieller Minderung von CO2-Ausstoß der „Katastrophe“ entgehen können. Nicht Astronomen werden im Zusammenhang mit der Klimakrise zu Regierungsberatern gemacht, sondern Ökologen, nicht Himmelsgucker, sondern Kaffeesatzleser. Einst, unter geozentrischem, vorkopernikanischem Regime, war das bekanntlich anders. Die Astronomie und ihr populär-lebenspraktischer Teil, die Astrologie, rangierten als die Wissenschaften schlechthin. Nur die Eliten der Eliten in den alten Hochkulturen, die Erzpriester und Verwalter ewiger Wahrheiten, durften in ihre heiligen Hallen eintreten. Und indem diese alten Gelehrten Astronomie und Astrologie, Sternenkunde und Seelenkunde, planvoll miteinander verbanden, machten sie die erstere, die Sternenkunde, bei den Menschen erst wirklich interessant. Später, in der frühen Neuzeit, in den Zeiten der Kepler und Galilei, löste sich die Astronomie zwar resolut von der Astrologie ab, doch sie wurde nun zur Speerspitze der modernen Naturwissenschaft, zur Vorausabteilung der sogenannten Aufklärung. „Dreht sich die Sonne um die Erde, oder ist es umgekehrt?“ Diese Frage bewegte die Welt, von ihr hingen Schicksale ab, um sie wurden grausame Geisteskriege geführt. Fernrohr und Teleskop stiegen zu Chiffren des Fortschritts und zu Symbolen absoluter Welterkenntnis auf. Und noch einmal eroberte die Astronomie den Platz der unbestrittenen Leitwissenschaft, nämlich im zwanzigsten Jahrhundert, als Relativitätstheorie und Raketentechnik ungeheure Neugier und ausgedehnte kosmologische Eroberungspläne hochkitzelten. Albert Einstein und Wernher von Braun wurden zu Ikonen des Zeitgeists. Mit der Mondlandung des Raumschiffs Apollo am 11. Juli 1969 erreichte die Begeisterung ihren Höhepunkt. Von da ab ging es bergab. Peu à peu mußte man registrieren, daß auch kosmische Pläne, wie alle Pläne, nicht in den Himmel wachsen. Die Astronomie verwandelte sich immer mehr in pure Science-fiction-Literatur. Heute ist von der Euphorie der Erzpriester, der Kepler und Wernher von Braun nur noch Alltagsroutine übriggeblieben. Die seit Jahrzehnten um die Erde kreisenden Raumschiffe heißen – man ist bescheiden geworden – „Raumkapseln“; sie gleichen Reparaturstationen, die sich dauernd selber reparieren, ansonsten aber nichts astronomisch Neues herauskriegen. Hin und wieder kommt dort ein superreicher „Weltraumtourist“ vorbei, ein milliardenschwerer „Abenteurer“, der viel Geld dafür bezahlt hat, um die Unbequemlichkeiten des Kapselalltags für einige Tage zu teilen und seinen Enkeln später davon zu erzählen. Wird es eines nicht allzu fernen Tages einen neuen astronomischen Aufbruch geben wie einst im sechzehnten und im zwanzigsten Jahrhundert? Die Vereinten Nationen mit ihrem Jahr der Astronomie 2009 scheinen sich das zu erhoffen. In den von ihnen herausgegebenen Broschüren wird von „One-way-Tickets“ zum Mars und zu weiter entfernt liegenden Gestirnen erzählt und von gigantischen „Generationenschiffen“, die todesmutige Erdenbürger beiderlei Geschlechts besteigen sollen, um auf Nimmerwiedersehen im Weltraum zu verschwinden, dort fleißig Kinder zu zeugen und so eine neue, von jeder Erdenschwere befreite Menschheit zu begründen. Wie gesagt, nichts als Scien-ce-fiction. „Gute Reise!“ kann man da nur wünschen und: „Grüßt mir schön den Urknall!“

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