Zartes

Immer seltener gelingt es Politikern, sich positiv in die Kunstgeschichte einzuschreiben. Nun wäre dem ehemaligen Bürgermeister von Hamburg als Enkel des Komponisten Ernst von Dohnányi und Bruder des Dirigenten Christoph ohnehin eine Fußnote sicher gewesen, doch glückte Klaus von Dohnanyi das schier Unmögliche: den großen Zauberer Vladimir Horowitz an den Ort zurückzuholen, wo seine europäische Karriere begann, in die Laeiszhalle, Hamburgs Konzerthalle. Nach drei Auftritten in Berlin und einem Auftritt im Hamburger Hotel Atlantic war der unbekannte 22jährige Pianist im Januar 1926 mit Tschaikowskis B-Moll-Konzert für eine erkrankte Pianistin eingesprungen; der sensationelle Erfolg hatte den internationalen Durchbruch des „neuen Liszt“ bedeutet. Seit 1932 war Horowitz in Deutschland nicht mehr aufgetreten. Klaus von Dohnanyi lud 1982 den Pianisten, der sich auf Europatournee befand, nach Hamburg ein, und Horowitz sagte zu. Die beiden legendären Konzerte fanden am 11. Mai 1986 und am 21. Mai 1987 statt, das zweite wurde vom NDR aufgezeichnet und nun endlich, zum 100. Geburtstag der Laeiszhalle, auf CD veröffentlicht (Deutsche Grammophon 477 7558). Horowitz spielte das Programm, mit dem er kurz zuvor im Concertgebouw Amsterdam, im Musikverein Wien und in Berlin aufgetreten war: Schubert, Liszt, Schumann, Chopin und — Mozart, den er erst spät für sich entdeckt und seinem Personalstil anverwandelt hatte. Wer sich neue Einsichten und Aufschlüsse über die Werke der Komponisten erwartete, den wird die CD wohl enttäuscht zurücklassen, denn wie immer nimmt sich Horowitz alle Freiheiten des romantischen Virtuosen — wenn auch nicht so radikal, wie sie sich ehedem ein Franz Liszt in der Valse-Caprice „Soirées de Vienne“ gegenüber Schubert genommen hatte —, erzählt sein beredtes Spiel weit mehr von ihm selbst und seinen Empfindungen im Moment des Spiels als von dem Komponierten. Der Mittelsatz von Mozarts B-Dur-Sonate KV 333 wird unter Horowitz’ Händen zu sanftem zeitverlorenem Alterssang. Der alte Mann spielt nicht immer fehlerlos und leistet sich Flüchtigkeiten, auch arge Patzer, vermag Chopins Mazurka op. 33 Nr. 4 zu keinem Ganzen mehr zu runden, schlägt die As-Dur-Polonaise eher angestrengt denn kraftvoll an. Doch selbst da, wo er, einst Berserker am Flügel, zu stemmen sucht, was nicht mehr zu stemmen ist, weiß er noch Verluste in Gewinn umzuwandeln, nimmt er das erste Auftreten des Themas der Polonaise im Mezzopiano, damit bei dessen Wiederkehr ein Forte fast wie ein Fortissimo wirkt. Um Schumanns „Kinderszenen“ op.15 zum Sprechen zu bringen, braucht es Altersweisheit und Kinderseele und das Genie, „das Klavier von einem Schlaginstrument in ein Gesangsinstrument zu machen“ — Horowitz’ Genie. Wie Horowitz im Leisen Schatten, Farben, Kontraste, kurz: Klangmagie entfaltet, wie er ihm wichtige Stimmen heraushebt und wieder zurücktreten läßt, Wiederholungen überraschend anders ausleuchtet, die Kunst des Rubato nicht etwa vorführt, die Zeit nicht raubt, sondern zwanglos hält und freigibt — das macht diesen Mitschnitt nicht nur für all jene, die damals schon dabeigewesen waren, zu einem erfüllten Desiderat der Horowitz-Diskographie. Und dann ist da noch „Étincelles“, Funken, die Nr. 6 aus den „Morceaux caractéristiques“ op. 36 von Moritz Moszkowski, das Zugabenstückchen, das ihm über die Jahre mehr und mehr, wie ein Vergleich mit der Aufnahme von 1951 und dem Konzertmitschnitt vom November 1975 zeigt, zum Charakterstück geworden ist, jedesmal weniger äußerlich virtuos, jedesmal leiser und zärtlicher und unter seiner Oberfläche ganz tief.

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