Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Tongestalt

Den ersten Eindruck von einer neuen CD machen wir uns von ihrer Verpackung, und der lenkt das Hören ziemlich raffiniert. Der Sehsinn korrumpiert den Hörsinn. Ein immer noch jung wirkender, schlanker Mann in schwarzem Existentialisten-Chic posiert vor roten Hintergründen, ob Brandmauer oder Theatersessel: der französische Pianist Alexandre Tharaud. Jahrgang 1968 – oder nur die passende Gestalt auf die passende Musik, damit wir ja auch hören, was wir sehen? Wir hören einen acht Jahre alten Steinway D., ein romantisches Konzertinstrument, mit „Patina“, sagt Tharaud, das leicht zu großdimensionierter Klanggebung verleiten könnte. Und wirklich verschafft Tharaud auf und mit diesem Steinway Chopins erstem der 24 Préludes op. 28, das sich aus einem einzigen Takt entfaltet, seinen erregend mondänen Auftritt, der Refrainmelodie des rondoartigen As-Dur-Prélude zu ihrer zweiten Wiederkehr die große Szene, dem zweitönigen Motiv über den ineinander geschobenen rhythmisch vertrackten Begleitfiguren im fis-Moll-Prélude soghafte Wirkung. Aber auch für feinste dynamische Abstufungen, aufleuchtende Melodienbögen über grau verhangenen Klanggründen oder unterirdisches, außermusikalisches Grollen, für ein penetrant insistierendes As im As-Dur-Prélude, trocken angeschlagen, und für das berühmte As bzw. Gis im Des-Dur-Prélude, dem sogenannten Regentropfenprélude, sowieso ist ihm der Steinway gehorsames Instrument. Immer klingt Alexandre Tharauds Spiel beherrscht, sogar elegant, die Ausdruckscharaktere der Préludes sauber von dem Interpreten scheidend, und dabei voller Überraschungen und Fallen. Fryderyk Chopins rätselhaftes Opus 28, in der Ordnung der Tonarten an Bach angelehnt, in der Ausformung der einzelnen Präludien ohne Fugen völlig frei, hören wir als eine Folge vieldeutiger Entwürfe, in sich vollendet, so wie sie da stehen. Will sich der Hörer gerade in ihnen einrichten, sind sie vorbei, als hätten sie sich nur geöffnet, um sich leerem Genuß verschließen zu können. Es seien „Skizzen, Etudenanfänge, oder will man, Ruinen, einzelne Adlerfittige, alles bunt und wild durcheinander. (..) Auch Krankes, Fieberhaftes, Abstoßendes enthält das Heft; so suche jeder, was ihm frommt“, urteilte der irritierte Rezensent Robert Schumann. Tharauds so präzises wie lyrisches Spiel, lyrisch durch Präzision, weist höflich auf Abgründe hin, auf Gewalt und Tod, die er seinem Hörer nicht zu ersparen gedenkt, wenn der bereit ist, sich darauf einzulassen. Die Entscheidung steht frei. Ebenso frei steht die Entscheidung, ob er nach den drei Schlägen des d der Kontraoktave, vor denen von der ersten Note an kein Entrinnen war, und der leeren Fermate danach mit dem Pianisten weitergehen will und kann. Gleichsam als Parerga und Paralipomena gibt Tharaud das Cis-Moll-Prélude op. 45 und das kleine in As-Dur sowie die nachgelassenen Trois Nouvelles Études hinzu und läßt sie mit drei Klavierstücken des katalanischen Komponisten Federico Mompou (1893-1987) in Dialog treten, von denen sich wiederum eines, die Música callada Nr. 15, ausdrücklich auf Chopins viertes Prélude aus op. 28 bezieht. Das Schweigen der Musik beschließt eine schweigende Musik. Wer über Musik reflektieren will, muß über die Rolle des Interpreten reflektieren. Sie ist nur in seinem Spiel existent, aber zugleich außer ihm. Tharaud treibt sein Spiel mit Tasten und Pedalen, entzieht sich aber allem Spiel, das mit ihm getrieben werden könnte. Wir sehen einen Star, der sich entzieht, indem er gibt. „Wen immer ihr suchet, ich bin es nicht!“ war ein Lebensmotto Brechts. Die Hülle zeigt eine Kunstfigur, deren Ähnlichkeit mit Alexandre Tharaud sein beunruhigend schönes Spiel nahelegt. (Harmonia Mundi HMC 901982)

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