Sinnloses Gequassel

Leidenschaftlich attackiert Joe Klein die politische „Degeneration“ der USA. Ähnlich kriselt es in Europa, mag Amerika auch vorauseilen. Das Fernsehen verbreite geistige Dürre; bisweilen interessiere die Farbe eines Schlipses mehr als Argumente. Täglich erdulden die Bürger „beleidigende Mahlströme aus sterilisierten Redeergüssen, albernen PR-Fotos und idiotischer Werbung, die heutzutage öffentliche Diskurse“ kennzeichnen. Bloße „Selbstdarstellung“ verdränge ernsthafte Debatten und erhöhe die Werte bei Meinungsumfragen. Dann erst lockern einflußreiche Sponsoren ihre pralle Geldbörse. „Live-Gequassel, sofortige, schlichte Antworten und clevere Sprüche“ dominieren die Bühne. Ungezählte PR-Agenturen wuchern krebsartig und sickern in jede Ritze. Seit den 1920er Jahren quält uns diese Misere, schreibt Klein, ohne zu fragen, ob Politik marktwirtschaftlich funktioniert. So rieten Werbefachleute dem Präsidentschaftskandidaten Al Gore, Umweltprobleme zu verschweigen, weil er sonst manche Wähler abschrecke. Über Ronald Reagan sagte eine PR-Charge: „Wenn man den Ton wegdrehte, sah er großartig aus.“ Isolierte Gruppen, etwa Frauen- oder Sozialpolitiker, fallen „symbolischem und zwecklosem Engagement“ zum Opfer. Auch in Europa, wird man Klein ergänzen dürfen, wollen „die Menschen nicht mit Fakten und Ideen belastet, sondern unterhalten und geführt werden“. Alles das stimmt, bereichert heutige Debatten, ist jedoch sattsam bekannt, zumal Klein wichtige Aspekte ignoriert. Handhabten Wa­shington oder Jefferson die Demokratie wesentlich besser? Der Autor hätte systematische Vergleiche anstellen müssen. Vor allem aber fehlt jegliche Analyse. Das Fernsehen als solches trägt dabei noch eine geringe Schuld. An der Wiege dümmlicher PR steht mangelnde Demokratie; der Bürger kann politische Inhalte nicht bestimmen. Oligarchien umwerben das Volk, wie es Händler auf dem Hamburger Fischmarkt tun. Außerdem benötigen demokratische Staaten innere Homogenität, die jenseits des Atlantik schwindet, während Europa parallele Wege betritt. Seit der „babylonischen Sprachverwirrung“ weiß man, daß disparate Gesellschaften autoritär geleitet werden, damit sie nicht sozial oder kulturell implodieren. Daher nützen Kleins Therapievorschläge wenig. Politiker hätten „wenigstens an eine Idee zu glauben“: Diese simple Forderung heilt keine defekten Strukturen. Joe Klein: Vom Ende der Politik. Wie Meinungsforscher und Wahlkampfstrategen die Demokratie ruinieren. Propyläen Verlag, Berlin 2008, gebunden, 335 Seiten, 22,90 Euro

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