Normierte Vielfalt

Beeindruckt von der heraufziehenden Globalisierung, konstatierte Goethe vor 180 Jahren den Übergang von der National- zur Weltliteratur. Heute stimmen deutsche Politiker und Pädagogen auf den Übergang vom Staats- zum Weltbürger ein. Vor allem in den neuen Bundesländern werden ganze Netzwerke gespannt, die unter Schülern und jungen Erwachsenen den Geist der „Toleranz“, „Weltoffenheit“, „Vielfalt“ sowie „interkulturelle Kompetenz“ verbreiten sollen. Die staatlich finanzierten Initiativen tragen Namen wie: „Bunt statt braun“, „Vielfalt statt Einfalt“, „Tolerantes Brandenburg“ usw. 2002 wurde ein „Kuratorium für ein weltoffenes Sachsen“ geschaffen, 2006 startete eine „Volksinitiative für ein weltoffenes, friedliches und tolerantes Mecklenburg-Vorpommern“ — eine vollständige Aufzählung wäre uferlos. Ob Goethe stolz darauf wäre? Eher nicht. Denn die Vielfalt, die propagiert wird, ist eine normierte, uniformierte. Entsprechende Veranstaltungen klingen monoton nach Hiphop und Bongotrommeln, schmecken nach Fastfood, klebrigem Konfekt und der nicht minder klebrigen Prosa von Wolfgang Thierse. Der intellektuelle Anspruch erschöpft sich in „Oh Mensch!“-Rhetorik, im Pro-Asyl- und eigenen Subventionsanspruch. Grundiert wird die dekretierte Toleranz durch Schuldkomplexe, und sie schlägt um in Haß und Gewalt, wo sie Widerstand und Verweigerung wittert — wie gegenüber den Trägern von Thor-Steinar-Kleidung. Das Hauptkriterium, dem sie gehorcht, ist die nahtlose Anschlußfähigkeit an eine globale Massenkultur und Konsumindustrie auf Discount-Niveau. Damit wird Goethe radikal auf den Hund gebracht! Die Bestrebungen der klügsten Köpfe aller Nationen, ein „allgemein Menschliches“ herauszuarbeiten, vollzogen sich seiner Meinung nach nicht durch Selbstverleugnung und Nivellierung, sondern durch die Schärfung des Besten im Eigenen, das dadurch für die anderen Nationen interessant wurde: „denn die Eigenheiten einer Nation sind wie ihre Sprache und ihre Münzsorten, sie erleichtern den Verkehr, ja sie machen ihn erst vollkommen möglich.“ Das ist das Gegenteil der organisierten Denk- und Kulturfeindschaft und der penetranten, anbiedernden Ausländerei, die sich hinter Formeln wie „Vielfalt statt Einfalt“ versteckt. Zu den Wurzeln der fatalen Volkspädagogik zählt der alte deutsche Minderwertigkeitskomplex, der aus der Verspätung der eigenen Nation herrührt. In dem um 1800 verfaßten Gedichtfragment „Deutsche Größe“ sah Schiller die politische Machtlosigkeit der Deutschen dadurch kompensiert, daß sie vom „Weltgeist“ ausersehen seien, „an dem ewgen Bau der Menschenbildung zu arbeiten“, während die anderen Völker sich im ephemeren „Zeitkampf“ verschlissen. Aber nicht jeder konnte und wollte sich auf diese Höhen des deutschen Idealismus schwingen. Realistischer hat der Märchendichter Wilhelm Hauff die Situation erfaßt. In einer seiner Geschichten führt ein Mann, der in weiser Distanz zu seiner Umgebung, dem Städtchen Grünwiesel, lebt, seinen englischen Neffen in die Gesellschaft ein. Der junge Mann ist nicht gerade hübsch, also schwärmt man von der Interessant­heit seiner Züge. Seine Kleidung sitzt schlecht, was jedoch als lässig gilt. Bei Empfängen fläzt er sich aufs Kanapee, während die Damen stehen müssen, doch das geht als Beweis seiner Weltläufigkeit durch — denn als Engländer weiß er natürlich alles besser. Seine schlechten Moden und Manieren werden kopiert, bis er sich — als ein dressierter Orang Utan herausstellt! Die Grünwieseler Deutschen, die die äffischen mit englischen Manieren verwechselten, konnten in den Augen der Engländer nur belächelns-, wenn nicht verachtenswert sein, und das um das so mehr, als sie das Äffische auch noch nachäfften. Diese Mentalität wirkt weiter in Form eines jüngeren Phänomens, das der emeritierte Bielefelder Literaturwissenschaftler und Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer als „Europrovinzialismus“ bezeichnet und beschrieben hat. Dieser unterstellt das Verschwinden der kulturellen Differenz, und zwar als dogmatische Konsequenz einer soziologisch beschränkten Sichtweise, die ausschließlich quantifizierbare Größen wie Konsumverhalten, Familienstruktur, Berufsverhältnisse, wirtschaftliche Entwicklung usw. ins Kalkül zieht, nicht aber qualitative wie Bewußtseinstatsachen. Der marxistisch inspirierte Ansatz entspricht der Bewußtseinslage der meisten Angehörigen der deutschen Funktionseliten in Politik, Wissenschaft und Medien. Ihr Deutungsmonopol hängt zusammen mit der Egalisierung der deutschen Gesellschaft in der NS- und Nachkriegszeit. Sie dünnte jene bürgerlichen Schichten aus, die traditionellerweise Kenntnis vom Umgang mit anderen Kulturen hatten und diese vermittelten. Das Vakuum wurde durch einen Angestellten- und sozialen Aufsteigertyp gefüllt, dessen kultureller Erfahrungsschatz über das Niveau von Tourismus und Massenkultur kaum hinausgeht. Die Penetranz, in der Deutschland als Schauplatz „weltoffener Interkulturalität“ propagiert wird, hat einen weiteren politisch-psychologischen Stimulus. Das Scheitern der eigenen Nation als politischer Größe soll durch ihr Aufgehen in einem postnationalen Zusammenhang neutralisiert werden. In dieser Tendenz verschränken sich Wiederkehr und Regression des deutschen Idealismus: Schiller hatte die politische Ohnmacht als Preis für Deutschlands geistig-kulturelle Übermacht im globalen Maßstab beschrieben. Nun wird das politische Scheitern mit der kulturellen Selbstaufgabe beantwortet, und zwar mit dem hybriden Anspruch, damit ein globales Modell zu liefern. An die skizzierten Fehl-Voraussetzungen knüpfen sich heute handfeste, operative Absichten. Die Weltoffenheits- und Toleranzinitiative in Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel lieferte die propagandistische Begleitmusik zur Einführung eines Antifa-Paragraphen in die Landesverfassung. Tatsächlich haben alle Parteien — außer der NPD — im vorigen Jahr der Einfügung eines Artikels 18a zugestimmt, wonach „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker oder der Bürger Mecklenburg-Vorpommerns zu stören und insbesondere darauf gerichtet sind, rassistisches oder anderes extremistisches Gedankengut zu verbreiten“, als „verfassungswidrig“ gelten. Das ist das Vokabular eines tendentiell totalitären Ideologiestaats, der seinen Bürgern keinen politischen Freiraum eröffnet, sondern sie auf ein bestimmtes politisches Programm verpflichtet. Vordergründig beruft die Weltoffenheitsrhetorik sich auf das Tiefste und Beste, doch in Wahrheit schöpft sie aus dem Minderwertigen und zielt auf das Niedrige.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles