Orchestermagie im Selbststudium

Einige seiner Schöpfungen zählen weltweit zu den meistaufgeführten und am häufigsten auf Tonträger eingespielten Werken der klassischen Musik. Wer kennt nicht den „Hummelflug“ aus seiner Oper „Zar Saltan“ oder die in unzähligen Aufnahmen vorliegende symphonische Suite „Scheherazade“? Als genialer Instrumentator, dem es gelang, einen differenzierten, irisierenden und leuchtenden Orchesterklang zu schaffen, wirkte Rimsky-Korsakow prägend für die Kunst der Orchesterbehandlung noch Generationen nach ihm. In seiner Tätigkeit als Professor am Petersburger Konservatorium gelangte seine Schule insbesondere durch seine bedeutendsten Zöglinge Strawinsky und Prokofjew zu größter musikgeschichtlicher Bedeutung. Seine fünfzehn Opern stellen ein prachtvolles Pandämonium der russischen Märchen- und Mythenwelt dar. Dabei deutete die Laufbahn des Nikolai Andrejewitsch Rimsky-Korsakow, der am 18. März 1844 in Tichwin im Distrikt Nowgorod zur Welt kam, zunächst keineswegs zur Kunst hin. Die Familie zwang den Jungen zu einem militärischen Beruf. Sechs Jahre brachte er als angehender Seeoffizier auf Kadettenschulen und Kriegsschiffen zu. Erst mit 21 Jahren gelang es ihm, sich leidenschaftlich und ausschließlich der Komposition zu widmen, obwohl er bis dahin kaum musikalischen Unterricht genossen hatte. 1865 entstand seine erste Symphonie es-moll, neben der gleichzeitig entstandenen „Ersten“ Tschaikowskys die erste russische Symphonie überhaupt. Der Erfolg dieses Werkes bestärkte Rimsky in seinem Entschluß, Berufsmusiker zu werden. Lieder, Ouvertüren und eine symphonische Dichtung „Sadko“ entstanden. In diesem Werk klingt erstmals der spätere Orchestermagier an. 1872 erhielt der Autodidakt Rimsky einen Ruf als Professor auf den Lehrstuhl für Komposition und Instrumentierung an das Petersburger Konservatorium – dabei hatte er die Instrumentierungskunst ausschließlich aus Berlioz‘ berühmtem Lehrbuch im Selbststudium erlernt. Daß er auch nie die höheren Weihen der hohen Schule des Kontrapunkts erhielt, war bei dieser Berufung anscheinend nebensächlich. Zusammen mit Cesar Cui, Alexander Borodin, Modest Mussorgsky gehörte er anfangs zum sogenannten „Mächtigen Häuflein“, einer Gruppe junger russischer Komponisten, die von Mili Balakirew gegründet wurde und sich die Schaffung einer nationalrussischen Musik zum Ziel setzte, dabei jede solide kompositorische Ausbildung ablehnte, mehr auf Inspiration setzten und nebenbei Tschaikowsky als zu „verwestlicht“ kritisierte. Nach dem Tod Mussorgskys 1881 und Borodins 1887 zerbrach die Gruppe. Rimsky überarbeitete Mussorgskys „Boris Godunow“, glättete die ihm klanglich allzu schroff erscheinende Originalpartitur durch einen gefälligeren, glänzenderen Orchesterpart und vervollständigte die von Mussorgsky fragmentarisch hinterlassenen Opern „Chowanschtschina“ und „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“. Ebenso brachte er Borodins unvollendeten „Fürst Igor“ in eine aufführbare Form. Die Begegnung mit Wagners „Ring des Nibelungen“, der 1889 in Rußland erstmals zu Gehör gebracht wurde, ließ Rimsky zum überwiegenden Opernkomponisten werden. Im Westen sind diese Opern jedoch bedauerlicherweise fast unbekannt. Nur die Komische Oper (Ost-)Berlins pflegte zumindest einige wie „Sadko“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen kleinen Orchesterstück aus der Frühzeit) und „Zar Saltan“. Rimskys Opern wurzeln fast ausschließlich in der slawisch-heidnischen Urzeit Rußlands. Darin weist er Berührungspunkte zu Wagner auf, der die heldische deutsche Sagenwelt ebenso grandios verherrlichen konnte. Während aber Wagners Bühnenwerke unter anderem auf der Schopenhauerschen Philosophie weltanschaulich begründet sind, liegt Rimskys Opern ein gewaltiger kosmischer Pantheismus zugrunde. Dies mag die Ursache dafür sein, daß diesen Werken das Bühnenwirksame weitgehend fehlt, daß ein innerer dramatischer Aufbau ersetzt ist durch ein betont episches Element. Eine Vielzahl an szenischen Bildern verleiht Rimskys Opern oft etwas Kaleidoskopisches. Wegen ihrer durchgehenden großen musikalischen Schönheiten sind sie deshalb vielleicht besser auf Tonträger zu genießen – zumal alle von Rimskys Opern inzwischen auf CD erhältlich sind. Rimsky-Korsakow verwendet sehr oft russische Volkslieder und greift auf die fremdartige Rhythmik der russischen Folklore zurück (Fünfviertel- bzw. Siebenviertel-Takt), doch verschmilzt er diese Elemente mit seiner eigenen schillernden Instrumentierung und einer irisierenden Harmonik sowie ganz eigenen Melodik, in der Ganztonleitern eine bedeutsame Rolle spielen. Die hohe Kunst des polyphonen Satzes blieb ihm dagegen zeitlebens fern. Die Ouvertüre „Russische Ostern“ ist kompromißlos aus der Vertikalen empfunden und weicht jeder linearen Entwicklung der Stimmen aus wie wohl kein anderes Werk der Musik­literatur. Seine drittletzte Oper „Der unsterbliche Kaschtschej“ erlangt dabei einen rein impressionistischen Charakter, so daß man bei diesem Werk als Autor eher Debussy oder Ravel vermutet. Die wohl schönsten Opern des Meisters, denen man einen größeren Bekanntheitsgrad wünscht, sind der bereits erwähnte magisch-mythische „Sadko“ (1896) und eine Komposition mit dem vielleicht längsten aller Operntitel: „Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der tugendsamen Jungfrau Fewronia“ (1905). Dieses Werk ist in gewisser Weise ein russisches Gegenstück zu Wagners „Parsifal“, ebenso wie dieser ein „Bühnenweihfestspiel“. Rimsky gelingt hier eine einzigartige Verknüpfung eines russischen, duldenden Christenglaubens mit seinem erdverbundenen Pantheismus, die vor dem Hintergrund des großen nationalen Traumas der Russen, der Tatareneinfälle, lebendig wird. In der äußeren Handlung wird vor den angreifenden Tataren die Stadt Kitesch durch einen Nebel unsichtbar und erscheint zugleich als Spiegelbild in einem See, was die Feinde in solchen Schrecken versetzt, daß sie die Flucht ergreifen. In dieser Zeit seines Lebens wurde er in die große Politik hineingezogen. Bei den ersten revolutionären Aktionen 1905 forderte die Petersburger Studentenschaft die Selbstverwaltung der Akademien der Stadt. Rimsky-Korsakow unterstützte diese „aufrührerischen“ Aktivitäten, was ihm allerdings die Amtsenthebung und ein Aufführungsverbot seiner Werke eintrug. In seiner letzten Oper „Der goldene Hahn“ wird im Staat des senilen Königs Dodon das zaristische System gezeichnet. Der unglückliche Krieg mit Japan war zu dieser Zeit ein Trauma Rußlands, das in der Seeschlacht von Tsushima vernichtend geschlagen wurde. Kein Wunder also, daß diese Oper erst nach dem Tode Rimskys und auch nur in sehr verstümmelter Form 1909 uraufgeführt werden konnte. Der erzwungene Rückzug ins Private ließ den Komponisten in dieser Zeit seine Autobiographie „Chronik meines musikalischen Lebens“ abfassen. Rimskys offene Selbstkritik, mit der er hier über seine Opern und deren Schwachstellen spricht, macht dieses Werk einzig in der Memoirenliteratur. Seit langem herzleidend, konnte er eine geplante Oper „Stenka Rasin“ wie auch ein Mysterienspiel, „Himmel und Erde“ nach Byron, nicht mehr in Angriff nehmen. Er starb am 21. Juni 1908, von Petersburgs musikalischer Welt hochgeehrt. Neben seinen Opern hinterließ er unter anderem die grandiose Ouvertüre „Russische Ostern“, die eingangs erwähnte Suite „Scheherazade“ und die Symphonie „Antar“ (op. 9), eines der eindrucksvollsten Werke mit orientalischem Kolorit überhaupt, sowie eine Fülle von Klavierliedern, die allerdings mehr der Salonmusik als der nationalrussischen Schule zugehörig sind. Ein einsätziges Klavierkonzert (op. 30) wie auch eine „Russische Fantasie“ für Violine und Orchester (op. 33) fesseln durch zündende folkloristische Thematik, blieben aber dennoch im Westen unbekannt. In Rimsky-Korsakows reichem Schaffen ist zumindest für Westeuropäer noch manch musikalisches Kleinod zu entdecken. Abbildung: Nikolai Rimski-Korsakow, Porträt gemalt von Walentin Serow (1898): Autodidakt voller Inspiration

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