Kühl und knallhart

Auch italienische Killer stellen sich nicht vor. Schon gar nicht die eiskalten Jungs von der neapolitanischen Camorra. Man lernt sie erst kennen, wenn man just erschossen wird. So steht es in dem Bestseller „Gomorrha— Reise in das Reich der Camorra“ von Roberto Saviano (JF 41/07). Für das Buch recherchierte der Autor zwei Jahre lang verdeckt, wie sogar Kinder für den Drogenhandel mißbraucht werden, wie mafiose Paten die Abfallwirtschaft regeln oder die Textilindustrie übernehmen. Die Leinwandadaption von Matteo Garrone schockt und verurteilt den Betrachter gleichermaßen zu  ohnmächtiger Schweigsamkeit; allzu kühl und knallhart versachlicht diese analytische Studie das schwarze Mafia-Universum. Kulisse des Films sind triste Betonsilos in und vor dem schmutzigen Neapel, jene Bausünden aus den florierenden Siebzigern: Brutstätte für potentielle Kriminelle. Alle arbeiten hier irgendwie für die Camorra wie auch die „Alta Moda“. Italiens effektivster Import- und Exportschlager düngt blutige Schlachtfelder: über 10.000 Tote in dreißig Jahren, dafür ein Handelsvolumen von über 150 Milliarden Euro jährlich. Die gedungenen Mörder liquidierten mehr Menschen als die IRA, ETA, islamische Terrorgruppen oder die kessen Kerlchen von der Cosa Nostra zusammen. Schon Teenager werden als Drogenkuriere angeheuert. „Jetzt bist du ein richtiger Mann“, lobt ein Mafia-Boß, nachdem er dem 12jährigen in der kugelsicheren Weste auf die Brust gefeuert hat. Den Bluterguß streichelt der Proband stolz wie einen just erhaltenen Orden. Halbwüchsige imitieren Al Pacino in „Scarface“, während sie mit ihren Knarren jonglieren. In den Autos wummert laute neapolitanische Dorfdisko-Musik um Liebe und Leid, im Haushaltsmixer wird Kokain gestreckt, zwischendurch jemand erledigt, während ausländische Schwarzarbeiter in ehemaligen Steinbrüchen Fässer mit Giftmüll lukrativ entsorgen. „Gomorrha“ ist der cinéastische Zwitter aus italienischem Neorealismus und desolatem Sozialrealismus — und zugleich eine schreckliche Topographie des Terrors. Ausgeliefert bleibt Italien dieser Organisation, die sich zwar gegen ihre russischen Kollegen an Brutalität ausnehmen wie ein Mädchenpensionat, doch erhält der Betrachter harte Einblicke ins stringente System. Nichts bleibt dabei vorhersehbar, niemand weiß, ob er nicht das nächste Opfer einer „Italienischen Scheidung“ (einbetoniert zum Baden gehen) wird. „Gomorrha“ erhielt auf dem Filmfestival in Cannes 2008 den Großen Preis der Jury — zu Recht, denn dieser Film brennt sich nachhaltig in Herz und Hirn ein.

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