Gegenwelt zum Ballungsraum

Himmlisch — herrlich — höfisch“: Diese drei Adjektive verweisen auf wesentliche Aspekte der Düsseldorfer Ausstellung über die Kunstmetropole und die Sammelleidenschaft des barocken Kurfürsten Jan Wellem aus dem Hause Pfalz-Neuburg. „Himmlisch“. Dies zielt auf das im Mittelpunkt der Ausstellung stehende Monumentalgemälde „Mariä Himmelfahrt“ von Peter Paul Rubens. 1712 hatte Jan Wellem das Gemälde gekauft und es auf dem Wasserweg von Brüssel (ursprünglicher Standort: Onze Lieve Vrouw Kapellekerk) nach Düsseldorf bringen lassen: in die 1709 erbaute Galerie, in der Jan Wellem und seine überaus kunstliebende Gemahlin Anna Maria Luisa de Medici (Lieblingstochter Cosimos III. von Florenz) fast tausend Kunstwerke sammelten. Der Ausstellungsbesucher kann nicht nur an Zeichnungen und Drucken die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Monumentalgemäldes verfolgen, sondern auch in einer 3D-Simulation den wechselvollen Weg dieses Marienbildnisses durch die Jahrhunderte beobachten. Der streng katholische Jan Wellem hatte das Bild auch deshalb erworben, weil er die gegenreformatorische Nutzung des Marienkults bejahte. „Herrlich“. Dies weist nicht nur darauf hin, daß Jan Wellem als ein großer  Herr seinen Herrschaftsanspruch (er strebte vergeblich nach einer Königskrone) durch die Art seiner Kunstförderung unterstrich. Sondern in des Kurfürsten damaliger Sammlung erstrahlte die Herrlichkeit und Schönheit praller menschlicher Körper, wie sie Rubens, die niederländischen Hofmaler Jan Wellems und die italienischen Wandermaler, die der große Mäzen beschäftigte, gestalteten. In exemplarischen Ausschnitten entsteht nun in der Düsseldorfer Ausstellung mit Hilfe zahlreicher Leihgaben aus dem In- und Ausland Jan Wellems Galerie neu, nachdem infolge von Kriegsereignissen und Erbschaftsregelungen Düsseldorf den größten Teil der Kunstwerke verloren hatte. „Höfisch“. Das deutet hin auf die Abbildungen des Fürstenpaares in Porträts und in gemalten Szenen höfischer Repräsentation und höfischen Rollenspiels. Das reicht von etwas steifer Etikette über Tanz- und Verkleidungsszenen bis zu Jagdvergnügen. Der Belustigung diente auch ein (Grupello zugeschriebener) Prunkschlitten, den aus Lindenholz geschnitzte mythologische Figuren zieren. Ein Pferd wurde vorgespannt, Jan Wellem lenkte, und die hohe Dame stach bei der Fahrt im Kreis herum mit einer Lanze nach Ringen, Würsten oder nach Mohren- und Türkenköpfen aus Pappmaché. Ein Ölgemälde von Jan Frans van Douven zeigt das Fürstenpaar mit allen Attributen höfischer Repräsentanz, die einem Kurfürsten des Heiligen Reiches zustanden: eine Gegenwelt zu der vom Massengeschmack geprägten Konsumgesellschaft des urbanen Ballungsraumes, in dem Jan Wellems Residenzstadt aufgegangen ist. Die Ausstellung ist bis zum 11. Januar 2009 im Düsseldorfer Museum Kunst Palast, Ehrenhof 4-5, täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Telefon: 02 11 / 8 92 42 42 Der Wissenschaftliche Katalog mit 224 Seiten und einer DVD kostet 29,90 Euro. Fotos: Peter Paul Rubens, Himmelfahrt Mariae, 1616—1618: 1712 hatte Jan Wellem das Gemälde gekauft und es auf dem Wasserweg von Brüssel in seine Residenzstadt Düsseldorf bringen lassen — auch deshalb, weil er als strenger Katholik die gegenreformatorische Nutzung des Marienkults bejahte; Jan Frans van Douven, Kurfürst Johann Wilhelm und Kurfürstin Anna Maria Luisa de’ Medici (Öl auf Leinwand, 1708)

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