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Fiesta!

Wenn unseren Deutschen „Fiesta“ einfällt, dann wohl zuerst der Schlager „Fiesta Mexicana“, gesungen von Rex Gildo selig, doch der hat mit Fiesta, mit Fest, Feier, auch in religiösem und politischem Zusammenhang, sowenig zu tun wie die deutsche Bildungspolitik mit der venezolanischen. Das Wort „Fiesta“ ist hierorts auf lange Zeit kontaminiert, aber nicht in aller Welt. Nach Beethoven und Mahler haben die Musiker des Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar, des staatlichen Jugend-Sinfonieorchesters Venezuela, unter ihrem 27jährigen Chefdirigenten Gustavo Dudamel nun ausschließlich Stücke lateinamerikanischer Komponisten aufgenommen, die sich einfach anhören, aber nicht einfach zu machen sind. (DG 477 7457) Das nimmt nicht wunder, zwar sind sie alle – Silvestre Revueltas, Inocente Carreño, Arturo Márquez, Aldemaro Romero, Alberto Ginastera, Evencio Castellanos – europäisch geschult, bieten jedoch in Aneignung und undogmatischer Auslegung der Kompositionstechniken und ihrer Amalgamierung mit traditionellen folkloristischen Elementen Überraschendes. Die verwandten Ostinato-Techniken des eröffnenden „Sensemayá“, des Gesangs, eine Schlange zu töten, des mexikanischen Komponisten Revueltas lassen sich gut mit Stravinskis „Sacre“ parallelisieren, die vier Tänze aus dem Ballett „Estancia“ op. 8 des Argentiniers Ginastera oder die symphonischen Variationen, „Margariteña“ auf traditionelle Melodien des Venezolaners Carreño mit Bestrebungen europäischer Nationalkomponisten, folkloristische Elemente in ihre Kompositionen einfließen zu lassen oder, besser, deren Formprinzipien aus der Volksmusik zu entwickeln. In „Fuga con Pajarillo“ aus der Streichersuite Nr. 1 führt der Venezolaner Romero den Pajarillo, einen walzerähnlichen Tanz, aber mit dem Schwerpunkt auf dem leichten Taktteil, als Fuge durch. Das heißt nicht, daß die Stücke schwierig zu hören wären, vielmehr kann der Hörer von Mal zu Mal an ihnen wachsen, wie die Musiker an ihnen gewachsen sein mögen. Die Fundación del Estado para el Sistema de Orchesta Juvenil e Infantil de Venezuela, kurz „el sistema“, mit welcher der venezolanische Staat den künstlerischen Nachwuchs vor allem aus sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten fördert, ist als Modell dank ihrer Botschafter – der Orchestermitglieder und des charismatischen Gustavo Dudamel – auch hierorts in aller Munde. Es ist, nach Sir Simon Rattles Worten, die „Zukunft der klassischen Musik“. Hier soll keinen Legenden von armen, aber ursprünglichen, sanges- und tanzfreudigen Menschen der ausglobalisierten Peripherie das Wort geredet werden, denn die gibt es dort sowenig wie hier. Aber Bedürfnisse nach angstfreiem Leben und erfülltem Produzieren, nach Gemeinschaft, ohne in Gemeinschaft aufzugehen – die gibt es. In dem Wettstreit der Instrumentengruppen, der Freude an der unersetzlichen Leistung der anderen, welche die eigene befeuert, bildet sich Orchester als ein anderer sozialer Zusammenhang heraus und führt ein anderes Musik-Leben, als wir von europäischen und US-amerikanischen Hochleistungsorchestern und der bürgerlichen Kulturform Konzert gewohnt sind. Wie leicht kann „Danzón“ Nr. 2 des Mexikaners Márquez, Mexikos „zweite Nationalhymne“, zur Edelschnulze oder Zirkusnummer geraten, wenn man diese Musik nicht spielend lebt. Es ist keineswegs inadäquat, das Musizieren der Musiker des Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar, die wissen, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, aber ohne Brot nicht überlebt, als Motor und Ausdruck jener weltändernden politischen Prozesse zu hören, die Lateinamerika erfaßt haben. „Hossa!“ war Provinz, „Fiesta“ ist Welt.

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