Dunkle Visionen als Metaphern der Konservativen

Wird in Zukunft alles besser? Die Utopie als literarische Gattung verlegt die Sehnsüchte der Menschen ins Morgen und will glaubhaft machen, daß die Glückseligkeit auf Erden machbar sei. Als politischer Begriff ist die Utopie ein Imperativ, für deren Verwirklichung seit 1789 ein unglaublicher Blutzoll gezahlt wird: Da das Ziel heilig sei, scheint jedes Mittel recht. Beim Versuch, unsere Welt in ein Paradies umzugestalten, wurde hingenommen, infernale Strukturen in der Immanenz zu etablieren. Wo aus dem Traum ein Alptraum wird, geschieht der Umbruch zur Dystopie, jener Vorstellung von Zukunft, welche den Niedergang von Kultur thematisiert und den Zusammenbruch von Ordnung, das Mißtrauen gegenüber der menschlichen Spezies und das Scheitern jedweder Reform. Nichts wendet sich gesetzmäßig zum Guten – und selbst dort, wo die Gesellschaft das Gute anstrebt, kann sie durch einseitige Akzentuierungen zum Bösen beitragen. Die Dystopie ist das Gegenteil der Utopie, sie präsentiert keine heile Welt, sondern eine zertrümmerte – sie stellt literarisch die schiefe Ebene dar, auf der alles dem Abgrund entgegenrutscht. Sie schlägt einen pessimistischen Ton an und hegt Zweifel, ob es hinsichtlich der conditio humana irgendeinen Fortschritt geben könne. Visionen einer möglichen Zukunft liefert der Science-fiction-Film, ein Genre, zu dem Claus-M. Wolfschlag jüngst ein Standardwerk vorlegte, das Beachtung verdient: „Traumstadt und Armageddon“. Der JF-Autor und langjährige Mitarbeiter an der „Enzyklopädie des phantastischen Films“ stellt in seiner Abhandlung sämtliche Streifen vor, die bis Frühjahr 2007 in deutschen Kinos liefen, ferner die wichtigsten DVD-Publikationen und TV-Produktionen. Das  besondere Augenmerk der Veröffentlichung liegt auf „dark future“ Movies, die Wolfschlag scharfsinnig interpretiert und in Hinblick auf ihre politische Relevanz kommentiert. „Traumstadt und Armageddon“ ist nach Sujets und Sachthemen geordnet. Überzeugend wird die Ästhetik des futuristischen Kinos behandelt und ihre Korrelation zum jeweiligen Zeitgeist, etwa die technizistische Anmutung der Wirtschaftswunderjahre, die Endzeit-Optik des Kalten Krieges oder die monumentalen Kulissen von Metropolen als Antwort auf den Städtebau der 1920er und 1990er Jahre. Außerdem reflektiert Wolfschlag Topoi wie den Umgang mit Fremden in Form von Außerirdischen, die Macht der Maschine oder die Herrschaft multinationaler Konzerne, den Kampf der Geschlechter und die Abschaffung von Familie, die Dekadenz, den Totalitarismus und den Liberalismus, die Ausbeutung der Umwelt sowie postapokalyptische Wüsten. Science-fiction bietet die Möglichkeit zum Gedankenexperiment: „Was wäre, wenn“? Sie greift gesellschaftliche Tendenzen auf und macht ihre Konsequenzen in Form von Erzählungen anschaulich, die an Einzelschicksalen dargestellt werden. Jenseits von oberflächlich-unterhaltsamen Action-Sequenzen weist Wolfschlag auf den Tiefgang und die Brisanz des future noir hin. War die Utopie prägend für das Selbstverständnis der Linken, so könnte die Dystopie eine Metapher sein, mit der sich Konservative artikulieren – eine Metapher, die bereits im Kulturbetrieb etabliert ist und nur darauf wartet, als Mittel künstlerischen Ausdrucks aufgegriffen zu werden. Wolfschlag ruft Klassiker wie „1984“, „Fahrenheit 451“ oder „Matrix“ ins Gedächtnis. Sein eigentliches Verdienst ist der Hinweis auf unbekanntere Werke, etwa „Gattaca“ (eine kritische Auseinandersetzung mit der Pränatal-Diagnostik), „Die Truman Show“ (eine Abrechung mit dem Infotainment), „Die Insel“ (wo Klone als Organ-Plantage dienen), „Aufstand der Alten“ etc. Für Wolfschlag sind die finsteren Weltentwürfe eine Fortschreibung gegenwärtiger Trends: Er seziert einen Kadaver, der bereits zu stinken begonnen hat. Wer an einer solchen Autopsie interessiert ist, dem gibt der Autor eine fachkundige Handreichung. Das Buch katalogisiert etwa 350 Titel des angezeigten Genres und ist Einsteigern ebenso zu empfehlen wie Liebhabern.      Claus-M. Wolfschlag: Traumstadt und Armaged­don – Zukunftsvisionen und Weltuntergang im Science-fiction-Film. Ares-Verlag, Graz 2007, gebunden, 240 Seiten, Abbildungen, 19,90 Euro Foto: Harrison Ford als Detektiv Rick Deckard fahndet in „Blade Runner“ (1982) nach Androiden ohne Aufenthaltserlaubnis: Zweifel, ob es hinsichtlich der conditio humana irgendeinen Fortschritt geben könne

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