Der Mut zur eigenen Zunge

Zum "Jahr der Sprachen" hat die Uno 2008 ausgerufen. Es handelt sich, genauer betrachtet, um die "bedrohten Sprachen", die in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden sollen, um die "Sprachverarmung", die allenthalben drohe, um den "Verlust an internationaler Kommunikationsfähigkeit", der durch das "Sprachensterben" entstehe. "Rettet die sprachliche Vielfalt!" Unter dieser Parole soll das Jahr 2008 stehen.

Im ersten Moment wirkt das verwunderlich. Wieso setzen sich ausgerechnet die Vereinten Nationen für Sprachenvielfalt ein? Mit welchem Recht behaupten sie, daß die Konzentration auf eine einzige Sprache, auf eine globale, überall gesprochene und verstandene "Lingua franca", der Kommunikation zwischen den Völkern hinderlich sei? Verhält es sich nicht gerade umgekehrt? Gilt nicht die "Sprachzerstreuung" beim Turmbau zu Babel, von der die Bibel erzählt (1. Mose 11, 1-9), als eine der Urkatastrophen der Menschheit, aus der wir uns mühsam genug wieder herausarbeiten müssen?

Jahrhunderte-, ja, jahrtausendelang träumten die Gelehrten und Weisen sämtlicher Länder und Regionen von der einen großen "Weltsprache", in der sich alle zu Hause fühlen und untereinander verabreden könnten. Immer wieder im Laufe der Geschichte einigte man sich über Ländergrenzen hinweg auf bestimmte Idiome, in denen wenigstens die Eliten problemlos miteinander parlieren sollten, im Abendland auf das Latein, in China auf den Dialekt der Groß-Han-Leute. Linguisten brüteten über der Erfindung von Kunstsprachen (Esperanto), die besonders leicht erlernbar seien und, einmal präsentiert, jedermann spontan zum Gebrauch verführen würden.

Aber alle Linguistenträume sind inzwischen verflogen. Enttäuschung und Zorn breiteten sich statt dessen aus. Denn nicht irgendein fein ausgedachtes Esperanto rückte zur globalen Lingua franca auf, sondern das Englische, genauer: eine aus dem Englischen bzw. dem Amerikanischen abgeleitete, in Grammatik und Wortschatz resolut ausgedünnte "Servicesprache", früher auch Pidgin-Englisch genannt. Und dieses "Globisch" weitete und weitet die interkulturelle Kommunkation nicht wirklich aus, sagen die Experten der Uno, sondern es schränkt sie in erschreckender Weise ein, reduziert sie auf einige wenige, rein technische und/oder bürokratische Codes.

Das "Globisch", das derzeit drauf und dran sei, viele andere Sprachen zu verdrängen, sei gar keine richtige, in alle semantischen Richtungen ausgebaute und befestigte Sprache, es sei ein "Jargon", ein "Slang", tauglich allenfalls zur flüchtigen Halbverständigung auf Kongressen oder bei Popkonzerten. Seine Oberflächlichkeit und Primitivität kompensiere es durch brutale (wenn auch, mag sein, unabsichtliche) Gewalttätigkeit. "Globisch" sei ein Slang der Gewalt.

Das sind natürlich starke Worte. Tatsächlich registrieren die Ethnologen überall in der Welt folgendes: Kleinere Regionalsprachen, speziell die Sprachen von Völkern, die durch konvulsivische, von fremdem Kapital ausgelöste Industrialisierungsschübe ohne ordentliche Vorbereitung, gleichsam über Nacht, in den Prozeß der sogenannten Globalisierung hineingerissen werden, erhalten vom Globisch regelrecht den Todesstoß. Immer mehr uralte Dialekte und Primärsprachen verschwinden im Zeichen der Globalisierung, von Kanada bis Patagonien, von Sibirien bis hinunter nach Ozeanien und Australien.

Hier und da versuchen örtliche oder zugereiste Sprachpfleger, Wörter und Wendungen aus dem autochthonen Idiom für die neuen Codes ins Spiel zu bringen, doch das stößt auf taube Ohren. Die eigene Bürokratie und auch große Teile der eigenen, sich frisch formierenden Intelligenzija sind auf der Seite des Globisch. Das grassierende Sprachensterben ist nie bloßer (Sprach-)Mord, es ist immer auch (Sprach-)Selbstmord. Man stürzt sich geradezu wollüstig ins Abenteuer der neuen Jargons. Die Mahnungen gelehrter Linguisten und Sprachpfleger verhallen ungehört.

Und auch die Uno-Reden zum "Jahr der Sprachen 2008", so steht zu befürchten, werden ungehört verhallen. Sprachen gehören nun einmal weder Linguisten noch wohlmeinenden Schreibtischpolitikern, sie gehören nicht einmal primär den Poeten, Sängern und sonstigen Liebhabern. Sondern wem sie gehören, das ist das sogenannte Volk in seiner undifferenzierten Masse und Lebensgier. Für dieses Volk ist die Muttersprache kein Schatz, der sorgfältig gehütet werden muß, sondern ein ganz banales Schmiermittel für Leben und Überleben. Es wird gebraucht und verbraucht, und wenn es nichts mehr taugt, dann weg damit und ein besseres her!

Der Befund ist deprimierend, aber wohl realistisch. Große romantische Sprachphilosophen, von Wilhelm von Humboldt bis Martin Heidegger, können daran nichts ändern. Es stimmt natürlich, daß Sprache außer praktischem "Service" auch emphatische Seinsvergewisserung bietet, Zugang zu anspruchsvoller Individualität, daß stabile sprachliche Vielfalt der sicherste Ausweis für farbenreiche und hochdifferenzierte Kultur ist. Doch wenn der Service nicht klappt, ist das alles so gut wie nichts, Feierabendvergnügen allenfalls mit Blockflöte und Allongeperücke. Lebendige Sprache sieht anders aus.

Damit sei nichts gegen Symposien und "Workshops" zur Bewahrung oder Wiedergewinnung sprachlicher Vielfalt im nun angebrochenen Jahr gesagt. Die Menschen empfindlich zu machen für semantische Verluste, die immer kulturelle Verluste sind und ins Herz schneiden, ist gut und richtig.

Die eigentliche, die entscheidende Front indes verläuft woanders, nämlich im Feld der genuinen Weltpolitik. Wer seine Muttersprache erhalten will und die Muttersprachen der anderen, der muß vorab den Willen haben, zusammen mit anderen die Politik zu verändern, und zwar nicht nur mittels Abhaltung von internationalen Kongressen, sondern selbstbewußt direkt vor Ort, im Getriebe des eigenen Alltags.

Sprachenvielfalt kann nur im Klima weltpolitischer Multipolarität und Machtteilung gedeihen. Die Herren und Völker der einzelnen Kulturkreise und geopolitischen Zentren dürfen also nicht mehr maulsperrig einfach darauf warten, daß irgendein Hegemon oder angemaßter Marktführer die Noten verteilt, den Taktstock schwingt und irgendetwas Neues (das in Wirklichkeit oftmals gar nicht so neu ist) nach seinem Gusto "benennt". Vielmehr kommt es darauf an, daß jede kraftvolle Gestalt in der Politik und jedes geopolitische Kraftfeld wieder mehr auf sich selbst vertrauen, eigene Noten erstellen und ihre Stücke auch selber benennen.

Auf diese Weise wird vielleicht nicht jeder Urwalddialekt am Amazonas oder auf Neu-Guinea vor dem Verschwinden gerettet (was schade ist), aber es wird möglicherweise eine maßvolle Vielfalt von Kulturkreisen neu erschaffen, deren Sprachen nicht nur zum Psalmensingen taugen, sondern auch echten modernen Service bieten. Und die dabei trotzdem wortmächtig, poesietauglich und selbst für Linguisten reizvoll bleiben.

Foto: Tänzer in Papua-Neuguina: Von den über fünf Millionen Einwohnern des Landes werden bis zu 800 Sprachen gesprochen

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