Das Imperium des Guten

Mancherorts ist das Lamento zu vernehmen, heutzutage gebe es „keine Moral mehr“. Wie seltsam — keine Moral mehr? Dabei ist die Lebenswelt doch stärker von ihr durchdrungen als je zuvor. Die Moral ist jederzeit überall. Aber es handelt sich nicht mehr um dieselbe Moral. Gewiß halten sich viele Zeitgenossen für frei von jeglichem Moralgesetz. Diejenigen, die solchen Mitmenschen die Leviten lesen, weisen es ihrerseits weit von sich, sie „Mores lehren“ zu wollen, und versichern vorsichtshalber, ihre Verurteilungen beruhten keineswegs auf Moralvorstellungen. Dem Begriff „Moral“, dessen religiöse Konnotationen viele für nicht mehr zeitgemäß erachten, zieht man jenen der „Ethik“ als einer laizistischen Gesellschaft eher angemessen vor. Freilich ist der etymologische Ursprung beider Wörter der gleiche (lat. mores, griech. ethos), und ganz genau genommen kann Ethik nur eine individuelle Gültigkeit beanspruchen. Kein Zweifel: Der Westen verabschiedet sich von traditionellen Moralvorstellungen. An deren Stelle treten jedoch andere. Das alte Moralgesetz machte Vorschriften für das individuelle Verhalten: Es ging davon aus, daß die Gesellschaft besser werde, je besser sich ihre einzelnen Mitglieder benehmen. Die neue Moral will die Gesellschaft als solche moralisieren, ohne den Individuen Verhaltensmaßregeln aufzuerlegen. Die alte Moral sagte den Menschen, was sie tun mußten, die neue Moral dekretiert, wie sich die Gesellschaft entwickeln muß. Es sind nicht länger die Individuen, von denen rechtes Verhalten erwartet wird, sondern die Gesellschaft, die „gerechter“ werden muß. Die alte Moral richtete sich am Guten aus, die neue am Gerechten. Der Gedanke des Guten entspringt einer Tugendethik, der des Gerechten einer Vorstellung von „Gerechtigkeit“, die ihrerseits stark moralisch eingefärbt ist. So sehr sie ihre „Neutralität“ in Fragen der Werte beteuern, hängen die modernen Gesellschaften doch dieser neuartigen Moral an. Sie sind zugleich ultrapermissiv und hypermoralisch. Den Hintergrund dieser Entwicklung bildet der Konflikt zwischen Sein und Sollen. Während die Antike in Übereinstimmung mit dem Sein lebte, erhob die aufkommende Moderne die Forderung, die Welt solle anders werden als zuvor. Sie sollte umgebaut werden, damit sie „gerechter“ würde. Der Entwurf dazu beruhte entweder auf einem uralten Glauben oder auch auf dem modernen Vernunftbegriff. Recht und Gerechtigkeit beschrieben kein Gleichheitsverhältnis zwischen den Menschen mehr, sondern wurden ebenfalls als Ausdruck eines Soll-Zustands verstanden. Das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben wird somit den Erfordernissen dieses Sollens unterworfen, die weder die Natur der Dinge noch die des Menschen berücksichtigen. Der Sollens-Gedanke entspringt aus der Weigerung, die Welt so zu nehmen, wie sie ist. In gewisser Weise ist diese Weigerung zugleich ein „Nein“ zum Leben. Schon Augustinus wußte, daß die Welt unrein ist. Also muß sie umgewandelt, korrigiert werden: um Gottes Ansprüche zu befriedigen, sagen die einen, um der historischen Notwendigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen, behaupten die anderen. Dieser Wunsch, die Welt (neu) zu erbauen, sie gar zu „reparieren“ (tikkun), verweist zurück auf die Bibel, in der die Welt als unvollkommen dargestellt wird. Die gesamte Ideologie des Fortschritts, der Utopismus der Aufklärung sind nichts anderes als profane Versionen dieser Vorstellung: Säkular verkleidet (das Glück tritt an die Stelle des Heils, die Zukunft übernimmt die Rolle des Jenseits), lebt darin noch immer der alte messianisch-chiliastische Glaube fort, dem zufolge sich die Geschichte unaufhaltsam auf ihr Ende zubewegt. „Fortschritt“, das ist jene allmähliche Verbesserung der Welt, die angeblich im einheitlichen Tempo in Richtung besserer Zeiten voranschreitet. „Man ersetze die christliche Heilslehre durch den Fortschrittsglauben“, stellt Pierre Legendre fest, „und schon hat man das kommerzielle Credo des globalen Westens.“ Das Christentum wollte seit jeher eine „echte Universalgemeinschaft“ (Pierre Manent) herstellen, die respublica christiana. Die Denker der Aufklärung gingen davon aus, daß die Menschen sich auf ihre eigenen Fähigkeiten stützen müßten, anstatt den Weisungen Gottes zu folgen. Nur so könnten sie sich ihres Heils gewiß sein und die vollkommene oder zumindest die „endgültige“ Gesellschaft schaffen. Die Vorstellung einer derart gerichteten Bewegung der Geschichte jedoch übernahmen die Aufklärer von einer Religion, die sie für überwunden glaubten. Tatsächlich hatten sie die christliche Lehre lediglich umgewandelt, ohne sich dessen überhaupt gewahr zu sein, und deshalb konnte sie im aufklärerischen Denken erst recht wirkmächtig werden. Wie zuletzt John Gray und vor ihm viele andere, angefangen bei Karl Löwith, aufgezeigt haben, beschränkte die Aufklärung sich auf eine Wiederverwertung der Vorstellung von der Geschichte als menschheitsgeschichtlicher Heilserzählung. In seiner Studie „Black Mass. Apocalyptic Religion and the Death of Utopia“ (Allen Lane, London 2007) weist Gray diesen Glauben im stalinistischen Kommunismus ebenso wie im amerikanischen Neokonservatismus nach. Letzterer glaube, die vollkommene Gesellschaft herbeiführen zu können, „indem man der Magie des Markts freien Lauf läßt“: „Seinen Behauptungen von einer wissenschaftlichen Rationalität zum Trotz wurzelt der Neoliberalismus in einer teleologischen Deutung der Geschichte als Entwicklung auf ein vorgegebenes Ziel hin, und darin wie auch in anderer Hinsicht weist er eine starke Ähnlichkeit mit dem Marxismus auf.“ Die Menschenrechtsideologie, die sich zur Religion der Gegenwart entwickelt hat, ist zuvorderst eine Morallehre. Ihre Grundlage bilden die subjektiven Rechte des Individuums, die sie aus einem hypothetischen Naturzustand herleitet. Vor allem zeichnet sie sich laut Marcel Gauchet dadurch aus, „bei dem eigentlichen Prüfstein von Legitimität und Illegitimität in unserer Welt anzusetzen, um daraus sowohl ein Verständnisschema als auch ein kollektives Handlungsprogramm zu entnehmen. (…) Die Menschenrechtsideologie entschlüsselt die gesellschaftliche Wirklichkeit nach Maßgabe dessen, wie sie sein sollte.“ Und weiter heißt es bei Gauchet: „Ungünstig an diesem Imperialismus des Sollens ist nur, daß er nicht zum Verständnis der Hindernisse anspornt, die sich in seinen Weg stellen, obwohl diese doch im Hinblick auf das Leben in Gemeinschaft eindeutig starken Notwendigkeiten entspringen. Das einzige, was er darauf zu erwidern weiß, ist, daß sie nicht existieren dürften. Welchem Zweck sollte es dienen, nach ihrer Daseinsberechtigung zu fragen? Der Verstoß gegen die Norm wird nach außerhalb in die Finsternis verwiesen wie ein Übel, dessen Verurteilung als solches angeblich die Auffassungsgabe überstrapaziert. Die Menschenrechtsideologie bedeutet mit anderen Worten eine Invasion des Moralismus, der sich um so weniger widerlegen läßt, als er die innerlichen Rückzugspunkte des Gefühlslebens mobilisiert.“ Philippe Muray hat die neue Moralordnung als „Imperium des Guten“ bezeichnet. Das Gute leitet sich hier lediglich aus der Priorität des Gerechten her, es ist „dem Gerechtigkeitsstreben unterworfen“. Heute ist es zu einem neuen Moralismus degeneriert — Nietzsche hätte von „Moralin“ gesprochen. Gleichzeitig wird das Böse als Bestandteil der menschlichen Natur geleugnet und doch in seiner extremen Form des „absolut Bösen“ als radikale Verneinung des Guten, nämlich der Menschenrechte anerkannt. Die Rechte vertritt häufig eine fundamentalethische Vorstellung von Politik, die Linke eine moralische. Das Schwert Excalibur gegen die Seligpreisungen der Bergpredigt: zwei sehr unterschiedliche Wertekosmen, die aber beide gleichermaßen unpolitisch, nämlich untauglich zum Verständnis dessen, was das Politische ausmacht, sind. Derzeit dominiert die moralische Weltsicht. Insofern ist ausgerechnet diese Gesellschaft, die viele für bar jeglicher Moralvorstellung halten, in Wirklichkeit geprägt von einer anders gearteten Moral, von einem allgegenwärtigen Moralismus mit seinen Jüngern, seinen Missionaren und seinen Tugend-Ligen. Man sehnt sich Libertins herbei. Foto: Bibel des Kanonikus, Detailansicht aus Jan van Eyck, Madonna des Kanonikus Georg van der Paele (Öl auf Holz, 1436): Die Aufklärer hatten die christliche Lehre nur umgewandelt

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