Brutal, aber anständig

Kleist wollte den semmelweichen, deutschen Spießbürgern seiner Zeit klarmachen, daß man um sein Recht nicht bei fremden Gerichten winseln und betteln soll, sondern es mit anständiger Haltung, aber brutalster Rücksichtslosigkeit suchen solle. Das ist ein Standpunkt, den du als SS-Mann sicher billigen kannst“, schreibt das SS-Leitheft von 1942. Brutal, aber anständig. Kleist als Ethiker der SS. Dieses Zitat prangt am Eingang zur Ausstellung „‘Was für ein Kerl!’ Heinrich von Kleist im Dritten Reich“ im Schloß Neuhardenberg, die mit Büchern, Statuen, Zeichnungen und Filmszenen einen breitgefächerten Einblick in die Wirkungsgeschichte Kleists in den Jahren 1933 bis 1945 bietet. Das Zitat aus dem SS-Heftchen trifft übrigens ein zentrales Thema in der NS-Adaption des 1777 geborenen Dichters und Patrioten: Der Zwiespalt Kleistscher Figuren zwischen Recht und subjektivem Rechtsempfinden, institutioneller Ignoranz und individueller Furor — ab 1933 diente er einseitig zur Rechtfertigung eines Unrechtregimes. So zeigen die Umschlagillustration zu damaligen „Michael Kohlhaas“-Ausgaben den Titelhelden als arischen Heroen. Für Brüche und Leiden an unlösbaren Konflikten, die Kleist dem Leser zumutet, ist kein Platz mehr. Auch der kleinwüchsige, psychisch zerrüttete Autor selbst erfährt seine Stilisierung zum arischen Übermenschen. Eine Büste von Georg Fürstenberg präsentiert Kleist als kerngesunden Kämpfer. Dessen „Haupt mit den welligen Haarbüscheln trägt etwas Napoleonisches in sich“, schreibt ein Zeitgenosse dazu: der Dichter als literarischer Feldherr der Zukunft. Schließlich sei Kleist nicht in seine Zeit verstrickt, sondern ein „Seher“ gewesen. Wenn aber Kleists Lebensdokumente — wie zum Beispiel die Briefe — keinen Helden präsentieren, dann muß dieser Typus mittels anderer Quellen kreiert werden. Und da bot sich die Typisierung durch Herkunft an. So versuchte die Studie „Kleist und der deutsche Osten“ (1943) eine geopsychologische Analyse. Als Sohn ostdeutscher Junker entstamme er germanischem Adel, verfüge über geschulten Weitblick, Erdverbundenheit und sei der geborene Krieger. Andererseits traute nicht jeder Volksgenosse dem Bildnis vom „ersten Nationalsozialisten“ Kleist, der als Dichter „nordische Urmächte“ gestaltet hatte. Schon 1933 stellte Hermann August Korff bei ihm „eine tragische Instinkt-unsicherheit seines Gefühls“ fest. Wie aber verstand man Kleists literarische Figuren? Zahlreiche Bühnenentwürfe, Szenenfotos und Rezensionen geben Auskunft. Die Taten des Michael Kohlhaas assoziierte man mit dem „Recht auf Notwehr“, durch das Hitler seine Politik zu legitimieren suchte. Im Kontrast dazu zeigt die Ausstellung, daß auch Regimegegner sich auf Kleist beriefen: Dessen Widerstand gegen die napoleonische Diktatur wurde als Widerstand gegen Hitlers aktualisiert. Das „Käthchen von Heilbronn“ ließ sich zum weiblichen NS-Ideal verklären, zeigte sie doch „einen naiv-hingebungsvollen Glauben an die Liebe“. Überhaupt, es gebe „keinen deutschen Dichter, der das Keusche und das Sinnliche, das Geistige und das Körperliche der Frau so einzigartig bindet wie Kleist“, jubelte 1934 ein Rezensent. Das Dramenfragment „Robert Guikard“ wurde von mehreren NS-Autoren zu Ende erzählt. Zudem empfahl Wolfgang Neuschäfer in „Thing am Heiligen Berg“ (1935) dessen Aufführung als Thing-Spiel, eine spezifische Form des NS-Theaters, mit Sprechchören sowie in Anlehnung an Ortschaft und Ritual germanischer Gerichtsstätten. Mit der „Penthesilea“ (1808) kam die skurrile Verformung Kleists durch NS-Adaption unverhüllt zum Vorschein. Schon Gottfried Benn schrieb 1936 in einem Brief an den befreundeten Journalisten Frank Maraun: „Ich dachte neulich, was geschähe, wenn heute die Penthesilea erschiene. Eine Frau, die ihren Mann liebt, Achill, ihn tötet und mit den Zähnen zerreißt! Zerfleischt!“ Diese exzessive Amazone, die das Dämonische der Kleistschen Psyche freilegt, ließ sich nicht ins Propaganda-Korsett schnüren, strahlte auch auf 1930er-Jahre-Bühnen destruktive Erotik aus. So lobte der Rezensent der nationalsozialistischen Wochenzeitung Das Reich bei einer „Penthesilea“-Aufführung zwar die „Naturkraft“ der Darstellerin (Liselotte Schreiner), aber dieses Kleistsche „Hitzegewitter“ lasse das Ideal vermissen. Penthesilea besitze nicht die Mehrdeutigkeit männlicher Helden, ihre Sprache lasse nicht mal Ansätze romantischer Ironie erkennen. Da hätte auch Leni Riefenstahls geplante „Penthesilea“-Verfilmung nicht geholfen. Schließlich hatte Riefenstahls wilde Naturfrau Junta in „Das blaue Licht“ (1930) bereits eine Ahnung ihres Verständnisses der Amazonenkönigin vermittelt. Leider wurde das „Penthesilea“-Projekt, das die Regisseurin in der Libyschen Wüste und auf Sylt drehen wollte, durch den Krieg verhindert.  Die Unmöglichkeit, Kleists Patriotismus als Nationalsozialismus umzudeuten, gründet nicht zuletzt im Fehlen antisemitischer Zitate. Dieses Problem muß Elisabeth Frenzel klargeworden sein, als sie 1940 phantasierte, Kleist sei zu Lebzeiten von Juden auf der Bühne verdrängt worden. Wenn er schon nichts gegen sie hatte, so sollte er doch wenigstens ihr Opfer sein. Kurz vor Kriegsende mußten deutsche Schüler angeblich die Frage beantworten, ob Kleist, der sich am 21. November 1811 erschoß, auch Selbstmord begangen hätte, wenn er bei SS gewesen wäre. Diese Frage ließe sich frei nach Gottfried Benn beantworten: Nein, denn Kleist hätte im NS-Regime ohnehin nicht lange gelebt. Buchumschlag von 1942: Michael Kohlhaas als arischer Held Die Ausstellung „‘Was für ein Kerl!’ Heinrich von Kleist im Dritten Reich“ ist bis zum 23. November auf Schloß Neuhardenberg, Schinkelplatz, täglich außer montags von 11 bis 19 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Telefon: 03 34 76 / 60 00

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