Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Brüderlichkeit

Manchmal ist ein fehlendes Symbol irritierender als ein vorhandenes. So auch im Fall jener Skandalmedaille, die die Deutsche Post AG  zum Gedenken an die Gründung der SED — recte: Zwangsvereinigung von SPD und KPD — auf den Markt gebracht hatte und die nun mit allerlei fadenscheinigen Entschuldigungen zurückgezogen wurde. Da sah man zwar die Köpfe von Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, aber keinen Hinweis auf ihren historischen Handschlag und deshalb auch keinen auf das alte SED-Symbol, das diesen Vorgang aufnahm und sich gleichzeitig einer ehrwürdigen sozialistischen Tradition zu bemächtigen suchte. Der Handschlag ist eine Begrüßungsgeste, die erst in der frühen Neuzeit als Nachahmung eines entsprechenden antiken Brauchs wieder aufkam. Außerhalb Europas war er offenbar ganz unbekannt. In zahlreichen allegorischen Darstellungen wurde der Handschlag seit der Renaissance benutzt, um die Verbundenheit von Personen zum Ausdruck zu bringen. Dementsprechend spielte die Darstellung auch eine Rolle für die Freimaurerei, die ihn als sinnfälligen Ausdruck der „Brüderlichkeit“ ansah. Infolge der Übernahme vieler maurerischer Zeichen in die politische Ikonographie während der Amerikanischen und der Französischen Revolution geriet der Handschlag am Ende des 18. Jahrhunderts in die Emblematik der neuen Republiken und wurde zum Symbol von Bewegungen, die sich an aufklärerischen und egalitären Zielen ausrichteten. Das erklärt die Beliebtheit in vielen liberalen und sozialistischen Parteien des 19. Jahrhunderts. Argentinien setzte den Handschlag nach der Erringung der Unabhängigkeit sogar in sein Landeswappen. In Deutschland verwendete vor allem der 1863 von Ferdinand Lassalle gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) ein entsprechendes Emblem. Die erhalten gebliebene rote Fahne des ADAV zeigt einen Kranz von Eichenlaub in der Mitte, in dessen Zentrum den Handschlag, über dem Kranz die Parole der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, darunter: „Einigkeit macht stark!“ Derartige Sinnsprüche in Kombination mit dem Handschlag fanden sich auch auf Vignetten und später auf Mai-Zeitungen und -Postkarten, Anstecknadeln und Plakaten. Manchmal wurden in der sozialistischen Propaganda Arbeiter, die sich die Hände reichten, in ganzer Figur dargestellt, und jedenfalls wußte jeder Parteigenosse, was gemeint war, wenn es im Bundeslied „Brüder zur Freiheit, zur Sonne“ hieß: „Brüder, in eins nun die Hände, / Brüder, das Sterben verlacht: / Ewig der Sklav’rei ein Ende, / heilig die letzte Schlacht!“  Vom ADAV wurde der Handschlag als Symbol nicht nur an die Sozialdemokratische Partei, sondern auch an die Gewerkschaften und verwandte Organisationen der Arbeiterbewegung weitergegeben. Ein Muster, dem viele linke Parteien in Europa folgten, was angesichts der Stärke und des Modellcharakters der deutschen SPD nicht überraschen kann. Erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs trat das Symbol in den Hintergrund und sah sich durch andere, weitaus aggressivere — etwa die geballte Faust — verdrängt, die meistens dem Vorbild des sowjetischen Kommunismus und seiner Bildersprache folgten. Auch in der Sozialdemokratie empfand man das Zeichen als altväterlich, und die Wiederbelebung, die der Handschlag in der SBZ erleben sollte, kam insofern unerwartet. Das Symbol trat schon mit der Gründung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (1945) und dann bei der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED (1946) auf, was selbstverständlich mit den Täuschungsmanövern der „Gruppe Ulbricht“ zu tun hatte, die sich bewußt gemäßigt gab, um Stück für Stück die Macht zu übernehmen und sozialdemokratische wie bürgerliche Partner auszuschalten. Der Handschlag suggerierte Anknüpfung an die gemeinsame Geschichte der Arbeiterbewegung. Über den faktischen Mißbrauch des alten Symbols konnte das aber nicht hinwegtäuschen, und mit dem Untergang der DDR verschwand nicht nur deren Staatspartei, sondern auch deren Symbol, der Handschlag vor roter Fahne. Die Nachfolgepartei PDS (Partei des demokratischen Sozialismus) pflegte einen emblematischen Minimalismus, indem sie nur das Kürzel — in Weiß — auf ein rotes Parallelogramm setzte. Deren Nachfolgepartei „Die Linke“ operiert schon wieder kesser mit einem Schriftzug, der auf dem „i“ von „Linke“ den Punkt durch ein Wimpelchen in rot ersetzt. Vom Handschlag aber keine Spur mehr. Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt.

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