Auch Demokratie ist im wesentlichen Herrschaft

Thomas Hobbes‘ Staatsphilosophie wird gemeinhin allzu verschult und insofern verengt betrachtet: So gilt es in Philosophieprüfungen als artig, Hobbes als Theoretiker absolutistischer Obrigkeitsstaatlichkeit einzuordnen, dessen Vorstellungen dem Demokratischen irgendwie reaktionär entgegenstehen und der gegenüber Locke, Montesquieu und Rousseau geistesgeschichtlich verliert, weil er von einem allzu negativen Menschenbild ausgeht und Volkssouveränität für eine demagogische Phrase hält. Mehr noch: Nach politischer Grundvereinbarung hat demokratische „Freistaatlichkeit“ als Hort von Freiheit und Menschenrecht zu gelten, der von aller Unterwerfung und Macht erlöst. Davon kann bei Hobbes eben keine Rede sein, aber vielleicht liegt gerade darin seine Modernität: Er verschreibt sich weder Utopien noch anthropologischem Wunschdenken, sondern geht kritisch von seiner Zeitzeugenschaft aus. Revolution und Bürgerkrieg erlebt er als Schrecknisse. Geschwister, meinte er, hätte seine Mutter zur Welt gebracht – ihn und die Angst. Quentin Skinners im Rahmen der Adorno-Vorlesungen gehaltener Vortrag über Hobbes‘ politische Theorie liegt nun bei Suhrkamp vor und ist das intellektuell Frischeste und prägnant Tiefgründigste, was es zur Thematik gibt. Skinner analysiert Hobbes‘ Denken als leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem turbulentesten Jahrhundert englischer Geschichte. So kann gezeigt werden, daß Hobbes im Gegensatz zum platonistischen und scholastischen Verständnis selbst den bedingt freien Willen als Illusion ansieht. Jeder ohne äußeren Zwang erfolgte Entschluß zum Handeln setzt der vermeintlichen Freiheit, aus einem Spektrum von Möglichkeiten wählen zu können, ein Ende. Wer in lebensbedrohlicher Seenot seine Güter über Bord wirft, um sich zu retten, handelt zwar frei, legt sich damit aber schicksalhaft fest. Die ursprüngliche, aber tragische Freiheit im Naturzustand muß aufgegeben werden, da sie mit der Angst um das eigene Überleben in völliger Schutzlosigkeit bezahlt wird. Jeder Staat – einerlei, ob als Ergebnis von Vertrag oder Unterwerfung – konstituiert sich mit dem Grundbedürfnis nach Schutz, aus dem heraus der Leviathan als lebendiger Gott ersteht. „Das heillose Paradox, auf dem Hobbes‘ politische Theorie gegründet ist, besagt, daß der größte Feind der menschlichen Natur die menschliche Natur selbst ist.“ Dies ist der Ausgangspunkt einer philosophischen Denktradition, deren Anknüpfungen über Schopenhauer bis zu Gehlen und Schmitt weisen. Wer den Staat will und braucht, wird Unterworfener, damit jedoch keinesfalls Sklave, denn ihm bleiben unverlierbare Rechte wie Freizügigkeit, Verteidigung des eigenen Körpers und Zugang zu „Feuer, Wasser, frischer Luft und Behausung“. Sich der Regierung zu beugen, impliziert nicht die Entrechtung des liber homo. In diesem Zusammenhang klärt Hobbes respektive Skinner gängige Klischees, die von der Demokratie erwartet werden: Der Besitz der Freiheit soll danach das Recht voraussetzen, an der Regierung teilzuhaben. Das Gerede von Freiheit meint eher eine soziale Hoffnung und den Wunsch nach Belohnung. Demokratie jedoch befreit niemanden vom Gesetz und ist im wesentlichen ebenso Herrschaft wie die Monarchie. Als Freiheit im eigentlichen Sinne läßt Hobbes nur die körperliche Bewegung, also Freizügigkeit, gelten. Der Gegensatz zwischen Hobbes und den von ihm kritisierten „demokratischen Schriftstellern“ beruht darauf, daß diese als notwendige Freiheitsbedingung fordern, willkürlicher Einmischung zu entgehen, während es ihm hinreichend erscheint, „von der Einmischung als gegebener Tatsache frei sein zu können“. Freiheit des Volkes „besteht darin, Regierung zu haben: jene Gesetze, durch die ihnen ihr Leben und ihre Güter am meisten gehören mögen“, und nicht darin, „an der Regierung teilzuhaben“. Man kann also frei sein, ohne im Freistaat zu leben. Politische Freiheit meine nicht das Fehlen von Abhängigkeit, sondern nur das Aufheben physischer Hindernisse: „Ob ein Gemeinwesen eine Monarchie oder eine Demokratie ist, die Freiheit ist stets die gleiche.“ Die von den Demokraten manipulativ beschworene Freiheit existiere nur, wenn es keine staatliche Autorität gäbe. Dies wäre die Rousseausche und romantische Illusion von einem urharmonischen Naturzustand, in dem Hobbes jedoch den Krieg aller gegen alle erkannte. Staatlichkeit und Souveränität entstehen aus dem Bedürfnis nach Schutz. Verliert der Souverän die Macht zu schützen, so erlischt die Verpflichtung der Untertanen gegen ihn, und die Wechselbeziehung zwischen Schutz und Gehorsam endet. In der komplexeren Ausdeutung des politischen Denkens von Thomas Hobbes zieht Skinner gleichzeitig mit scharfer Kontur die Linien von Macht und Politik nach, die in der Rhetorik der Linken gern verwischt werden, um – freilich mit Blick auf eigene Zwecke – glaubhaft zu machen, der Mensch wolle und könne entgrenzt „frei“ leben, wenn er nur seiner autonomen Vernunft folge. Indem das unter Verzicht auf klassische Tugenden geschieht, ist die Demokratie in latenter Gefahr zu entarten und beschwört so den Kampf der Egoismen herauf, den Hobbes als die Bedrohung ansieht, vor der sich der Mensch naturgemäß nur fürchten kann, weil er darin ein Verlorener ist.       Quentin Skinner: Freiheit und Pflicht. Thomas Hobbes‘ politische Theorie. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2005. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, broschiert, 141 Seiten, 15,80 Euro

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