Jeden Tag neue Abenteuer

Ein Autor, den die meisten nicht einmal dem Namen nach kennen, schreibt über sein nicht besonders spektakuläres Leben. Muß man das veröffentlichen, muß man das lesen? In diesem Fall muß man es. Denn hier liegt ganz im verborgenen ein Buch vor, das in faszinierender Weise die letzten beiden Drittel des vorigen Jahrhunderts widerspiegelt – aus der Perspektive eines exzellenten Beobachters ohne Prominenz und ohne Zugang zu den Machtzirkeln. Wie es Carl Ludwig Schleich oder Wilhelm von Kügelgen in ihren klassischen Selbstdarstellungen gelungen war, die Stimmungen und Triebkräfte einer ganzen Epoche zu verdichten, ohne selbst zu den Gestaltern und Leitgestalten zu gehören, so vermag auch der 1935 in Bautzen (Lausitz) geborene, dort und in Naumburg aufgewachsene und heute als Pensionär in Berlin lebende Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut Hubert Bjarsch mit Überlieferungen und eigenen Eindrücken aus sieben Lebensjahrzehnten den Leser zu fesseln. Menschen, Bilder und Zeiten tauchen vor dem geistigen Auge klar umrissen auf, und zugleich gewinnt man Erkenntnisse über das Wie und Warum des historischen Prozesses. Kennzeichnend für die deutsche Verlagsmalaise ist, daß dieser Band nicht in einem der großen Publikumsverlage erschien, sondern bei Frieling, einschlägig bekannt als Bezahlverlag mit einem unüberschaubaren Mammutprogramm aus einzelnen Perlen und reichlich Talmi. Immerhin – das Werk ist heraus aus der privaten Schublade, und seine äußere Gestaltung ist professionell. Der Untertitel verspricht „Eine heiße Geschichte“ – und das ist nicht zuviel gesagt. Hubert Bjarsch, der in den achtziger Jahren  die Geschichte der West-Berliner Grünen mitgeprägt hat und 1984/85 deren Landesvorsitzender war, beginnt schon bei seiner Widmung mit einem deutlichen Signal des Widerstands gegen die dummliberalen bis dumpflinken Konventionen: „Gewidmet meinem gefallenen Vater und all den anderen, die sich nicht mehr wehren können – um ihr Leben betrogen, grausam verheizt und dann auch noch pauschal geschmäht von einer arroganten Nachwelt“. Das erste Kapitel, betitelt „Frieden“, springt mitten hinein in die „irre Zeit“ des zwanzigsten Säkulums, beginnt mit Geburt und Tod – Zwillinge kommen  zur Welt, aber schon drei Tage später ist der eine tot und der kleine Hubert von nun an Einzelkind.  Die Lebenswelt des unteren Bürgertums in den dreißiger Jahren (der Vater ist Lehrer, anfangs lebt man sogar noch zur Untermiete) schildert der Autor kritisch, liebevoll und präzise – mit plastischem Blick für die persönlichen Besonderheiten (die sorbischen Familieneinflüsse, die Spiele und Kämpfe der Kinder, der Soldatentod des Vaters 1943 in Bosnien usw.) wie für die großen Linien („Faschismus pur“ seitens einiger sadistischer Lehrer, der heraufziehende Weltkrieg, die Vorahnungen eines bösen Endes, die Luftangriffe, die „Hamsterfahrten“, der Einmarsch der Sieger). Großartig ist es, wie die große Welt draußen und die kleine Welt eines Kindes miteinander konfrontiert wird. 1945 erscheint dem Zehnjährigen ganz und gar nicht als Katastrophe: „Sonne! Sonne! Sonne! Nur selten mal eine kurze Unterbrechung mit Wolkenbruch, Hitzegewitter. Von April bis September wölbte sich fast durchgehend ein vergißmeinnichtblauer Himmel über dem Land an der Saale. Dieser Sommer 1945, der in der Zeit nach rückwärts und nach vorwärts seine Kalendergrenzen sprengte, das war in Naumburg ein Sommer, der so gewaltig war und so sagenhaft strahlend hell wie kein anderer je zuvor oder danach in meinem Erleben! Und wir konnten uns tummeln in diesem Sommer, ungehemmt tagein tagaus – in einem Meer von Zeit! Superferien! Und die vielen Freunde! Das herrliche Bandenleben! Jeden Tag neue Abenteuer! Ich war glücklich. … Wir alle waren glücklich im gelebten Augenblick. Wir ahnten nicht, daß anderenorts im Lande unvorstellbares Leid herrschte in diesem schrecklichsten Jahr, das Deutschland in den Jahrhunderten seiner Geschichte je erleben mußte!“ Bald schon aber beginnen die kindlichen Illusionen sich aufzulösen: Von einer aus dem russisch besetzten Bautzen geflüchteten Tante erfährt der Junge von Vergewaltigungen und Repressionen. In seinen Urteilen über das Kriegsende und die Zeit danach zeigt sich die nüchterne Wahrhaftigkeit des Autors: Er beschreibt, wie erleichtert die meisten seiner Landsleute sind, daß der Krieg vorbei ist, und wie gleichzeitig viele von ihnen in hemmungslosem Opportunismus nach Heraustrennen des Hakenkreuz-Aufnähers schleunigst rote Fahnen hissen und sich den Siegern als Hilfspolizisten andienen. Er arbeitet heraus, wie große Teile der deutschen Bevölkerung zwar das den Juden angetane Unrecht mißbilligend zur Kenntnis nahmen,  aber weder Widerstand  leisteten noch die massenhaften Judenmorde in den Konzentrationslagern für möglich hielten. Andererseits hält der Autor für die Nachkriegszeit fest: „Man hörte nur sehr ungern von deutschen Verbrechen, und jeder wünschte sich, es hätte sie nie gegeben. Dennoch erlangten die deutschen Normalbürger durchaus keine wirkliche Meisterschaft im Verdrängen. Die unüberbotene Spitzenleistung im Verdrängen, Verdrehen, Vertuschen und Leugnen lieferten die neuen Machthaber – die Sowjets mit ihrem deutschen Hilfspersonal also.“ Zwar verhalten sich jene Russen, die nach dem Abzug der Amerikaner Naumburg  übernehmen, weitgehend friedlich, aber von der in der russischen Propaganda behaupteten Befreiung kann keine Rede sein. Andererseits verschweigt Bjarsch nicht seinen Abscheu gegenüber den Kriegsverbrechen der Westmächte und schlägt den Bogen von den Luftangriffen auf  Dresden 1945 zu denen auf Hanoi und Haiphong 1972. Passend zu dem „irren Jahrhundert“ weist auch das Leben von Hubert Bjarsch irrwitzige Wechselbäder auf: So ist er im September 1953 „Dienstag Hilfsarbeiter, Mittwoch Lehrer, Donnerstag Schüler“. Weil ihm nach dem Abitur aus politischen Gründen das Studium verweigert wird, schaufelt er Getreide, erfährt davon, daß Dorflehrer ganz ohne Studium eingestellt werden, besorgt sich eine solche Stelle, die er im Austausch gegen einen Studienplatz an einen Schulfreund weiterreichen will, geht, als dieser Studienplatz in Ost-Berlin sich für einen politisch Vorbelasteten als unerreichbar erweist, kurzentschlossen in den Westen und absolviert dort erst einmal für das West-Abitur die dreizehnte Klasse. Ganz wunderbar sind seine Erzählungen über Feste und Exzesse, über Rausch und Folgeerscheinungen – hart und präzise, mit viel (Hinter)Sinn für Symbolik und Situationskomik. Ganz exzellent auch die Beschreibungen des West-Berliner Studentenlebens in den angeblich so spießigen fünfziger Jahren, sehr nachvollziehbar seine Distanz gegenüber den rosaroten Parolen und der blauäugigen politischen Blindheit der Berliner 68er-Szene wie gegenüber den tragikomischen antideutschen Selbsthassern der späten achtziger Jahre. Am Ende steht sein Fazit, daß das schlimme, bis zum Ende mörderische zwanzigste Jahrhundert doch „mein eigenes Jahrhundert gewesen“ ist, daß es „allem zum Trotz … schön war“. Hubert Bjarsch: Ein Überlebender, unverschämt. Eine heiße Geschichte. Frieling-Verlag Berlin, 272 Seiten, 12,90 Euro

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