Als das Reich aus tausend Wunden blutete

Der Biograph nennt Ferdinand III. einen „vergessenen Kaiser“. Tatsächlich wurde Kaiser Ferdinand III. von der Historikerzunft wenig beachtet. Hugo Hantsch widmete ihm 1950 im zweiten Band seiner monumentalen „Geschichte Österreichs“ nur wenige Seiten — mit der ausdrücklichen Hoffnung auf eine „neuere Biographie“. Hantschs Bitte sollte erst fast sechzig Jahre später erhört werden. Der deutsche Kaiser des Westfälischen Friedens blieb trotz persönlicher Tapferkeit und unbestrittener Verdienste von der Historiographie der letzten hundert Jahre weitgehend ausgeblendet. Vater Ferdinand II., Kaiser der Gegenreformation, und sein zweiter Sohn und Nachfolger Leopold I., Kaiser im Türkensturm, haben eindeutige Etikettierungen. „Friedenskaiser wider Willen“ nennt jetzt Lothar Höbelt seinen Versuch einer Nachetikettierung für den Herrscher  zwischen ihnen. Bei Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs ist Ferdinand Ernst, so seine Taufnamen, ein zehnjähriger Erzherzog und steht in der Thronfolge seines Vaters auf Platz zwei hinter dem drei Jahre älteren Bruder Johann Karl. Für Ferdinand Ernst ändert dessen Tod Ende 1619 die Lebensperspektive grundlegend. Statt der ihm zugedachten relativen Beschaulichkeit eines Klerikers, lastet nun die Ausbildung zum Thronfolger auf dem Knaben, die eine intensive Sprachenausbildung einschließt. Als er schon 1625 in einer Kampfabstimmung in Ödenburg zum König von Ungarn gewählt wird, beginnt für ihn mit siebzehn Jahren die praktische Politik. Der Krieg im Reich geht unterdessen weiter. Die Kaiserlichen unter Tilly und Wallenstein ziehen siegreich und marodierend nach Norden bis Jütland und Mecklenburg. Es läuft gut für Habsburg und die katholische Sache. Wäre es so weitergegangen, wäre Ferdinand III. bei seiner Thronbesteigung 1637 unverhofft der erste Erbkaiser im Reich geworden. Mit der Intervention Schwedens wendete sich das Glück. Bis Tirol und vor Wien zogen nun die schwedischen Heere: Krieg bis zur totalen Erschöpfung von Menschen und Mitteln. Höbelt beschreibt nicht nur ausführlich die Ränkespiele sämtlicher europäischer Potentaten jener Zeit, sondern auch den sehr wechselhaften Kriegsverlauf mit chaotischen Allianzwechseln, die mit der Konfession der Kriegsmächte und Akteure immer weniger zu tun hatten. Den Gipfel dieses Opportunismus bildeten Versuche der schwedischen und französischen Diplomatie, die Türken gegen das Reich in Stellung zu bringen. Nicht auszudenken, wenn die damals zerstrittene „Hohe Pforte“ diese Schwächephase des Abendlandes strategisch ausgenutzt und zum Schlag ausgeholt hätte wie eine Generation später! Höbelt gelingt es, nicht nur die Person Ferdinands III. zu beschreiben, sondern ein anschauliches Bild einer blutigen Epoche zu vermitteln, an deren Folgen Mitteleuropa noch hundert Jahre später leiden sollte. Bei Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618 lebten im Deutschen Reich etwa 15 Millionen Menschen, am Ende waren es nur noch etwa fünf Millionen. Es gibt auch weniger drastische Zahlen und Zählweisen, aber ein so hoher Blutzoll durch Kriegsgreuel und Nebenwirkungen wie Hunger oder Seuchen ist zu keinem Zeitpunkt danach mehr entrichtet worden. Wohlgemerkt: im Verhältnis! Seine Titulierung als „Friedenskaiser wider Willen“ erklärt sich aus Ferdinands III. deutlich geäußerter Abneigung gegen den Frieden von Münster und Osnabrück, der der „Westfälische“ genannt wird. Die Krone Frankreichs sichert sich in diesem Frieden wichtige Festungen und Ausfallstore ins Reich. Schweden hielt bis 18 15 große Territorien in Norddeutschland. Die Niederlande und die Eidgenossenschaft verließen rechtswirksam den Reichsverband. Ein deutscher und römischer Universalkaiser konnte solchen und vielen anderen Regelungen des Westfälischen Friedens wenig abgewinnen. Besonders schmerzhaft war zweifellos der Verzicht auf die kurz vor 1648 durch Heirat eingefädelte Einheit mit Spanien. Niemand wollte eine solche Weltmacht! Das alles erzählt Höbelt lebendig und spannend. Gelegentliche Kalauer und sprachliche Saloppheiten lassen im Autor den engagierten Universitätsprofessor erkennen, der mit solchen Stilmitteln die Aufmerksamkeit seiner Studenten auch im Hochsommer erhalten kann. Den Leser freut das eher, denn Geschichtsvermittlung ist im Idealfall gute Geschichtserzählung, mit Augenzwinkern, wo es angebracht erscheint. Das gelingt Höbelt fast immer, auch wenn er etwa die drei überlebenden kaiserlichen Würdenträger des Prager Fenstersturzes teilnahmsvoll als „Defenestrierte“ bezeichnet oder gar Generalleutnant Piccolomini die „Qualitäten eines Troubleshooter“ zuschreibt. Höbelt erinnert daran, daß Europa auch nach dem Westfälischen Frieden keine Atempause bekam. Österreichs Augenmerk verlagerte sich nach Ungarn und Siebenbürgen, wo die aktivere Rolle der Türken spürbar wurde. Ferdinand III. zieht sich im letzten Lebensjahrzehnt auf die Erblande zurück. Das Reich vernachlässigt er nicht, aber die geographischen Schwerpunkte seiner Politik verschieben sich nach Osten. Alle Überlegungen zu einer Reichreform mit Erbkönigtum waren begraben. Fortan erneuerten und vermehrten die Kurfürsten bei jeder Kaiserwahl ihre Rechte durch Wahlkapitulationen. Schon in der Wahlkapitulation Ferdinands III. vom 24. Dezember 1636 verpflichtete er sich zur Befragung der Kurfürsten bei Verfügung von Reichsacht oder Reichsexekution. Kein Vergleich zu den schnellen Entscheidungsprozessen in Frankreich und anderswo. Die Regierungszeit Ferdinands III. markiert so leider auch die Durchsetzung ständischer Sonderinteressen über dem Kaiser. Das ist nicht seine Schuld, sondern in weit erheblicherem Maße die seines Vaters. Aber das ist eine andere Geschichte, die das reiche Buch nebenbei erzählt. Ferdinand III. jedenfalls hat mit Höbelts Biographie für die Nachwelt den Schatten seines Vaters verlassen. Fotos: Gerard ter Borch, „Unterzeichnung des Westfälischen Friedens 1648 in Münster“, Öl auf Leinwand: Noch hundert Jahre später leidend; Ferdinand III., um 1620: Abneigung gegen diesen Frieden Lothar Höbelt: Ferdinand III. Friedenskaiser wider Willen. Ares Verlag, Graz 2008, gebunden, 488 Seiten, 29,90 Euro

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