Was die Primaten können

Spektakel der Macht“ ist ein doppelsinniger Titel, insofern wir unter einem Spektakel ein mit Lärm und Aufsehen verbundenes Schauspiel verstehen und der Begriff einen abwertenden Beigeschmack hat, während das zugrunde liegende lateinische spectaculum soviel wie „Zurschaustellung“ bedeutet und keineswegs pejorativ gemeint war. Möglich, daß die Verschiebung mit einer prinzipiellen Skepsis der Moderne gegenüber Präsentation und Repräsentation zu tun hat, weil dahinter immer eine Täuschungsabsicht vermutet wird. Mittelalter und frühe Neuzeit hingegen hatten, wie die große Ausstellung im Magdeburger Kunsthistorischen Museum zeigt, noch ein ungebrochenes Verhältnis zur symbolischen Dimension der Macht. „Spektakel der Macht“ werden hier im Hinblick auf vier zentrale Bereiche vormoderner Lebenswelten gezeigt: Kaisertum, Kirche, Bürgerschaft, Universität. Deutlich tritt dabei hervor, daß die ständische anders als die heutige Gesellschaft ihren Zusammenhalt ganz wesentlich durch Zeichenhandlungen gewährleistete. Der erste Teil der Ausstellung illustriert den Sachverhalt anhand der wichtigsten Elemente von Einsetzungsritualen: Wahl, Prozession, Statuswechsel durch Bekleidung, Übergabe von Insignien oder Inthronisation. Wichtig war dabei die strikte Trennung des Verschiedenen, aber auch die gegenseitige Durchdringung der Bereiche. So fällt besonders das Bemühen der — bürgerlichen — Akademiker auf, adlige Formen nachzuahmen, beginnend mit den großen und kostbar gearbeiteten Universitätsszeptern und endend beim Aufwand, der für das „Doktormahl“ aus Anlaß der Promotion zu treiben war und der häufig zum finanziellen Ruin des frischgebackenen Gelehrten führte. Noch deutlicher ist der Aspekt der Wechselwirkung im Hinblick auf die allgegenwärtige Religion, deren Amtsvertreter die symbolische Kontrolle über ihren Bereich eifersüchtig verteidigten — etwa bei der Durchsetzung der Bischofsinvestitur mit dem Ring (der die „Heirat“ der Kirche symbolisierte) —, sich aber auf manchen Feldern vor einer allzu strikten Scheidung hüteten, was etwa an der zunehmenden Verweltlichung der Kaiserkrönung zu erkennen war, die man durch die Zulassung von Kaiser und Kaiserin zur Kommunion unter beiderlei Gestalt (mit dem „Spülkelch“) konterkarierte. Der zweite Teil der Ausstellung behandelt die Grundformen des symbolischen Handelns: „Küssen“ — „Knien“ — „Schwören“ — „Thronen“. Hier zeigt sich die Einheit der ansonsten stark hierarchisierten und vielfach gegliederten Gesellschaft in ihrer Zeichen-Sprache deutlich, denn die genannten Akte traten in jedem Bereich auf. Die Allgemeinverständlichkeit des symbolischen Systems ermöglichte allerdings auch Umkehrung und Parodie, wovon — was einige besonders interessante Exponate des dritten Teils deutlich machen — bereits im Mittelalter, aber dann vor allem in der Zeit nach der Reformation ausgiebig Gebrauch gemacht wurde, um jemanden seiner Würden zu „entkleiden“, ihn von seinem Amt „abzusetzen“ oder ihn durch Verbindung mit Schandsymbolen (etwa dem Schwein) zu schmähen. Man sollte dabei nur nicht übersehen, daß solche Praxis ein Teil der kulturellen Gesamtordnung war — und die Französische Revolution mit ihrer Totalzerstörung der bis dahin geltenden Symbolkommunikation etwas ganz anderes. Diesem Thema widmet sich die Magdeburger Schau in ihrem letzten Teil, der nicht nur die Zerstörungsakte (Abriß der Bastille und der Figuren der biblischen Könige an der Fassade von Notre Dame in Paris, Abschaffung der Insignien), sondern auch die Versuche zur Neustiftung von Symbolen (Trikolore, Jakobinermütze, revolutionäre Tracht) darstellt. Hier fällt die sorgfältige Auswahl der Exponate, die die Ausstellung auch sonst kennzeichnet, besonders auf, zumal es sich oft um Gegenstände handelt, etwa Kleidungsstücke und Kleinteile, bei denen man kaum erwartet, daß sie sich erhalten haben könnten. Wenn an der Schau in Magdeburg überhaupt Kritik zu üben ist, dann haben sich die Einwände gegen zwei Aspekte zu richten, die auch sonst zu den Schwächen des neuen wissenschaftlichen Interesses an Fragen politischer Symbolik gehören: das Desinteresse an den Symbolen selbst und das Fehlen der anthropologischen Dimension. Was den ersten Gesichtspunkt betrifft, sei das Kernproblem an einem einzelnen Beispiel aufgewiesen, dem Lüneburger „Schwurblock“, einem hölzernen, vergoldeten Kästchen mit einer Darstellung von Christus als Weltenrichter an der einen Hauptseite, aufgesetzt zwei gegeneinander gerichtete, knieende Engel, zwischen denen sich ein kleiner Zylinder und zwei kleine Säulen befinden. Wie man der Beschriftung und auch dem Katalogtext entnehmen kann, handelt es sich bei solchen „Schwurblöcken“ um Gebilde, die in den mittelalterlichen deutschen Städten üblich waren, um darauf den Bürgereid zu leisten. Mit diesem Aspekt der Funktion gibt man sich aber vorschnell zufrieden, ohne daß gesehen würde, daß die äußere Form des Lüneburger Schwurblocks der Bundeslade des Volkes Israel — jener Eidgenossenschaft des Alten Bundes — nachgebildet war. So gerät Entscheidendes im Hinblick auf die symbolische Dimension aus dem Blick. Was den zweiten Aspekt betrifft, so ist vor allem darauf hinzuweisen, daß die erwähnten Grundrituale des Küssens, Kniens, Schwörens und Thronens nicht einfach auf „Konventionen der Gesellschaft“ (Gerd Althoff) zurückgehen, sondern universalen Charakter haben, was an sich schon bemerkenswert scheint. Einer Erklärung dafür könnte man nahekommen, wenn man beachtete, daß wenigstens im Hinblick auf Küssen, Knien und Thronen Vorformen im Bereich des Sozial- und Signalverhaltens der Primaten bestehen, womit jedenfalls der Annahme willkürlicher „Erfindung“ oder „Konstruktion“ solcher Rituale einiges an Plausibilität genommen wäre und man sich einer Erklärung für den in den Ausstellung zum Schluß benannten Sachverhalt näherte, daß nach der Zerstörung der alten Symbolwelt weder die Vorstellung aufgeklärter Symbolfreiheit noch die Stiftung alternativer Symbole die gewünschte Wirkung hatte. Die Ausstellung „Spektakel der Macht. Rituale im alten Europa 800—1800“ ist noch bis zum 4. Januar 2009 im Kulturhistorischen Museum Magdeburg, Otto-von-Guericke-Str. 68—73,  täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr  zu sehen. Empfehlenswert sind der Katalog, ein Kolloquiumsband, das Begleitmaterial sowie der audiovisuelle Führer für Kinder. Foto: Der Eid Lafayettes auf dem Föderationsfest am 14. Juli 1790: Stiftung einer neuen Machtsymbolik

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