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Abenteuer

Nicht jeder Musiker, den die Schallplattenfirma oder die Fans mit dem Etikett „Melodischer Hardrock“ versehen haben, fügt sich brav in sein Schicksal. Manch einer begehrt früher oder später künstlerisch auf und wagt — sehr zum Unmut der Metal-Gemeinde — Ausflüge in die Welt des Pop- oder gar Country-Rock. Hier soll deshalb mit Nachdruck das Recht auf musikalische Abenteuerlust verfochten werden: Aus der Flut der Neuerscheinungen dieses Sommers zieht der eigenwillige Ohrentaucher drei CDs von Künstlern ans Land, die sich noch nie so recht an die Spielregeln ihres Genres halten mochten. Einer, an dem sich seit jeher die Geister scheiden, ist der ehemalige Helloween-Frontmann Michael Kiske. Seit er 1993 den legendären deutschen Pionieren des Power-Metal den Rücken kehrte, hat Kiske kaum ein gutes Wort mehr für die Hardrock-Szene übrig — in Interviews bezeichnete er sie als „engstirnigste und destruktivste Musikszene der Welt“. Seine Karriere als Sänger/Songwriter setzte er lieber mit Projekten wie Place Vendome (2004) fort, die weniger von Judas Priest als von Blackmore‘s Night inspiriert klingen. Kiskes jüngste Veröffentlichung „Past in Different Ways“ (Frontiers Records) bietet — der Titel ist Programm — eine bemerkenswerte frische Neuinterpretation seiner Vergangenheit als Power-Metaller. Seine unverwechselbare Stimme, gewaltig wie die eines Opernsängers, weiß er heutzutage im Zaum zu halten, um sie mit um so stärkerer emotionaler Wirkung einzusetzen. Zehn Eigenkompositionen der Helloween-Zeit werden mit Anleihen aus dem Country-Rock, dem sanften Instrumental-Pop der 1960er und filigraner Griffbrett-Technik neu aufbereitet. Zu den Höhepunkten zählen „You Always Walk Alone“, eine Symphonie mit lateinamerikanischen Anklängen, die Ballade „Your Turn“ und die hervorragende Instrumentalisierung, die eine mittelmäßige Rocknummer in mitreißenden Folkpop mit Pauken und Trompeten verwandelt. Nicht minder zeitgenössisch klingt „Different Ways“, das einzige neue Stück des Albums — das rockige Akkordeon und die fröhlich walzenden Geigen erinnern am ehesten an die Indie-Favoriten Arcade Fire. Nicht jeder Metal-Fan wird diese Platte mögen — ein breiteres Publikum verdient sie allemal. Extreme hatte ein solches schon mal gefunden. Dreizehn Jahre ist es her, daß sich die ehemaligen Hair-Metaller und späteren mehrfach Platin-gekrönten Helden des innovativen Pop-Metal auflösten. Nun sind sie wieder da — mit ihrem fünften Studioalbum „Saudades de Rock“ (Frontiers Records), einer robusten Rückkehr der Männer aus Boston zum rauhen Funk-Blues der guten alten Zeit. „Comfortably Numb“ verdankt Pink Floyd mehr als nur den Titel, während klavierlastige Nummern wie „Peace (saudade)“ und die Single „Ghost“ (ist es etwa der Geist von Coldplay, der hier beschworen wird?) an Extremes Akustik-Balladen anknüpfen, die ihnen 1990 ihren Mainstream-Hit „More Than Words“ bescherten. Richtig gut wird es, wenn die Band auf der furiosen Country-Nummer „Take Us Alive“ ihre Blues-Klänge um tanzbaren Südstaaten-Rock bereichert. Zugabe! Dieses Jahr bringt nicht nur das Comeback eines großen Namens dieser Szene, sondern auch den Abschied von einem anderen: Harem Scarems zwölftes Studioalbum in zwanzig Jahren Bandgeschichte soll auch das letzte der Kanadier werden. Ein großer Schock ist diese Nachricht nicht gerade. Seit dem mißglückten Versuch des Quartetts, sich 1999 unter dem Namen Rubber als Power-Pop-Gruppe neu zu erfinden, schien das Ende absehbar. Und so ist in Harem Scarems neuer Scheibe „Hope“ (Frontiers Records) ganz und gar nicht drin, was draufsteht, sondern melancholisch-düstere Klangwelt ohne jedes Fünkchen Lebenslust.

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