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Pankraz, der Moscheenbau und die Ringparabel

Weshalb regen die sich über neue Moscheen so auf", fragte einer, "sie selbst glauben doch nicht mehr an Gott, also kann ihnen doch egal sein, welche Gotteshäuser herumstehen." In der Tat argumentieren die vielen Bürgerinitiativen gegen jene protzigen Moscheen, die jetzt überall bei uns gebaut werden sollen, nicht genuin religiös, sondern gewissermaßen rein kulturell. Man sorgt sich (siehe Ralph Giordano) nicht ums Christentum, sondern um das Stadtbild, die Mädchenmode, den öffentlichen Frieden, die Freiheit, um vieles andere, nur nicht um den Glauben.

Kein Glaubenskrieg droht oder ist schon im Gange, sondern ein Kulturkrieg. Ob islamischer Allah oder christliche Dreieinigkeit – dergleichen ist dem "aufgeklärten" hiesigen Normalbürger im Grunde höchst gleichgültig. Nicht gleichgültig ist ihm hingegen, was verboten wird und was nicht, was man in der Schule erzählt kriegt, wer wen heiratet, was es zu essen gibt und eben auch, wie die Städte und Dörfer aussehen. All das ist dem "Spießer" viel wichtiger als die tiefsinnige Frage, wer die Welt im Innersten zusammenhält. Über diesen Tatbestand die Nase zu rümpfen, wirkt selber ziemlich schnell ziemlich spießig.

Auch Menschen beziehen ihre Identität nun einmal nicht in erster Linie aus metaphysischen Lehren, sondern aus harten Realitäten, in die sie hineingeboren werden, aus überkommenen Gewohnheiten und Überzeugungen mittlerer Reichweite, welche man mit der Muttermilch aufsaugt. Nicht die vorbeirauschende Zeit prägt uns, sondern der aus Landschaft und Tradition zusammengesetzte Raum. Wir sind primär alle Raumtreter. Auch unser Glaube ist zunächst vom Raum geprägt, er ist mehr Gewohnheit als metaphysisches Kalkül, und bei vielen, vielleicht den meisten, bleibt das ganze Leben über so.

Religiöse Missionare, die einen neuen, gar aus anderen Räumen stammenden Glauben installieren wollen, haben à la longue nur Erfolg, wenn sie ihre Lehren sorgfältig an die lokalen kulturellen Überlieferungen anpassen. Es sei denn, sie kommen in eine Gegend, wo es faktisch keine Religion mehr gibt und die Botschaft von allen ersehnt wird wie Wasser von Verdurstenden; aber selbst dann knüpft der kluge Missionar lieber an alte, verschüttete Traditionen an, statt grell gänzlich Neues, bisher völlig Fremdes zu predigen.

Daß der gegenwärtige "Euro-Islam" bei seiner aggressiven Moscheenbauerei derlei Einfühlung und Rücksichtnahme nicht mehr nötig zu haben glaubt, stellt dem kulturellen Bewußtsein seiner Imame und Ditib-Funktionäre ein schlechtes Zeugnis aus. Oder vielleicht doch nicht? Offenbar fühlen sie sich gar nicht als Missionare, Glaubensbringer, sondern genau als das, was sie auch wirklich sind: Anführer und Schneisenhauer einwandernder Kulturen. Sie wollen die Einheimischen nicht zum Glauben bekehren, sondern verdrängen, wie einst der Cromagnon-Mensch den Neandertaler verdrängte. Die neuen Moscheen sind keine Tempel, es sind Wehrburgen.

Daraus ergeben sich natürlich eine Menge Schlußfolgerungen für praktische Maßnahmenkataloge. Unter anderem käme es darauf an, unseren liberalen abendländischen Toleranzbegriff je nach Lage zu modulieren. Reine Glaubenskriege, wo es ausschließlich um die Verbreitung differierender Überzeugungen über das höchste Wesen und den "Sinn des Seins" geht, können durch Toleranzparagraphen leicht zum Verglimmen gebracht werden: Man verbiete einfach die gewaltsame Bekehrung und lasse jeden nach seiner Façon selig werden! Bei Kulturkriegen ist dergleichen nicht möglich.

In Boccaccios bzw. Lessings berühmter Ringparabel zum Thema Toleranz verteilt der Vater die (religiöse) Wahrheit, die in einem kostbaren Ring symbolisiert ist, gleich dreimal an seine Söhne, nämlich das Judentum, das Christentum und den Islam, obwohl nur einer der "richtige" Ring ist, welchem Heil stiftende Kräfte innewohnen. Das "Heil" besteht bei Boccaccio wie bei Lessing darin, daß der Ringträger sich wahrhaft human verhält und dadurch in Gottes und der Menschen Augen "wohlgefällig" wird. Das ist wahre Toleranz, denn sie stiftet einen edlen, ganz selbstlosen Wettstreit der Brüder um Wohlgefälligkeit.

Pankraz fragt sich, was passiert wäre, wenn der Vater nicht drei äußerlich vollkommen identische Ringe als Glaubenssymbol verteilt hätte, sondern drei zwar vergleichbar schöne und fruchtbare, aber kulturell äußerst verschiedene Landschaften, konkrete Weltgegenden. Wären dann die Brüder auch so zufrieden gewesen wie bei den Ringen? Man darf daran zweifeln. Selbst bei echter Neidlosigkeit und moralischer Erstklassigkeit der Brüder – die verschiedenen räumlich-kulturellen Ausformungen ihrer Glaubenssymbole hätten zu Irritationen, gegenseitigen Beschuldigungen, letztlich zu grenzübergreifenden Rektifizierungsversuchen geführt: Kulturkrieg, aufgezäunt als Glaubenskrieg.

Es gehört wahrhaftig nicht viel historischer und politischer Scharfblick dazu, um zu erkennen, daß weder die sogenannten Glaubenskriege der Vergangenheit noch die der Gegenwart unter die Ringparabel passen. Diese ist allzu abstrakt. Unsere notorischen (inzwischen freilich ziemlich kleinlaut gewordenen) Multikulturalisten beziehen sich denn auch nicht auf Ringparabeln, sondern auf das Prinzip Labskaus. "Weg mit den gewachsenen Kulturen", sagen sie, "Multikulti sei’s Gebot!" Der Weg zum ewigen Frieden führt über den Labskaus, wo alle Reste der Woche zusammengeschmissen und verrührt werden. Wenn man noch ein paar scharfe Gewürze dazutut und ein Spiegelei darüber breitet, interessieren sich sogar Gourmets dafür.

Nur eben: Die Reste müssen ja erst einmal dasein, bevor man sie verrühren kann. Eine Gesellschaft, die auf Resteverwertung programmiert wird, ist dem Untergang geweiht. Glücklicherweise ist der Homo sapiens von Haus aus kein Resteverwerter, weder Aasgeier noch Mistkäfer. Er achtet auf das je Eigene, und wenn er es nicht tut, rächt sich das sofort, er wird aus diesem je Eigenen verdrängt. Das Erzählen von Ringparabeln hilft dagegen nicht.

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