Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Pankraz, der Kirchentag und die Macht der Würde

Macht der Würde". So lautet, wie jetzt festgelegt wurde, das Motto für den nächsten Evangelischen Kirchentag Mitte dieses Jahres in Köln. Was sich die Organisatoren davon versprechen, ist nicht ganz klar. Der Verdacht liegt nahe, daß sie gar nicht näher nachgedacht haben, sondern einfach eine schöne Phrase aufgriffen, unter der sich alles mögliche versammeln läßt.

Die Würde spielt ja im gegenwärtigen Geistesleben und in der gegenwärtigen Politik – zumindest scheinbar – eine große Rolle. Im deutschen Grundgesetz wird sie ausdrücklich beschworen, steht ganz oben, als Paragraph Nummer eins: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Aber was ist damit gemeint? Wenn wir so fragen, merken wir, daß dem fast inflationären Sprachgebrauch ein recht bescheidenes Corpus an Reflexion gegenübersteht.

Gerade in christlichen Zusammenhängen hat die Würde als Ausweis wahrer Menschlichkeit nie eine sonderliche Rolle gespielt. Vielmehr galt meistens: Wer ein guter Christ ist, der ist auch wahrer Mensch, und wer kein Christ ist, dem fehlt zum wahren Menschsein eine ganze Menge, mag er noch so sehr mit Titeln, Machtbefugnissen und anderen "Würden" prunken. Würde ist in solchem Verständnis kein innerer Wert, sondern ein äußerliches Kleid. Und sie ist Bestandteil von eher weltlicher, institutioneller und sozialer Macht. Wer Macht hat, der muß es zeigen, und eben das feierliche Vorzeigen von weltlicher Macht ist Würde.

Macht und Humanitas, Macht und Vernunft klaffen bekanntlich oft weit auseinander, und die Würde, das feierliche Vorzeigen von Macht, gerät somit oft, allzu oft, zur schmählichen Farce. Die scharfen Moralisten der frühen Neuzeit, Montaigne, LaRochefoucauld, Vauvenargue, hatten diese farcenhafte Diskrepanz zu ihrem Lieblingsthema gemacht und ätzend darüber gespottet. "Die Würde ist eine körperliche Kunst, erfunden, um Mängel des Geistes zu verbergen", heißt es beispielsweise bei LaRochefoucauld. Und gar bei Vauvenargue: "Die Würde ist meistens nur ein geschmackloses Kleid der Eitelkeit."

Die Erhebung der Würde zur "Menschenwürde" war keine Tat des Christentums, sondern eine der vorchristlichen Stoiker in der Antike. Für die hatte die Würde, die "axía", die "dignitas", zwei Aspekte. Zum ersten war sie faktisch identisch mit dem berühmten "Hegemónikon" Platons, war also Inbegriff jener "von Gott kommenden" Nobilitierung des Menschen vor jeder anderen lebenden Kreatur, die in der Erkenntnis und Befolgung der Gesetze lag.

Zum anderen sollte sie gewissermaßen die Generalanweisung, die Grundregel sein für das Führen eines ordentlichen Lebens. "Ich wahre meine Würde", das hieß soviel wie: "Ich bleibe bei mir selbst, liefere mich nicht irgendwelchen Affekten aus". Für die Stoiker zeigte sich Würde am besten in der Gelassenheit des Weisen, der sich durch nichts aus der Balance bringen läßt, weder durch Glück noch durch Unglück. Auch hier war die Würde also, wie später bei LaRochefoucauld, eine Maske, eine Fassade, hinter der ich meine eventuell tobenden unreinen Affekte verbergen konnte.

Die Renaissance im 15. Jahrhundert, besonders der junge Pico della Mirandola von der Florenzer Akademie, griffen besonders den Hegemónikon-Aspekt der stoischen Würde-Diskussion wieder auf und läuteten damit das moderne Zeitalter ein . Der Mensch ist frei und vernunftbegabt, deklarierte Mirandola, und er ist als Freier und Vernunftbegabter in der Lage, Gesetze zu befolgen – darin besteht seine Würde. Die Aufklärung, Immanuel Kant im 18. Jahrhundert knüpfte daran an. Die Würde, die "Menschenwürde", besteht nach Kants Meinung in der Befolgung des Sittengesetzes, des "kategorischen Imperativs" und in nichts anderem.

Und zwar werde ich würdig nicht etwa dadurch, daß es mir innere Freude bereitet, das Sittengesetz zu befolgen, daß sich meine guten Triebe darin beruhigen usw., sondern allein durch den formalen Vollzug des Sittengesetzes. Kant suggeriert sogar: Am hellsten strahlt die Würde des Sittengesetzes aus mir, wenn ich triebhaft überhaupt nicht dazu gestimmt bin, wenn es mir Pein macht zu gehorchen, wenn ich der "Pflicht" des Sittengesetzes also nur contre cœur nachkomme.

Sittengesetz und Pflichtbewußtsein sind uns einverseelt, wir wissen intuitiv und spontan, was Unrecht ist und was wir nicht tun sollen. Und wir gewinnen einzig und allein dadurch Würde, Menschenwürde, daß wir dieser inneren Stimme gehorchen, komme, was da wolle. Man sieht sogleich: Eine solche Würde ist keineswegs unantastbar, sondern im Gegenteil höchst antastbar. Gewalt bis hin zu Folter und Todesdrohung setzen ihr zu. Wo da Macht herkommen soll, wie die Kirchentagsparole verheißt, ist nicht leicht einsehbar.

Die Würde ist nicht ein einfach per Verfassung einklagbares Menschenrecht wie etwa die Redefreiheit oder die Unverletzlichkeit der Wohnung, sie ist vielmehr eine Art Menschen-Pflicht, eine Pflicht, die nicht nur dem Staat und der Gesellschaft auferlegt ist, sondern mindestens ebenso lastend jedem einzelnen. Sicher, ein Regime, das die Menschen foltert, ein Medienbetrieb, der sie systematisch lächerlich macht, verletzen die Menschenwürde, aber ein einzelner, der unter der Folter zum Verräter seiner Nächsten wird oder der sich – glücklicherweise der häufigere Fall – etwa in den Medien mit voller Absicht lächerlich machen läßt, verletzt sie ebenfalls.

Und immer gilt auch, daß Würde vorgezeigt werden muß, daß sie sich nur im Gestus des Vorzeigens realisiert. Das Sittengesetz ist uns einverseelt, gewiß, doch es will praktiziert und demonstriert, also vorgezeigt werden, und in bezug auf die Kunst des Vorzeigens besteht ausgesprochener Lernbedarf. In der Regel bemißt sich die Würdigkeit einer Handlung in erster Linie nach der Weise, wie sie vollzogen wird. Will der heranreifende Kirchentag in Köln wirklich die Macht der Würde demonstrieren, dann muß er vor allem selbst in würdiger, das heißt gelassener und zuchtvoller Form ablaufen.

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