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Pankraz, B. Buckinx und das Trierer Stadttheater

Pankraz zieht den Hut vor dem Stadttheater Trier, das letztes Wochenende eine komplette Oper, genauer: ein "szenisches Oratorium", von Boudewijn Buckinx über den großen Renaissance-Gelehrten und genialen Philosophen Nikolaus von Kues (1401-1464) uraufgeführt hat: "Cusanus – Fragmente der Unendlichkeit". Libretto: Inigo Bocken und Peter Larsen. Musikalische Leitung: Franz Brochhagen. Regie und Choreographie: Sven Grützmacher.

Alle diese Namen verdienen es, extra im Register der neuesten deutschen Theatergeschichte angekreuzt zu werden. Sie stehen für ein kühnes Unternehmen, das man kaum noch für möglich gehalten hätte. Ein historischer Philosoph auf der Bühne – das hat es seit Brechts "Galilei" nicht mehr gegeben. Und nun gar in einer Oper! Und ausgerechnet Nikolaus von Kues, jener hochkomplizierte, in vielfältigster Weise tätig gewesene Herr, welcher aber nie durch irgendwelche revolutionären Umtriebe oder Weibergeschichten auffällig geworden ist! Man faßt es nicht.

Die Musik des rührigen Boudewijn Buckinx, der sich auch schon an Opern über Sokrates und Nietzsche versucht haben soll (!), changiert zwischen Mauricio Kagel und Carmina Burana, Karlheinz Stockhausen und gregorianischen Gesängen. Dazu wird viel getanzt, und es gibt auch die unvermeidlichen Video-Projektionen; ohne technisch-mediale Verdoppelung seiner Künste macht es das heutige Theater eben nicht mehr. Doch alles hält sich im Maß und bleibt der Sache untergeordnet. Das Premierenpublikum unterhielt sich blendend, lernte manches und spendete zum Schluß starken Applaus.

Nikolaus Cusanus, geboren als Sohn des Flußschiffers Henne Chrypffs (Krebs) in Kues an der Mosel, hatte in Trier natürlich Platzvorteil. Er ist der größte Moselländer, der je von sich reden gemacht hat. Seine vielen "Essays" offenbaren eine solche Weite des Überblicks und eine solche Tiefe der Einsicht, das man bei der Lektüre immer nur wieder Beifall klatschen kann – obwohl es nie den Versuch einer summarischen Zusammenfassung, eines Systems gibt; insofern war Nikolaus ein echtes Kind der Renaissance, der die Form ja oft wichtiger war als der Inhalt, die Sprache oft wichtiger als das, was sie transportierte.

Er hatte auch die intensivsten Beziehungen zu Italien und den dort tätigen Humanisten, studierte ausgiebig an der Reformuniversität von Padua und beteiligte sich an sämtlichen spektakulären Unternehmungen, die damals im Namen des neuen "Humanismus" angezettelt wurden. Zunächst reüssierte er als Rechtsanwalt, später als Pfarrer, wurde Bischof (von Brixen in Tirol), schließlich Kardinal, sein Ruf war bald so groß, daß sowohl der Kaiser als auch der Papst sich seines Rates zu versichern strebten.

Für Kaiser Sigismund entwarf er den großen Plan einer Generalreform des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, "Concordantia catholica", durch die der Papst und die Territorialfürsten kurz gehalten werden sollten, der Kaiser selbst aber keineswegs als unumschränkter Alleinherrscher dastand. An seine Seite stellte er vielmehr einen permanenten Reichstag der Stände und Regionen in Frankfurt am Main, zu dem die Reichsfürsten, gegen deren Egoismus und Machtgier er die stärksten Worte fand, keinen Zutritt erhalten sollten.

Im Dienste des Papstes betrieb Cusanus – zusammen mit anderen gelehrten Humanisten – die Vereinigung der Katholiken mit der Ostkirche. Es war dafür extra ein Konzil vorgesehen, das dann auch tatsächlich abgehalten wurde: das sogenannte Unionskonzil von Florenz im Jahre 1439. Cusanus gehörte zur päpstlichen Abordnung, die zwischen Rom und Byzanz hin und her pendelte, um die Präliminarien zu regeln und – im Gespräch mit solchen byzantinischen Kapazitäten wie Bassarion und Gemisthos Plethon – die Vereinigungsurkunde aufzusetzen.

Doch die Intentionen des Mannes aus Kues gingen weit über die Zusammenführung der christlichen Kirchen hinaus. In seinem Essay "Cribratrio Alchorani" (was soviel wie "Durchsiebung des Korans" heißt) peilte er ein großes agreement zwischen Christentum und Islam an, indem er erstens auf den angeblichen Ursprung des Islam aus dem Christentum hinwies, zweitens die vielen verbliebenen Gemeinsamkeiten aufzählte und drittens einen freundschaftlichen Umgang mit den Mohammedanern empfahl, die – so schrieb er – bei guter Argumentation der Christen gar nicht anders könnten, als in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzukehren.

Hier irrte Cusanus wohl, aber sein Irrtum entsprang sichtlich seiner ebenso menschenfreundlichen wie optimistischen Erkenntnislehre, der zufolge jede Erkenntnis letztlich ein bloßes "genaues Vermuten" (coniectur) ist und der Erkenntnisprozeß insgesamt "nur" eine ewige Annäherung an das gemeinte Mädchen namens Wahrheit. Es macht nicht den geringsten Reiz der Trierer Uraufführung aus, daß sie gerade diese doch scheinbar so abstrakte cusanische Konjekturenlehre in den Mittelpunkt ihrer Darbietungen rückt und für die ewige Annäherung die eindrücklichsten Bilder, Gesten und Parabeln findet.

Auch die zweite Pointe der cusanischen Philosophie wird in Trier wort- und bildkräftig umkreist: das "omnia ubique" und die "coincidentia oppositorum", die Lehre von der letztlichen Einheit von Einzelheit und Mannigfaltigkeit, Minimum und Maximum, fernster Ferne und nächster Nähe. Jeder Teil der Welt, lehrte Cusanus, spiegelt dasselbe Ganze und ist in dieser Spiegelung auch mit dem Ganzen identisch. Und die Trierer spielen das regelrecht nach, und zwar so überzeugend und gut überlegt, daß man es ihnen glaubt.

"Docta ignorantia" nannte Nikolaus von Kues sein Hauptwerk, die gelehrte Unwissenheit. "Fragmente der Unendlichkeit" nennen die Trierer ihre Oper im Untertitel. Das ist vielleicht nicht ganz so bescheiden wie bei Cusanus, aber es meint dasselbe: Wahrheit ist allenfalls als Fragment zu haben. Und man kann dieses Fragment, diese Unwissenheit auf dem Theater nachspielen, ohne sie zu denunzieren.

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