Favorit der Königin

Es gehört zu den Unarten des FAZ-Feuilletons, immer wieder Überschriften zu wählen, die keinen erkennbaren Sinn oder jedenfalls keinen verständlichen Bezug zum Textinhalt haben. So erschien unlängst ein Tagungsbericht über den Einfluß der Monarchie auf die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dem Titel „Kornblumen für den Kaiser“, aber nirgends fand sich ein Hinweis darauf, was es gerade mit Kornblumen auf sich gehabt haben könnte, wenn sie dem – deutschen – Kaiser überreicht wurden. Die Kornblume galt wegen ihrer blauen Farbe traditionell als ein Symbol der Treue. Seit dem 19. Jahrhundert wurde sie aber vor allem als Ausdruck der Loyalität zum Haus Hohenzollern betrachtet, da die Kornblume die Lieblingsblume der hochverehrten Königin Luise und ihres Sohnes Wilhelm war, des nachmaligen Königs von Preußen und ersten Deutschen Kaisers. Erst nachträglich verknüpfte man diese „preußische“ mit der „blauen Blume“ der Romantik. Eine politische Bedeutung im genauen Sinn erhielt die Kornblume nur in Österreich. Die Deutschnationalen oder Alldeutschen drückten mit diesem Symbol ihren Wunsch nach „Anschluß“ an das kleindeutsche Reich (und Ersetzung der Habsburger durch die Hohenzollern) aus. Die Anhänger Georg von Schönerers trugen Kornblumen als Abzeichen, legten Gebinde aus Kornblumen mit schwarzrotgoldener Schleife auf den Gräbern der in der Märzrevolution von 1848 Getöteten, aber auch auf dem Grab Bismarcks nieder, und bis heute kann man an Gasthausnamen wie „Kornblumenstüberl“ oder „Zur Kornblume“ erkennen, welche Gesinnung die Besitzer einst vertraten. Besonders populär waren auch die Kornblumenfeste, die bald in Deutschland übernommen wurden. Man ehrte an diesem Tag die Veteranen der Einigungskriege durch Gebinde aus Kornblumen, und Schulkinder verkauften kleine Sträuße oder Postkarten mit Kornblumenmotiven, um Geld für Invaliden oder in Not geratene alte Soldaten zu sammeln. Oft fanden die Kornblumenfeste an den Erinnerungstagen der Völkerschlacht oder der Schlacht bei Sedan statt, aber auch an beliebigen Daten im Frühjahr oder Sommer. Noch im Ersten Weltkrieg sammelte man auf Kornblumenfesten Spenden für „Liebesgaben“, die den Soldaten der Mittelmächte – Deutschen wie Österreichern – zugute kamen. Blaue Kerzen als Zeichen der Verbundenheit Wegen des Sturzes der Monarchie verlor die Kornblume nach 1918 viel von ihrer ursprünglichen Bedeutung. Zwar gab es noch den Luisenbund, die Frauenorganisation der DNVP, die sie als Abzeichen führte, aber darüber hinaus vergaß man den ursprünglichen Bezug fast völlig. Jetzt trat die Auffassung ganz in den Vordergrund, daß die Kornblume „Treue zum Volkstum“ symbolisiere. Dabei waren wieder Nachwirkungen aus der deutschnationalen Bewegung in Österreich im Spiel, die ihrerseits starke Anstöße zur Bildung des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA) gegeben hatte. Sofort nach seiner Gründung im Jahr 1881 hatte der VDA die Kornblume als Emblem eingeführt und verwendete sie im Rahmen seiner Propaganda für die Interessen der Deutschen, die außerhalb der Grenzen Deutschlands und Österreichs lebten. Die Bezeichnung des VDA ist längst in „Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland“ geändert worden, und an dem alten Abzeichen hat man wohl nur festgehalten, weil dessen Ursprung kaum noch jemand kennt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat nur die FDP – in ihrer betont nationalen Phase während der fünfziger Jahre – einen zaghaften Versuch des Rückgriffs gemacht, und wahrscheinlich verdankten sich die blauen Kerzen einer späten Assoziation, die man am 17. Juni in die Fenster stellte und abends entzündete, um den „Brüdern und Schwestern im Osten“ ein Zeichen der Verbundenheit über die innerdeutsche Grenze hinweg zu geben. Die Kornblumenfeste, die neuerdings in kleineren Städten der neuen Bundesländer wieder eingeführt wurden, haben damit nichts zu tun. Wieder anders die Lage in Österreich. Hier konnte man noch einen kleinen hysterischen Ausbruch erleben, als die Minister der FPÖ – notabene der „Blauen“ – am 30. Oktober 2006 zur Vereidigung mit einer Kornblume im Knopfloch erschienen. Der Vorgang veranlaßte den ORF zu einer skandalisierenden Meldung – unter Verweis darauf, daß die illegale NSDAP die Kornblume in der Ständestaatszeit als Tarnsymbol verwendet hatte – und löste prompt den Verdacht der in Österreich mit langjährigen Freiheitsstrafen bedrohten „Wiederbetätigung“ aus. Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt. Foto: FDP-Plakat zur Bundestagswahl 1953: Nationale Phase

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