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Das Nazometer piept weiter

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Harald Schmidt, Oliver Pocher: „Alle sollen aufpassen auf die, die sich nicht anpassen“

Armin Mohler zitierte in seinem Buch „Der Nasenring“ eine Art „Gesetzestafel“ politisch „verdächtiger“ Wörter, die er auf dem Umschlag eines Handbuchs über „Rechtsextremismus“ fand: „Vaterland – Ordnung – Ehre – Reinheit – Fortschritt – Moral – Nation – Heimat – Treue – Boden – Sitte –Kraft – Reich – Natur – Wachstum – Anstand – Kameradschaft“.

Der Kampf um die Begriffe ist von großer politischer Bedeutung, erst recht in einer Zeit, in der Debatten fast nur mehr auf der Schlagwortebene ausgetragen werden. Bereits Arnold Gehlen konstatierte eine „zeitungshafte Bewußtseinsstruktur“ unter seinen Studenten: „Die Massenbildung bewirkt eine Simplifizierung des Denkens, die Massenmedien arbeiten in dieselbe Richtung, und die Politik setzt oft ganze Bedeutungsfelder unter Druck. In dieser Hinsicht gibt es heute Beutebegriffe (…) die sofort jeden Sachwiderspruch zum Schweigen bringen.“

Insofern ist man inzwischen auf einer quasi atavistisch-magischen Stufe angelangt, in der „Bannwörter“ jegliche sinnvolle Diskussion unterbinden. Internet-Benutzer nennen das „Godwins Gesetz“: Dieses besagt, daß im Verlaufe langer Diskussionen irgendwann jemand einen Vergleich mit Hitler einbringt.

Schmidt und Pocher testeten Wörter wie „Wolfsburg“

Dieser Umstand hat freilich auch einen gewissen Spaßfaktor an sich. Mohler zitierte einen anonymen Medien-Insider: „Der Unterhaltungswert der Vergangenheitsbewältigung ist enorm – deshalb wird sie nie untergehen.“ Angesichts dessen mag man die jüngste Farce aus diesem Genre rund um das von Harald Schmidt und Oliver Pocher in ihrer ARD-Fernsehshow präsentierte „Nazometer“ fast schon als abgekartetes Spiel betrachten.

Das Nazometer ist ein Meßgerät, das bei dem Gebrauch von „nazi“-lastigen Vokabeln Alarm schlägt. Schmidt und Pocher testeten Wörter wie „Wolfsburg“, „Autobahn“ und „Gasherd“ aus „Angst, in irgendeine dumme Nazigeschichte hineinzuschlittern“.

Der Gag war eindeutig auf das Inquisitionstribunal unter Johannes B. Kerner gemünzt, dem Eva Herman zum Opfer gefallen war, und persiflierte die gängige Herrschaft des Verdachts: „Wir sagen jetzt Sätze, von denen wir glauben, daß sie eigentlich harmlos sind, aber rumstata! stellt sich heraus, daß die gefährlich sind.“

Empörung mit zwei Wochen Verspätung

Seltsamerweise brauchte es eine geraume Weile, bis das „reale“ Nazometer ausschlug und durchgesickert war, was sich Schmidt und Pocher da geleistet hatten. Mit einer Verspätung von zwei Wochen brauste plötzlich die Empörung seitens mehrerer TV-Intendanten und diverser Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden auf. Die Bild-Zeitung titelte in ihrer unnachahmlichen Art „Wut und Entsetzen über die Nazi-Sprüche von Harald Schmidt und Oliver Pocher!“, während der offenbar senile Atze Brauner erklärte, daß ihn schon der Anblick von „Güterzügen“ an den Tod von Millionen erinnere: „So gesehen sei es verständlich, daß er die ‘Nazometer-Show als profan und diffamierend einstufe’.“ (Focus)

Die Empörung über diese „unglaubliche Geschmacklosigkeit“ vernebelte beinah völlig die Intention des Gags. War das Kalkül? „Nazi-Witze“ sind  im Fernsehen nicht gerade selten, zielen in der Regel jedoch nicht darauf ab, jenen aparten Griff zu lockern, den Andreas Krause Landt im Deutschlandfunk beschrieb: „Alle sollen sich anpassen und alle sollen aufpassen auf die, die sich nicht anpassen.“

Die Spuren werden verwischt

Schließlich sprang Henryk M. Broder via Spiegel online für Schmidt und Pocher in die Bresche: „Sie haben nicht über die ermordeten Großeltern von Dieter Graumann gelästert, nicht den Massenmord vergagt oder die NS-Opfer verhöhnt, sie haben sich über den ritualisierten, verlogenen und wohlfeilen Umgang mit dem lustig gemacht, was vom Dritten Reich übriggeblieben ist: das inszenierte Entsetzen.“

Um abschließend wieder die Spuren zu verwischen: „Sechzig Jahre nach dem Ende des NS-Projekts sollte es allmählich möglich sein, sich über das braune Pack lustig zu machen, statt immer wieder ‘den Anfängen’ zu wehren.“ – Worüber haben sich Schmidt und Pocher nun lustig gemacht, über die „Nazis“ oder über das gesellschaftsimmanente „Nazometer“?

Broders zur Schau getragene „Political Incorrectness“ hat indessen ihren doppelten Boden. Werner Pirker schrieb treffend in der Jungen Welt: „Der Mann hat ein untrügliches Gespür für die Verlogenheit des politisch korrekten Wertediskurses. Doch er verneint ihn nicht, sondern treibt ihn auf die Spitze. Wenn Broder über das Toleranzgesäusel herzieht, dann geht es ihm nicht um die Bloßstellung der Intoleranz eines Systems, das für sich das Toleranzmonopol in Anspruch nimmt, sondern um die ultimative Bekräftigung dieses Anspruchs. (…) Broders Kritik am deutschen ‘Antifa-Zirkus’ wäre voll zuzustimmen, würde er darin nicht selbst die Rolle des Pausenclowns spielen.“

Gibt es ein Entrinnen aus diesem ermüdenden Spektakel, frei nach dem polnischen Sprichwort „Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen“? Die Erfahrung lehrt etwas anderes: Stell dir vor, es ist Bewältigung, und keiner geht hin – dann kommt die Bewältigung zu dir. Das Nazometer wurde nur zu dem Zweck aus Schmidts Show entfernt, damit sich keiner darüber lustig macht und es ungestört weiterpiepen kann.

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