Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Da stottert die Kulturmaschine

Noch einmal laden die tiefen Brunnen der Vergangenheit ein, sich kopfüber hineinzustürzen, in silberhellen Mondnächten dem Rauschen von Wellen und Quellen nachzulauschen, dem Klang der Gitarre aus dem alten Garten oder dem von Harfe, Flöte, Horn und Streichern, die den Abend in die Nacht geleiten, dem peitschenknallenden Tod als Postillon zu begegnen, sich mit dem Sturm, der um das Haus geht, tüchtig zu zausen und in blindem, sehendem Gottvertrauen das Steuer zu fassen und sein Schiff heimwärts zu führen.

Am Tag der deutschen Einheit führt Ingo Metzmacher, neuer Generalmusikdirektor und übrigens erster deutscher Dirigent in der sechzigjährigen Geschichte des Deutschen Symphonie-Orchesters, das die US-Amerikaner 1946 als RIAS-Symphonie-Orchester gegründet hatten, in der Berliner Philharmonie Hans Pfitzners romantische Kantate nach Sprüchen und Gedichten von Joseph von Eichendorff „Von deutscher Seele“ auf. Und nicht nur das: der von Pfitzner wohl dem Volksliederbuch „Aus deutscher Seele“ des deutsch-jüdischen Schriftstellers Ludwig Jacobowski entlehnte Titel dient einer Konzertreihe als Motto, in der dem Deutschen in der Musik nachgehört werden soll.

Pfitzners innerem Theater wird Kurt Weills Bühnenmusik zu Georg Kaisers Wintermärchen „Der Silbersee“ antworten, der mißbrauchten Musik von Liszts Tondichtung „Les Préludes“ und Beethovens Fünfter werden die „Ernsten Gesänge“ des mißbrauchten Musikers Hanns Eisler beistehen, Mozarts „Prager Symphonie“ wird dem „Te Deum“ des „Halbjuden“ Walter Braunfels vorausgehen, Schumanns 1914 und 1943 umgerüstetes Oratorium „Das Paradies und die Peri“ rehabilitiert werden und selbstverständlich Mendelssohns Musik zum „Sommernachtstraum“ gebührend herausgestellt. Dem Ansinnen, eine neue, „arische“ Bühnenmusik zu Shakespeares Komödie zu komponieren, hat sich der Antisemit Hans Pfitzner übrigens verweigert.

Denkt einer laut über seine Identität als Deutscher nach, weil er sich um das Heute und das Morgen sorgt, gleich gerät er in den Ruch des Ewiggestrigen. Bereits mit seiner Ankündigung ist Metzmacher gelungen, was er in der Arbeit mit dem Deutschen Symphonie-Orchester erst einlösen will, nämlich ins Zentrum deutscher Befindlichkeiten vorzustoßen. Als wären die angekündigten Werke, Pfitzners eingeschlossen, bis dato nicht auf den Konzertplänen präsent gewesen, signalisiert das einschlägige Feuilleton dumpfe Bauchschmerzen und gibt Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, eine wirre, in der Sache irrige Presseerklärung ab, angesichts derer behutsam zu fragen ist, ob sie als Einzelmeinung oder allen Ernstes als Beitrag der deutschen Juden, die sich von diesem Zentralrat vertreten lassen, zum gesamtgesellschaftlichen Diskurs genommen werden soll. Metzmacher hat sie denn auch höflich, aber bestimmt zurückgewiesen. Daß das Orchester Anfang September im wiedereröffneten Großen Sendesaal des Rundfunkhauses in der Nalepastraße frech Schostakowitschs „Festliche Ouvertüre“ von 1954 erschallen ließ, ist den aufgeregten Kunstzensoren offensichtlich entgangen.

Von Goethe wissen wir, daß Kunst „Widerspiel“ ist

Die Werke an und für sich, aus verfänglichem Kontext gebrochen und in den unverfänglichen von Allerweltskonzerten gestellt, einen Haydn vorneweg oder einen Brahms hinterdrein, würden jederzeit anstandslos passieren dürfen. In ihnen nun aber genau das zu suchen, was alle Welt außerhalb Deutschlands mit seiner Kultur und insbesondere seiner Musikkultur verbindet und was sich nur schwer in Worte fassen läßt, aber singen vielleicht und spielen, das bringt eine Kulturmaschine ins Stottern, die darauf ausgerichtet worden ist, lediglich die multikulturelle Begleitmusik zur neoliberalen Globalisierung zu liefern. Kunst ist nun aber gerade, wie wir von Goethe wissen, „das Widerspiel; sie entspringt aus den Bemühungen des Individuums, sich gegen die zerstörende Kraft des Ganzen zu erhalten“.

Wenn Metzmacher nach dem spezifischen deutschen Beitrag zu einer Weltmusik fragt, dann besetzt er nicht einfach nur die Marktlücke, die sich mit Christian Thielemanns Weggang aufgetan hat, der jetzt in München und Bayreuth zu dem Kapellmeister zu reifen scheint, dessen Darstellung er in Berlin geübt hat. Dann treibt der 1957 geborene Sohn eines Cellisten, aufgewachsen in deutscher Musiktradition, als Chef des DSO konsequent weiter, was er als Dirigent des Ensemble Modern, als Generalmusikdirektor der Staatsoper Hamburg und Konterpart des Regisseurs Peter Konwitschny und überhaupt als kongenialer Interpret Neuer Musik betrieben hat, in der Aufführung die Wahrheit der Noten zur Erscheinung zu bringen. Diese Wahrheit muß nicht die des Komponisten sein, schon gar nicht, wenn der Hans Pfitzner heißt.

Pfitzner schafft keine originär romantischen Stimmungen, sondern führt vor, wie romantische Stimmungen lange nach der Romantik noch hergestellt werden können – in seiner angestrengten Kulissenschieberei Eichendorff nicht unverwandt. Dabei stößt der Komponist in musikalische Bereiche vor, die der Musiktheoretiker soeben noch als Verwesungssymptome musikalischer Impotenz angeprangert hatte. Er beglaubigt und verfehlt die Kantatenform, die ihm gleichsam in Stücken um die Ohren fliegt. Er greift zum faulen Trick der Ad-aspera-ad-astra-Konzeption, um Lieder, oratorische Teile und symphonische Zwischenspiele schlecht und recht zu verklammern. Metzmacher läßt die Symphoniker, den wunderbar homogenen Rundfunkchor Berlin und die Gesangssolisten Solveig Kringelborn, Nathalie Stutzmann, Christopher Ventris und Robert Holl, als Gesangsquartett inhomogen, das Disparate der Partitur geradezu ausstellen und holt, wenn auch nicht die deutsche Seele, so doch deutsche Seelenzustände ob deutscher Zustände um 1920/21 in Hörweite.

Noch einmal drängen die Schrecken des Weltkrieges herauf, aus dem mancher nicht mehr zurückgekehrt, und des Zusammenbruchs, der für Pfitzner die Vertreibung aus Straßburg, dem Ort seines künstlerischen Wirkens, bedeutete. Wer von dem Diktat von Versailles nicht reden will, der sollte von Pfitzners antidemokratischem Nationalismus schweigen. Von dem beschwörenden Baßsolo des „Friedensboten“, „das Land ist ja frei“, und anschließendem triumphalen Orchesterausbruch nimmt Metzmacher nichts zurück. Soll doch der Hörer selbst entscheiden, wieviel er an geschichtlichen Vermittlungen und Brüchen in Pfitzners Kantate zu ertragen bereit ist.

„Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Feiertag“, hat Metzmacher dem Zentralrat der Juden geschrieben, „ein Tag, an dem wir unserer so wechselvollen Geschichte und der daraus erwachsenen Identität gedenken. (…) In diesem Zusammenhang ist meine Entscheidung gefallen, die Musik Hans Pfitzners an diesem Tag zu spielen. Nicht um sie reinzuwaschen, nicht um ihn zu feiern, sondern um ihn zur Diskussion zu stellen.“ Ingo Metzmacher und seine Musiker sind eben unverbesserliche Demokraten.

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