Als aus Untertanen Bürger wurden

Schon heute laufen Vorbereitungen für zahlreiche Veranstaltungen zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen, der uns 2012 ins Haus steht. Denn es sei ungemein wichtig, so der Präsident des Preußischen Kulturbesitzes, Klaus-Dieter Lehmann, „preußische Geschichte als einen Teil unserer kulturellen Bildung zu kennen“, sie nicht bloß fachwissenschaftlich zu traktieren, sondern „für ein breites interessiertes Publikum aufzubereiten“. Eben das geschieht mit einer Ausstellung im Charlottenburger Schloß, die Franz Krügers 150. Todestag umfassend würdigt. Dem Berliner Maler wurde das zuletzt vor über hundert Jahren (1881) zuteil. Nur die Russen, die über einen großen Gemäldebestand Krügers verfügen, widmeten ihm eine Werkschau 1997 zu seinem 200. Geburtstag. Krügers visuelles Universum verdient eine sorgfältige Wahrnehmung. Der aktuelle Rundgang offenbart jetzt seine gestalterische Potenz. Er zeigt die Bildwelt eines Künstlers, der zu Unrecht im Schatten von Jahrhundertmännern steht wie Schinkel oder Menzel. In Wirklichkeit ist er eine zentrale Figur in der Kette preußischer Realisten, die von Chodowiecki zu Menzel und Liebermann reicht. Sie bildet eine eigene Traditionslinie: neben den ästhetischen Modellen der Empfindsamkeit (Graff), dann der Romantik, der christlichen Nazarener und mythologischen Klassizisten, des idealistischen (Kaulbach) und des realistischen Historienbildes (Pilothy), schließlich gründerzeitlicher Salonmalerei und symbolistischer Stilkunst. Ludwig Justi meinte, gerade in Krüger sei „preußische Gesinnung Kunst geworden, unbeirrbare Sachlichkeit“. Der hielt sich strikt an die konkrete Erfahrung und ist so auf subtile Weise zum Chronisten seiner Zeit geworden. 1797 wurde er in Anhalt-Köthen geboren, kam 1812 während des Befreiungskampfs nach Berlin und präsentierte sich 1855 am Ende seines Lebens auf der Pariser Weltausstellung. Krüger, der legendäre „Pferde-Maler“, glänzte mit Tierdarstellungen, Militaria, großen Paraden und vor allem Porträts. Frühe Soldatenszenen schließen unmittelbar an die Erfahrung der napoleonischen Zeit an. Wagenbilder, Sportreiter und Familienszenen veranschaulichen den Geist des Biedermeier. So verdichten sich Innigkeit, Behagen und familiäre Harmonie im Gruppenbild der Beneckes zum bürgerlichen Modell der Häuslichkeit nach dem Wiener Kongreß (1822). Daneben reflektieren zahllose Einzelporträts von Hohenzollern und Romanows nicht nur die anhaltend ständische Dimension der Epoche, sondern die enge Verbundenheit – politisch, dynastisch, geographisch, kulturell – zwischen Preußen und Rußland im 19. Jahrhundert. Am Ende seines Wegs kündigt sich dann mit dem Grafen Wrangel (1857), Krügers letztem Bildnis, schon die pathetische Geste der Gründerzeit an. Theosophie und Metaphysik blieben ihm fremd Krüger verkörpert das Geheimnis des preußischen Genius: die Einheit von Leier und Schwert, von Imagination und Realismus. Gleich eingangs betrachten wir winzige Zeichnungen mit gestochen scharfem Umriß, schmalen Linien und zartem Kolorit. Eine biedermeierliche „Ikone“ gelingt ihm mit der „Rüstkammer des Prinzen Friedrich“ (1823), die das „holde Paar“ in museal gestaltetem Ambiente zeigt. Geheimnisvoll leuchtende, alte Glasfenster und Stefan Lochners Altarbild überm heimischen Kamin bezeugen den Mittelalterkult der Zeit. Und doch war Krüger kein romantischer „Seelenmaler“: Theosophie, Endzeiterwartung und metaphysische Sehnsucht blieben ihm fremd. Vielleicht hat das die unerschöpfliche Individualisierungskunst und seinen realistischen Sinn befördert. In den Porträts seiner beiden Monarchen steigert sich dieser präzise Blick zur durchdringenden Erkenntnis. Mit den Bildnissen Friedrich Wilhelms III. (1835) und Friedrich Wilhelms IV. (1846) hat Krüger nicht nur deren Persönlichkeiten ausgeschöpft und die abendländische Bildtradition genial bereichert, sondern den Wert- und Erscheinungswandel der Monarchie zwischen 1789 und 1848 intelligent kommentiert. Diese symbolgeschichtlichen Aspekte sind bislang kaum erfaßt, greifen doch selbst Experten daneben mit schiefen Deutungen vom „schlichten Bürger“ und „ersten Diener“. Ersterer steht, leicht untersichtig, auf einer Anhöhe. Am tief gelegten Horizont erscheint fern Berlin. Kerzengleich ragt der uniformierte König in den freien Raum – soweit die Monumentalisierungsformel. Die wird indes triumphalistisch nicht fortgeschrieben. Es gibt weder Himmelsblau noch Sonnenstrahlen. Dagegen sind 80 Prozent des Bildgrunds bedeckt mit Wolken, um Brustpartie und Haupt gar eindunkelt. Dem Antlitz schließlich gibt Krüger alles gestalterische Gewicht: Skeptisch, bitter verschließen sich die Züge zum düsteren Ausdruck, veranschaulichen präzis den „Melancholiker auf dem Thron“. Welch historische Spanne war durchlaufen – politisch und künstlerisch – seit Rigauds Louis XIV. mit seinen pompösen Barockformen! Die Schaulustigen nehmen ganz den Vordergrund ein Noch überraschender: Krügers Darstellung des jungen Königs. Sie zeigt den „Romantiker auf dem Thron“ mit aufgeknöpftem Uniformmantel, leger an seinen Schreibtisch im Berliner Schloß gelehnt. Der Monarch hat dort die gotische Kapelle umgewidmet und mit zahlreichen Kunstwerken gefüllt. Er präsentiert sich als lässiger Intellektueller und phantasievoller Mäzen, als Künstler gar im idealen Reich christlicher Herrschaft. Die exklusiven Aufträge verdeutlichen Krügers soziale Vernetzung. Der Erfolgskünstler unter den Honoratioren war kein avantgardistischer Frondeur. Großbürgerlich etabliert, galt sein üppiges Haus in der Behrensstraße als Treffpunkt der eleganten Welt. So hat er sich selbstbewußt eingereiht unter die prominenten Berliner auf seinem berühmten Paradebild (1839). Drei solche werden in Charlottenburg jetzt gezeigt. Sie sind Krügers Meisterwerke. Nach dem Prototyp der „Parade“ des Großfürsten Nikolaus (1830) für Petersburg gab Friedrich Wilhelm den Auftrag zur „Preußischen Parade“. Sie zeigt königliche Truppen Unter den Linden. Vom Zeughaus aus fällt der Panoramablick seitlich auf die Prachtstraße und gleitet in die Raumtiefe. Doch wird das eigentliche Thema konterkariert durch die Masse der Schaulustigen, die ganz den Vordergrund einnehmen. 240 Personen hat Krüger sorgfältig individualisiert und zur Gruppe gefügt – Historienbild und privates Porträt, Staatsaktion und bürgerliches Idyll souverän ausbalanciert. Konterfeit sind Exponenten aus Politik, Kunst und Wissenschaft, kombiniert mit Würdenträgern aus Hof und Militär. So entstand eine malerische Vision Preußens: keine sentimentale Harmonie, vielmehr eine konstruktive Verbindung von Königtum und Bürgergesellschaft. Die antiken Säulen berühren soldatische Disziplin hier ebenso wie bürgerliches Persönlichkeitsstreben. Seine Paradebilder, so Renate Franke, fassen den historischen Moment, als „aus Untertanen Bürger wurden, und es waren nicht zuletzt Krügers Bilder, die diesem Prozeß bürgerlicher Emanzipation kräftige Impulse gaben“. Die Ausstellung „Preußisch korrekt – berlinisch gewitzt: Der Maler Franz Krüger (1797-1857)“ ist noch bis zum 1. Juli 2007 im Schloß Charlottenburg, Neuer Flügel, zu sehen. Der Katalog kostet 29,90 Euro. Internet: www.berlinisch-gewitzt.de Fotos: Franz Krüger, Parade unter den Linden (Öl auf Leinwand, 1839): Eine malerische Vision Preußens; Franz Krüger, Zwei Kürassiere vom Regiment Kaiser Nikolaus I. (1839): Legendärer Pferde-Maler

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles