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„Wir sind gekommen, Ihn anzubeten“

Bilder seien in erster Linie Weihegeschenke, die Gutes bewirken sollen: „Sie treten mit Sakramenten, Sakramentalien und Reliquien in nahen Kontakt.“ So faßte Peter Jezler, Kunsthistoriker und Direktor des Bernischen Historischen Museums, vor einigen Jahren im Rahmen einer Ausstellung unter dem Motto „Bildersturm – Wahnsinn oder Gottes Wille?“ (Bern, 2000) die mit kirchlichen Bildwerken im Mittelalter verbundene Intention zusammen. Ein geöffnetes Altarretabel könne an optischer Wirkung zudem die Elevation der Hostie übertreffen, und die mittelalterliche Bildfrömmigkeit habe sich „einen eigenen Raum im sinnlich wahrnehmbaren Bereich des Kults geschaffen“. Ob sich eine solche wortwörtliche Hin- respektive Einsicht womöglich fortgeschrieben hat? Oder anders gefragt: Nehmen heute gläubige Menschen das sakrale Bild nicht nur als Fläche – und somit als Ornament oder Dekoration – wahr, sondern auch als Tiefe, aus der heraus sich gleichsam epiphanisch das Heil und das Heilige in die Zeit streckt? Tagtäglich schlendern unzählige Touristen im Freiburger Münster an zwei Altären vorbei, die das Chorportal flankieren. Beter und Betrachter verweilen einen Augenblick vor den beiden neugotischen Schreinen, die mittelalterliche Figurengruppen beherbergen: auf der einen Seite eine Darstellung der hl. Anna, auf der anderen Seite die von Johann Wydyz 1505 im Halbrelief geschaffene „Anbetung der heiligen drei Könige“. Ginge es nach dem Willen des Domkapitels, der Dompfarrei, des Erzbischöflichen Bauamtes und des Künstlers Franz Gutmann, die Altäre würden von ihrem derzeitigen Ort bald verschwinden. Die Verlagerung war bereits ausgemachte Sache, denn sie stehen einer Neugestaltung des Zelebrationsareals im Weg. Die Planung hierzu, die Weihbischof Paul Wehrle der Öffentlichkeit vor einiger Zeit vorstellte, sieht zum Chorbereich hin eine neue Treppenanlage vor, einen neuen Altartisch samt Ambo und eine steinerne Kathedra als Sitz für den Freiburger Erzbischof. Diese Kathedra soll einen alten mobilen Holzthron aus den Gründungsjahren des 1827 errichteten Bistums ersetzen und in der Blickachse des hochgotischen Chores errichtet werden. Vehementer Protest des Kirchenvolks Daß das Landesdenkmalamt Bedenken anmeldete, mag die Verantwortlichen weniger verwundert haben als der vehemente Protest des Kirchenvolks, der sich sowohl mittels unzähliger Leserbekundungen in der örtlichen Presse als auch im Briefkasten des Weihbischofs niederschlug. Vor allem die Entfernung von Annen- und Dreikönigsaltar sorgte für großen Unmut, der auch nicht mit dem Argument besänftigt werden konnte, die beiden Altäre fänden im Chorumgang einen neuen Platz. Dieser, so argumentierten die Gegner der Baumaßnahme, sei nur zeitweilig und gegen Entgelt zugänglich. Zudem muteten die Kapellen rund um den Chor ohnehin wie wenig gepflegte kunsthistorische Rumpelkammern an. Was eigentlich liegt den Freiburgern an den Altären, deren neugotische Zier bereits nach Kriegsende ästhetisch grenzwertig teilamputiert worden ist? Nur der kunsthistorische Wert, die sentimentale Gewöhnung? Ein sehr gut besuchter Informations- und Ausspracheabend brachte es an den Tag. Bemerkenswert war nicht zuletzt die Frage des Freiburger Germanisten Konrad Kunze an die auf dem Podium anwesenden Kirchenleute, was eigentlich davon zu halten sei, daß der Dreikönigsaltar mit seiner Botschaft „Wir sind gekommen, Ihn anzubeten“ abgeräumt, aber andererseits eine Kathedra aus Stein installiert werde, die meist funktionslos und „leer“ im Raum stünde. Die Einlassung mag der Profession Kunzes geschuldet sein, der als ausgewiesener Kenner mittelalterlicher Bedeutungswelten gilt und zudem weiß, daß eine Steinkathedra in der Sichtachse eines hochgotischen Chores baugeschichtlich wie kirchenhistorisch Unfug ist. Sein Rekurs auf die Tiefe der bildlichen Darstellung des Dreikönigsaltars fand bei den Anwesenden aber einen Widerhall, der über das Maß dankbaren Kopfnickens für jedes halbwegs taugliche Argument gegen die Umgestaltung klar hinausging. Entwurf scheint von Maginot-Linie inspiriert Kunze traf eine Befindlichkeit, die den verantwortlichen Kirchen- und Bauleuten zumindest in jenem Maße fremd geworden ist, wie sie per Federstrich die Altäre der Öffentlichkeit weitgehend entziehen wollten – einer Öffentlichkeit, die von der Anbetung der Könige eine direkte Linie zur Heiligen Messe zieht, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Dreikönigsaltars gefeiert wird. Um es mit den eingangs erwähnten Worten Jezlers zu sagen: Gerade dieser Altar tritt in den Augen des Glaubens „in nahen Kontakt“ zu einem ganz bestimmten Sakrament – der Eucharistie. Doch auch deren „neuer“ Ort wurde unter Beschuß genommen. Der Altartisch des Bildhauers Franz Gutmann ist als durchbrochener Würfel aus rotem Granit mit im Boden versenkter Unterplatte konzipiert, so daß sich der Eindruck eines Tisches einstellt. Kritiker befürchten, Gutmanns Entwurf könnte sich im verschatteten Vierungsbereich wie ein düsterer Block ausnehmen, der „mehr an das Heiligtum, das die Moslems in Mekka verehren“ (so eine Stimme im Rahmen des Informationsabends) erinnere als an einen christlichen Altar. Während Gutmann selbst einem „Stein wie von Feuer“ das Wort redete und Dompfarrer Erich Wittner in einem Anflug von mangelnder politischer Korrektheit bekräftigte, niemand wolle „einen schwarzen Araberstein“, versuchte der Erzbischöfliche Baudirektor Anton Bauhofer, das Auditorium ex negativo mit dem Gutmannschen Plan zu versöhnen, indem er andere Entwürfe vorstellte, die bereits im Vorfeld aus dem Rennen genommen worden waren. Darunter befand sich etwa ein Vorschlag des Prozeßkünstlers Ulrich Rückriem, dessen Altar mit den absichtsvollen Spuren der künstlerischen Bearbeitung von Befestigungswerken der Maginot-Linie inspiriert schien, während die Kathedra an eine erzbischöfliche Abschußrampe erinnerte. Weihbischof Wehrle entließ die Besucher des Informationsabends mit einer für „aufgeschlossene“ Theologen ebenso typischen wie verdächtigen Dialektik, indem er betonte, daß im Blick auf den Herrn Jesus ja ohnehin alles relativ sei. Solche Sätze lassen oft nichts Gutes ahnen. Um so überraschender nahm sich einige Zeit später eine Pressemeldung des Ordinariats aus, daß man die Altäre zwar demontieren, die Altarschreine mit den Figurengruppen aber an ihren bisherigen Standorten in die Neugestaltung integrieren wolle – wenngleich erst einmal provisorisch. Freiburger Münster: Die Geschichte des gotischen Münsters reicht etwa bis zum Jahr 1200 zurück. Den Auftrag zum Bau erteilte Herzog Berthold von Zähringen. Die Einweihung fand 1513 statt, seit 1827 ist das Münster „Unserer Lieben Frau“ Bischofskirche. Außerhalb der Gottesdienste ist das Münster werktags von 10 bis 17 Uhr offen. Foto: Blick in den spätgotischen Chor mit dem Hochaltar von Hans Baldung Grien samt derzeitigem Altar

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