Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Vogelgrippe und Exorzismen

Bis in die sechziger Jahre galt die katholische Publizistik nicht nur als zuverlässiger Wegbegleiter im religiösen Leben, sondern darüber hinaus auch als wertvolle Unterstützung der damals noch weitgehend intakten römisch-katholischen Kirche. Das änderte sich spätestens nach dem Zweiten Vatikanum ziemlich schnell. Nun schossen modernistische Publikationen, die alles in Frage stellten, zwar nicht in den Himmel, aber doch ins Kraut, und selbst die von den jeweiligen Bistümern herausgegebenen „offiziellen“ Kirchenzeitungen paßten sich diesem zeitgeistigen Trend ohne Not an. Andere katholische Zeitungen und Zeitschriften, die bis dahin noch auf glaubenstreuem Kurs waren, bliesen ins gleiche Horn, gaben sich „kritisch-reformoffen“, schwadronierten über „modernes Christsein in einer modernen Welt“ und propagierten, „den eigenen Glauben weiterzuentwickeln“. Zu letzteren Periodika zählt auch die im 58. Jahrgang erscheinende Wochenzeitschrift Christ in der Gegenwart (CiG). Mit immerhin 32.000 Abonnenten gehört das nach eigenem Selbstverständnis stark ökumenisch ausgerichtete Blatt durchaus zu den meinungsbildenden Presseorganen des modernistischen Flügels der Konzilskirche. Dies machen natürlich auch die Beiträge deutlich, die über Vogelgrippe, Abtreibung, Homosexualität, Karikaturenstreit und christliche Minderheiten fast sämtliche Themen abdecken, die heute allerorten von Berufenen und Unberufenen kontrovers und lautstark diskutiert werden. Dagegen ist im Prinzip wenig zu sagen, auch wenn die meisten Beiträge – zum Beispiel zur Abtreibung oder zur katastrophalen Situation von Christen in islamischen Ländern – eine klare Stellungnahme leider vermissen lassen. Als gänzlich gescheitert muß man jedoch den Versuch der Medizinjournalistin Martina Lenzen-Schulte ansehen, den durch die beiden kürzlich in den Kinos gelaufenen Filme „Der Exorzismus von Emily Rose“ und „Requiem“ wieder aktuell gewordenen Fall der aus Klingenberg stammenden Pädagogikstudentin Anneliese Michel „differenziert“ zu betrachten. Tatsächlich macht sich die Autorin allein die Argumente schulmedizinischer Psychiater zu eigen und blendet religiöse und kulturanthropologische Sichtweisen weitgehend aus. Wie wenig sie sich offensichtlich mit dem Fall befaßt hat, wird erkennbar, wenn in dem Beitrag ein Psychiater unkommentiert ausgerechnet jenes mit schwersten Nebenwirkungen einhergehende Antiepileptikum empfiehlt, das Anneliese Michel über Jahre hinweg völlig erfolglos verabreicht wurde und nach Aussagen verschiedener Sachverständiger wohl mit zu ihrem Tode beigetragen hat. Wer dagegen jenseits von Horrorfilmen, Psychodramen und umstrittenen psychiatrischen Gutachten seriöse und objektive Informationen über den „Fall Anneliese Michel“ sucht, dem seien die Bücher der jüngst verstorbenen protestantischen(!) Kulturanthropologin Felicitas D. Goodman („Anneliese Michel und ihre Dämonen“) und des Kirchenrechtlers Diether Wendland („Der Teufel, die Justiz und die Kirche“) empfohlen. Anschrift: Herder Verlag, Hermann-Herder-Str. 4, 79104 Freiburg. Einzelpreis 1,90 Euro, Halbjahresabo 37,50 Euro (Studenten 23,50 Euro). Internet: www.christ-in-der-gegenwart.de

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