Joachim Kuhs

 

Wie ein Bächlein

Grundsätzlich suspekt dürfen einem Leute sein, die sich jahrelang für ein Projekt engagieren, dabei auch persönlich Erfolg und Anerkennung einheimsen, dann aussteigen und anfangen, auf alles Bisherige verbal einzudreschen. Zu dieser Sorte gehört Michael Kiske. Der 1968 in Hamburg geborene Sänger (und Autor) war Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre Frontmann der Metal-Band Helloween. In diese Zeit fallen die beiden heute legendären Alben „Keeper Of The Seven Keys Part one bzw. Part two“ (1987/88), mit denen sich Helloween unsterblich in die Metal-Geschichte eingeschrieben haben. Seither gilt Kiske als einer der besten Heavy-Metal-Sänger. Nach zwei weiteren unbedeutenden Platten, persönlichen Konflikten in der Band und Gerüchten, er solle Nachfolger von Bruce Dickinson als neuer Sänger der britischen Kultband Iron Maiden werden, verließ Kiske 1993 Helloween, um sich seiner Solokarriere zu widmen. 1996 veröffentlichte er im Selbstverlag das Traktätchen „Kunst und Materialismus. Ein Aufruf an die Lebenden“. Darin beklagt er den Verlust von Idealen in einer Gesellschaft, die sich im Würgegriff des Materialismus befindet. „Ich will den Leuten lieber zuviel zumuten, als dem Gemeinen zu gefallen“, heißt es im Vorwort. Es folgten die Alben „Instant Clarity“ (1996) und „Readiness To Sacrifice“ (1999), beide stilistisch gemixt aus Rock-, Pop- und Klassik-Zutaten, sowie 2003 das Melodic-Metal-Projekt Supared, das jedoch nur mäßig Anklang fand. Zwischendurch trat er als Gastsänger bei Gamma Ray, Tobias Sammets Metal-Oper-Projekt Avantasia und Masterplan auf. Wenig später erklärte der an Rudolf Steiners Anthroposophie geschulte Kiske seinen Abschied von der „ignoranten, von hirnlosen Arschkriechern dominierten Metal- und Hardrock-Szene“ ­- was ihn nicht davon abhielt, sich im vorigen Jahr wieder als Sänger an dem Melodic-Rock-Projekt Place Vendome zu beteiligen. Gleichzeitig nahmen Kiskes Tiraden gegen alle härten Spielarten weiter zu. Heavy Metal sei eine Musikrichtung „der moralischen Loser, des Antichristen und der Verräter an der Menschheit“, schrieb er in einem seiner Aufsätze, sie sei „aller menschlichen Kunst vollkommen idealfeindlich“ und „der Vorschulkindergarten zur Hölle“. Und in einem Interview mit der Musikzeitschrift Rock Hard tönte er, Metal sei die Musik der „geistigen Verdummung“, woraufhin ihn ein Leserbriefschreiber als „Imbißbuden-Philosoph“ titulierte. Kurz: An Michael Kiske scheiden sich die Geister der Metal-Gemeinde. Nun legt er seine dritte Solo-CD vor. In zwei Wochen, am 19. Mai, erscheint das schlicht „Kiske“ betitelte Werk (Frontiers Records). Begleitet wird er von dem Gitarristen Sandro Giampietro, dem Bassisten Fontaine Burnett und seinem alten Schulkameraden Karsten Nagel am Schlagzeug. Laut Begleittext der italienischen Plattenfirma nennt Kiske das Album einen „künstlerisch geschlossenen Kommentar“ und eine „sehr persönliche Stellungnahme“ seinerseits, auf die er „mühelos neue Dinge“ aufbauen könne. Vom Metal, soviel ist sicher, hat sich Kiske meilenweit entfernt. In welche Richtung die Reise des Ausnahmesängers gehen wird, lassen bereits die ersten Takte und Töne des Albums erahnen. Coldplay! – der erste Gedanke beim Hören von „Kiske“ ist: Coldplay! Etwas rockiger als die Engländer und stimmlich variabler als Chris Martin plätschern die elf Songs über insgesamt 45 Minuten gemächlich wie ein Bächlein vor sich hin, ohne sich auch beim soundsovielten Durchlauf im Ohr festzusetzen. Desungeachtet: Wer auf gefällige Melodien und Wohlfühl-Harmonien steht, wird hier bestens bedient. „Kiske“ ist die perfekte Hintergrundmusik zu allen Gelegenheiten.

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