Theater zu Discountern

Offene Briefe von Rolf Hochhuth sind nie wörtlich zu nehmen, zumal wenn der Schriftsteller seinem antikapitalistischen Furor freien Lauf und diesem eigene Lösungsvorschläge folgen läßt. Interessante Beobachtungen und Gedankensplitter findet man aber allemal darin. So auch in dem Schreiben, das er unter dem Datum des 1. November an den Chef der Deutschen Bank adressiert hat: „Sie, Herr Ackermann, kommen aus der Schweiz und können deshalb nicht ermessen, was Sie anstellen, wenn Sie jetzt in dieser von Bombenkrieg so arg verstümmelten Stadt Architektur von hohem Denkmalswert und größter Volkstümlichkeit ihrer Vernichtung überantworten! (…) Es gibt nicht nur Kriegsverbrecher, die Architektur zerstören, sondern auch Friedensverbrecher.“ Hochhuth bezieht sich auf den von einer Tochter der Deutschen Bank geplanten Abriß der Komödie und des Theaters am Kurfürstendamm in Berlin. Es sind private Theater, die erfolgreich arbeiten, 240.000 Besucher jährlich anlocken, Gewinn erwirtschaften – und das zum Teil mit Weltliteratur, mit Molière und Oscar Wilde – und pünktlich ihre Miete zahlen. Doch die Deutsche Bank (Renditeziel: 25 Prozent!) will mehr und deshalb an dieser Stelle ein neues Shopping Center errichten. Ende des Jahres läuft der Mietvertrag der Theaterbetreiber aus. Nach vielen Protesten – 100.000 Unterschriften wurden bereits gesammelt – hat die Bank angeboten, die Theater in neue Gebäudeteile zu verlegen, was nach aller Erfahrung den Tod auf Raten einleitet. 240.000 Besucher, doch die Bank will mehr Das legendäre Ku’damm-Café Kranzler mit seiner Rotunde und dem rotweiß gestreiften Sonnenverdeck mußte ebenfalls irgend­einer Textilkette – oder einem Mobilfunk-Geschäft? – weichen, es wurde verkleinert und in ein oberes Stockwerk verbannt, wo es seit Jahren dahinsiecht. An der früher so belebten Kreuzung geht außer Zugluft heute nichts mehr. Zahlreiche Kinos, Cafés und Restaurants in der Gegend sind gleichfalls verschwunden, haben Platz gemacht für Textildiscounter und Restaurantketten, sogar „Sun points“ und Videotheken gibt es bereits auf der einstigen Nobelmeile. Gerade stellte Alt-Kanzler Helmut Schmidt im Tagesspiegel fest, der Westteil Berlins versinke „im Ostmeer“. Dieser Proletarisierungsprozeß ist nicht nur die Spätfolge des Realsozialismus, sondern wird auch durch die Dialektik des großen Geldes verursacht, das über die Gestaltung des Stadtraums bestimmt. Hochhuth schlägt eine Vereinbarung zwischen der Deutschen Bank und der Bundesregierung vor, der zufolge die „Differenz zwischen der Miete, die heute die Theater an die Bank entrichten können, und jener Rendite, die sich die Deutsche Bank durch den Abriß dieser Häuser und den Einbau von Ladengeschäften erhofft, durch die Bundesregierung ausgeglichen wird“. Man glaubt es kaum! Der Staat soll der Bank den möglicherweise entgangenen Profit ersetzen! Der Vorschlag ist wieder mal ein typischer Hochhuth-Schnellschuß. War es diese undurchdachte Volte, die die Frankfurter Allgemeine bewogen hat, die Veröffentlichung des Briefes abzulehnen?

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