System Sklavenarbeit

Die massive Ausweitung des kommunistischen Lagersystems in der Sowjetunion ab 1929 ist nur zum Teil auf wachsende Repressionen gegenüber der Bevölkerung zurückzuführen. Der Ausbau basierte in erster Linie auf dem Wunsch Stalins, im Zuge des ersten Fünf-Jahres-Planes Millionen billiger Arbeitskräfte einsetzen zu können. Es gab keinen einzigen Sektor der sowjetischen Industrie, der sich nicht der Beschäftigung von Zwangsarbeitern bediente. Zu diesem Ergebnis kommt die amerikanische Historikerin Anne Applebaum, die durch das auch ins Deutsche übersetzte Buch „Der Gulag“ einen Meilenstein in der Forschung dieses Komplexes gesetzt hat (JF 51/03). Am vergangenen Dienstag stellte Applebaum in der Berliner Gedenkbibliothek für die Opfer des Stalinismus einige ihrer aktuellsten Forschungsergebnisse vor. Applebaum verwies darauf, daß sich unter den zahlreichen Dokumenten in russischen Archiven die Berichte von Lagerinspektoren als besonders aussagekräftig erwiesen hätten. So wiesen diese Dokumente nach, daß die Zahl der Gulags weit höher war als bislang angenommen. Zwischen 1929 und 1953 existierten gleichzeitig 476 Lagersysteme, von denen sich jedes über Tausende von Quadratkilometern erstrecken konnte. Es gab solche Lager nicht nur in Sibirien, selbst in den großen Städten wie Moskau wurden Lagerhäftlinge beim Wohnungsbau eingesetzt Der größte Teil der Bevölkerung wußte von diesen Einrichtungen, da die Häftlinge bei ihren Arbeiten im öffentlichen Bereich gar nicht übersehen werden konnten. Damit, so Applebaum, erledigt sich das immer noch in vielen westlichen Darstellungen angeführte Argument, daß viele Zivilisten erst Jahrzehnte später etwas darüber erfahren hätten. Zwischen 1929 und 1953 mußten insgesamt 18 Millionen Menschen in den Lagern Zwangsarbeit leisten. Als Opfer der Lager, so Applebaum, muß man aber auch noch weitere sechs bis sieben Millionen Deportierte rechnen, die in diesen Jahren zwangsweise in Exildörfer deportiert wurden, welche unmittelbar in die Lagersysteme integriert waren. Die Gesamtzahl der Menschen mit „Lagererfahrung“ in der Stalin-Ära beträgt folglich etwa 25 Millionen. Mehr als jeder siebte Einwohner der Sowjetunion war direkt betroffen. Abschließend widmete sich Applebaum der heutigen Situation der Opfer der Lager und den Hinterlassenschaften des Lagersystems. Viele Gulag-Sklavenarbeiter und ihre Nachkommen leben noch heute in den Gebieten, in die sie einst deportiert wurden, und fristen dort ein kärgliches Dasein, oft in unmittelbarer Nähe ihrer früheren Peiniger. Zwanzig Jahre nach dem Beginn von Glasnost und Perestroika gibt es immer noch kein einziges Verfahren gegen die Täter. Oft erhalte man auf Fragen die Gegenfrage, warum man den Häftlingen besondere Aufmerksamkeit schenken solle, und die Antwort: „Wir haben alle gelitten!“ Die Geschichte der Lager werde mit dem Verweis auf die Opfer der Zwangskollektivierung und des Zweiten Weltkrieges weitestgehend verdrängt, so Applebaum.

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