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„Sie wollen wohl weich werden“

Wer sich über den Chef der deutschen militärischen Auslandsspionage, den Admiral Wilhelm Canaris, ins Bild setzen möchte, tut dies seit mehr als einem Vierteljahrhundert anhand der dickleibigen Biographie von Heinz Höhne, die spätestens seit ihrer Verbreitung in diversen Lizenzausgaben auch zu einem Spottpreis antiquarisch zu haben ist. Höhne war „nur“ Journalist, beim Spiegel zuständig für Zeitgeschichte, erreichte aber ähnlich wie sein Berufskollege Sebastian Haffner mit gut recherchierten, soliden, gleichwohl das Bedürfnis nach „Enthüllungen“ geschickt kitzelnden Werken über die NS-Ära in den siebziger Jahren Auflagen, von denen professionelle Historiker nicht einmal zu träumen wagten. So auch mit seiner Canaris-Biographie über den „Patrioten über Zwielicht“. Michael Mueller, auch er ein Vertreter der schreibenden Zunft, der sich aber bislang eher um die allerjüngste bundesdeutsche Geschichte, etwa um den RAF-Terrorismus und das Geflecht des Bundesnachrichtendienstes gekümmert hat, scheint sich gedacht zu haben: Mit einem „Helden“ wie Canaris läßt sich der Erfolg des Altmeisters Höhne vielleicht wiederholen. Voraussetzung wäre allerdings gewesen, daß Mueller wirklich etwas Neues über „Hitlers Abwehrchef“ mitzuteilen gehabt hätte. Ungeachtet des von ihm belegten fleißigen Besuches in- und ausländischer Archive ist dies aber nicht der Fall. Höchstens, daß er das von der Verlagswerbung versprochene „differenzierte Bild des Geheimdienstchefs“ um die „Fülle bislang unbekannter Details“ bereichert. Aber mehr ist es eben nicht: Details. Wer Höhnes Canaris kennt, wird sich bei Mueller daher langweilen. Denn nochmals soll sich der Leser durch die zwar abenteuerlich bunte, aber hinlänglich bekannte Vita des kaiserlichen Marineoffiziers durchkämpfen, der als Überlebender der deutschen Ostasien-Geschwaders von Südamerika aus gegen alle Widerstände den Weg zurück in die Heimat findet, um seinem Kaiser dann als U-Boot-Kapitän zu dienen. Letztlich vergeblich, wie man weiß. Was zu den Wirren der „Novemberrevolution“ folgt, ist die vielfach erörterte Frage zur mittelbaren Verantwortung des Kapitänleutnants Canaris an der Liquidierung der Spartakistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Wer sich nicht einfach mit dem großen Realisten Max Weber der leidigen Erörterung dadurch enthebt, daß er feststellt, Karl und Rosa seien halt dort umgekommen, wo sie den politischen Kampf suchten, auf der Straße, der erfährt bei Mueller: Canaris sei am Todestag der beiden gar nicht in Berlin gewesen, aber ihm sei doch anzulasten, eine Rolle bei der „Vertuschung der Morde“ gespielt zu haben. Solche Kapriolen sind für Muellers weitere Darstellung geradezu idealtypisch. Immer wieder baut er Spannung auf, die enttäuscht wird. Statt der erwarteten neuen Enthüllungen spinnt er dann nur wieder Höhnes Erzählfaden. Dies gilt für die filigrane Rekonstruktion von Canaris‘ Beteiligung an der verwirrenden geheimen Rüstungspolitik der Reichswehr, dies bestimmt auch den Darstellungsstil für die Zeit nach 1933. Hier will Mueller einen eigenen und doch so modischen Akzent setzen, wenn er detailreich zu schildern bemüht ist, inweit die Canaris unterstellten Einheiten der „Abwehr“ in den „Vernichtungskrieg“ in „Polen und in der Sowjetunion“ involviert waren. Daß Canaris um die „Endlösung“ als Augen- und Ohrenzeuge des Treibens der Einsatzgruppen wußte, muß Muel-ler eigentlich nicht umständlich belegen. Daß des „Teufels Admiral“, als Pragmatiker sich „Topagenten jüdischer Herkunft“ bedienend, wie als politisch argumentierender Moralist, der „solche Methoden“ der SS für inakzeptabel hielt, ein machtloser, sich dem „Widerstand“ anschließender Warner blieb, muß ebensowenig aufs neue dokumentiert werden. Eindrücklich bleibt indes die kurze, leider nicht hinlänglich beglaubigte Szene im Führerhauptquartier, als der Admiral Adolf Hitler auf die „Massenerschießungen der Juden von Riga“ angesprochen und zur Antwort erhalten habe: „Sie wollen wohl weich werden? Ich muß das tun. Nach mir tut es kein anderer.“ Der im „Machtkampf mit Heydrich“ und Himmler um die Vorherrschaft im Spionage-Apparat des Dritten Reiches spätestens 1943 unterlegene Abwehrchef hat wieder und wieder Verhandlungsfühler zu den Westalliierten ausgestreckt. Dies und die tiefe Verstrickung der von ihm gedeckten Untergebenen wie Hans von Dohnanyi und Hans Oster in den militärischen Widerstand gegen das NS-Regime wurden ihm nach dem 20. Juli 1944 zum Verhängnis und führten zu seiner entwürdigenden Hinrichtung im April 1945. Von diesem grausigen Ende her erzählt Mueller die Geschichte des Admirals noch einmal. Es verwundert nicht, daß im Netzwerk der von Madrid bis Stockholm gewebten Kontaktfäden, die Mueller freizulegen bestrebt ist, eine Schlüsselfrage, wie gut Himmler über die Widerstandsaktivitäten eines Canaris unterrichtet war, und warum er ihn lange gewähren ließ, sich als unbeantwortbar erweist. So bleibt als Fazit: was man wissen will, erfährt man nicht, und was man erfährt, weiß man schon. Michael Mueller: Canaris. Hitlers Abwehrchef, Propyläen Verlag, Berlin 2006, gebunden, 576 Seiten, Abbildungen, 24,90 Euro. Foto: Wilhelm Canaris bei einem privaten Aufenthalt in Bayern, 1942: Was man erfährt, weiß man schon

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