Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Schmarotzer

Wann immer es geboten sein könnte, das Mitleid der Gesellschaft für ihre vermeintlich sozial Schwachen prophylaktisch einzudämmen, gelingt es der Bild-Zeitung, mit Fälle von besonders plakativem Schmarotzertum zu belegen, daß die erwerbstätigen Steuerzahler von denen da unten und nicht von jenen dort oben ausgebeutet werden. So enttarnte sie im Sommer 2003, als zahlreiche Deutsche finanziell nicht zu realisierenden Urlaubsträumen nachtrauerten, „Florida-Rolf“, einen 59jährigen ehemaligen Immobilienmakler, der es sich im US-amerikanischen Ferienparadies gutgehen ließ und dennoch Sozialhilfe aus Deutschland bezog. Diese Enthüllung bewog nicht nur den Gesetzgeber, den Kreis jener deutschen Staatsbürger, die im Ausland leben und dennoch Sozialleistungen erhalten können, weiter einzugrenzen. Sie immunisierte auch die Bevölkerung, nicht in jedem Betroffenen, der wegen der Hartz-Reformen auf die Straße ginge, automatisch einen Bedürftigen zu sehen. Der Fall „Karibik-Klaus“, den die Bild-Zeitung nun öffentlich gemacht hat, ist weitaus unübersichtlicher – allerdings zeichnen sich die sozialen Einschnitte, die die Regierung unter Kanzlerin Merkel plant, ja auch noch nicht klar ab. Der einstige Architekt hat keine Lücke im Gesetz genutzt, sondern gegen dieses verstoßen. Leistungen bezog er, als er noch nicht in Mexiko, sondern in Berlin wohnte. Mit seinen 71 Jahren dürfte er unterdessen zu alt sein, um sich dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung halten zu müssen. Diese neuerliche Kampagne ist aber nicht allein wegen solcher ja vernachlässigenswerten Details problematisch. Sie denunziert vielmehr eine Chance zur Verringerung der Sozialausgaben, die sich der Staat nicht leichtfertig aus der Hand nehmen lassen sollte. Die Zahl jener Empfänger von Hartz IV, die beim besten Willen keine Aussicht auf eine Beschäftigung haben, dürfte weiterhin eher steigen als sinken. Sparpotentiale ließen sich hier erschließen, wenn man diese hoffnungslosen Fälle dazu brächte, unter Kürzung der Bezüge den Wohnsitz in Entwicklungs- oder Schwellenländer zu verlegen. Reduzierte man die Leistungen nur so weit, daß der Effekt niedrigerer Lebenshaltungskosten nicht aufgehoben würde, stünden sich beide Seiten besser. Natürlich wird es nicht jeden Betroffenen nach Mexiko, Brasilien oder Thailand verschlagen. Angesehen in Mali, Bangladesch oder Ekuador zu residieren, ist aber immer noch besser, als unter Schmarotzerverdacht in Güstrow, Halle, Emden oder Offenbach zu hausen.

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