Programmusik

Die Musiker von Depeche Mode sind in ihrem fünften Lebensjahrzehnt unterdessen ein gutes Stück vorangeschritten, und die Phase der neuerlichen Selbsterfindung, die man ihnen seit 1997 andichten durfte, scheint passé. „Exiter“, 2001 veröffentlicht, war in diesem Zeitabschnitt offenbar so etwas wie ein Sachstandsbericht, der zwar aufmerksam zur Kenntnis genommen wurde, aber doch eher Ernüchterung auslöste. Sehr ruhig, sehr unspektakulär trotz aller gewollten Geräuschexperimente, eigentlich nur ein Stück mit gewisser Ohrwurmqualität, das klang doch alles mehr so, als wäre die Richtung auf Pflegestufe 1 und nicht auf Jungbrunnen eingeschlagen. Zahlenden Hörern konnte dies mit Recht nicht reichen. Mit „Playing the Angel“ (Mute) wird die Geduld nun nicht länger strapaziert. Anstatt auf Gedeih und Verderb einen neuen Sound zu ersinnen, der Bandhistoriker später von einem sperrigen Alterswerk reden ließe, macht Depeche Mode, so gut es noch geht, einfach wieder das, was man immer gemacht hat: eingängige Popsongs aufzunehmen, die eigentlich völlig trivial sind, aber durch wohlkalkulierte Einbrüche von Atonalität und vor allem durch das akribisch gepflegte Image lapidarer Melancholie nicht so sehr kitschig, sondern irgendwie höherwertig wirken. So finden denn die treuen Hörer auf dieser CD gleich mehrere Weisen, die in ihrer Jugend Gassenhauer geworden wären und zu denen sie auch heute tanzen würden, sofern sie noch die entsprechenden Lokalitäten aufsuchen würden. Aber auch die liebgewonnenen Gemütswerte der so coolen wie süffigen tristesse sind es, die ohne sonderlich merkbare Altersironie bemüht werden und heute wie damals den Konsumenten ein klein bißchen musikalische Hilfe bei der Daseinsbewältigung bieten. So unspektakulär das Leben auch dahingeplätschert sein mag, hineingeworfen in die Realität von Depeche Mode darf man ein wenig mit herumstochern in den seelischen Untiefen einer Existenz an der Grenze. Weniger als raffinierter Appell an den wehleidigen Narzißmus der Hörer denn als Einladung zur von sich selbst abstrahierenden Kontemplation läßt sich hingegen der Sound von Sigur Rós auffassen, einem Quartett mit der Aufgabenverteilung handelsüblicher Rockbands (mit dem Einsatz des Cellobogens auf der E-Gitarre und einer Falsetto-Stimme des Sängers als Alleinstellungsmerkmal). Was es veranstaltet, mag als eine Art Programmusik durchgehen, als In-Töne-Setzen jener Landschaftseindrücke, die Island, ihr Lebensmittelpunkt, zumindest den Bildstrecken in den einschlägigen Reisemagazinen nach herzugeben scheint. Die Musiker selbst haben dafür den Ausdruck Slow-Mo-Rock gefunden. In der Tat überstürzen sie nichts in ihren Songs, diese fließen gemächlich wabernd, allerdings manch unverhoffte Richtung einschlagend, vor sich hin, um sich dann entweder zu krachenden Klanggebirgen aufzutürmen oder auch einfach nur in die Stille abzuebben. „Takk“ (EMI), die jüngste CD, offenbart dabei erstmals das Vermögen von Sigur Rós, auch lichtere Stimmungen zu evozieren, die bisherigen Veröffentlichungen schwelgten eher in winterlicher Verzweiflung, die sich der Wiederkehr des Frühlings nicht mehr gewiß ist. Solch ein Sinneswandel steht nicht selten unter dem berechtigten Verdacht, zur Umsatzsteigerung auch die Mehrheit der Nicht-Melancholiker erreichen zu wollen, die einfach nur etwas hören wollen, das ein wenig anspruchsvoller als Richard Clayderman wäre. Diese Zweifel, ob sich „Takk“ nicht vielleicht doch auf die Niederungen des Easy Listening begeben hat, lassen sich aber einfach ausräumen: Man muß lediglich die Lautstärke weit genug aufdrehen, um die Vielschichtigkeit von Sigur Rós zutage treten zu lassen.

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