Pankraz, W. Davis und die Ethik der Unbequemlichkeit

In englischen Monatszeitschriften herumzuschnüffeln, lohnt sich immer. Sie sind besser geschrieben als die deutschen (man vergleiche etwa Prospect, London, mit Cicero, Potsdam), lassen sich mehr einfallen und haben entschieden weniger Bretter vorm Kopf, selbst wenn sie in linkem Geist daherkommen und sich ausdrücklich in den Dienst von "New Labour" stellen. Pankraz sagt dergleichen nicht gern, doch es ist leider so.

Am besten gefällt ihm zur Zeit Prospect, eine ziemliche Neugründung (1995), die aber die alteingesessenen Organe wie Economist, Spectator oder New Statesman in manchem Belang schon überholt hat. In der Februarnummer ist jetzt ein Aufsatz von William Davis über "die Ethik der Unbequemlichkeit" zu lesen, der geradezu Nietzscheformat hat. Nur hieß eben, was bei Davis "Unbequemlichkeit" heißt, bei Nietzsche noch "Askese", und wo Davis von "Ethik" spricht, sprach Nietzsche von "Kunst".

Gemeint ist bei beiden das gleiche. Die moderne Menschheit, so der Tenor, macht es sich zu bequem, und das wird sich eines Tages rächen. Anlaß für die Klage bei Davis ist, daß nun auch in England der Gebrauch von mobiles (neudeutsch: "Handys") in der Untergrundbahn erlaubt ist – zugegeben ein etwas läppischer Anlaß, jedoch knüpft der Autor daran eine ganze Kette höchst origineller Betrachtungen, die ihr Geld allemal wert sind.

Er beobachtet ein junges Mädchen in der Londoner "Underground", das zwischen Holborn und Bond Street (drei Stationen) per SMS nicht weniger als sechs Liebesbotschaften "absetzt", drei an ihren neuen Freund, eine an ihren verflossenen Freund, von dem sie nichts mehr wissen will, eine an ihre Mutti, eine an ihre "beste Freundin". Was für einen sentimentalen, geistigen und auch materiellen Aufwand, sinniert Davis, hätte dergleichen früher in Zeiten des Telefons erfordert (vom Briefzeitalter zu schweigen)! Was für ein Riesenberg ehrwürdigster Kulturpraktiken wird hier im Minutentakt einfach beiseite gekehrt!

Doch andererseits: Was
für ein Zuwachs an
Schnelligkeit und an coolness, an Vermeidung strapaziösen Seelen-Engagements! Die Maid mit ihrem SMS erspart sich in einem Aufwasch gleich drei umständliche Kommunikationsprobleme, von denen zumindest eines sich in vordigitalen Zeiten vor ihr aufgetürmt hätte: erstens das Schreiben von Liebes- und Abschiedsbriefen, zweitens das Aufsuchen eines Telefons im stillen Kämmerlein bzw. in gegen Mithörer abgeschotteter Fernsprechbucht, drittens und vor allem die persönliche Konfrontation mit all den damit verbundenen Aufregungen und Herausforderungen. Das ist wahrhaft bequem, bequemer geht’s gar nicht mehr.

Über parallel laufende Verluste wurde bisher kaum gesprochen. Man nehme nur das Briefschreiben! Es war einst eine Kunst, die tief ins "einfache Volk" hineinreichte. Wer partout nicht schreiben konnte oder wollte, der suchte einen der professionellen (Liebes-)Briefschreiber auf und erarbeitete mit ihm zusammen allfällige, in Wort und Schrift gefaßte Herzensergießungen. Eine merkwürdige Volkspoesie blühte da im Stillen, die sich an elaborierten, hochkulturellen Codes und Vorbildern orientierte und sich dadurch selber veredelte.

Das Telefon hat dem schon vor längerer Zeit ein Ende gesetzt, richtete aber seinerseits gewisse kulturelle Standards auf. Auch wer telefoniert, muß sich irgendwie am Riemen reißen. Er kann sich weder gänzlich gehen lassen noch gänzlich mit coolness wappnen. Das Telefon ist, um mit Marshall McLuhan zu sprechen, im Vergleich zum Brief ein "heißeres" Medium, stellt eine größere natürliche Nähe zum Kommunikationspartner her, der hier ja ein direkter Gesprächspartner ist. Wer sich des Telefons bedient, setzt sich vielleicht weniger geistigen Strapazen aus als der Briefschreiber, wird aber mehr unmittelbar gefordert, muß dringlicher Farbe bekennen.

Gänzlich auf Sprache und zusätzlich auf unmittelbaren Körperkontakt aus ist die persönliche Begegnung, die direkte Konfrontation. Sie kann heute durch die gewaltige Entwicklung der Verkehrsmittel und die Beschleunigung viel leichter hergestellt werden als früher, ist dadurch aber auch sehr entwertet und wird aus Gründen der coolness, der psychologischen Bequemlichkeit, oft sogar gemieden oder immer wieder hinausgezögert; man denke nur an die Vernachlässigung der Alten durch ihre Angehörigen oder ehemaligen Berufsgenossen.

William Davis stellt es scharf heraus: Das digitale Zeitalter, vordergründig ein Zeitalter des großen Zusammenbringens der Menschen, der Nähe und des Aufeinanderhockens, ist in Wirklichkeit eine Zeit der Vereinzelung und der Einsamkeit. Persönliche Begegnungen werden rarer und routiniert-leerer, die Seelen trocknen aus, und parallel dazu verarmen und verludern Schrift und Sprache. Die Sorgfalt der Kommunikation schwindet, sowohl inhaltlich wie formal. Jede E-Mail steht klaftertief unter einem Brief, und sei dieser noch so knapp und fehlerbehaftet. Jede SMS ist ein bloßer Schatten im Vergleich zum Telefongespräch, und sei dieses noch so stillos hingebellt oder hingeweint.

Der moderne Drang zur "Bequemlichkeit" mittels Beschleunigung und technischer Vereinfachung aller Lebensverhältnisse ist zum Feind jeglicher Kultur geworden. Wer dem Übel begegnen will, der muß tatsächlich über eine neue Ethik der Unbequemlichkeit nachdenken, respektive über eine neuartige Kunst der Askese. Es geht nicht um Maschinenstürmerei oder um künstliches Zurückschrauben technischer Möglichkeiten, es geht um eine grundsätzliche Neubewertung der Einsätze, für die technisches Wissen und neuerworbener Handlungsspielraum zur Verfügung zu stellen sind.

Nicht jeder Zeitgenosse, der es nur bequem haben will, ist ein Freiheitsheld, fast im Gegenteil. Wahre Freiheit ist mit Mühe, Risiko und Exzellenz verbunden.

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