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Pankraz, Mr. Chippendale und das moderne Design

Das Stammcafé von Pankraz war eine Zeitlang "wegen notwendiger Umbauarbeiten" geschlossen; jetzt ist es wieder geöffnet und erstrahlt in renoviertem Glanz. Es hat ein neues "Design" bekommen, d.h. nichts ist mehr so, wie es vorher war, alles ist unbequemer, unpraktischer, ungemütlicher geworden. Dafür bekamen die Stammgäste gratis einen "Eröffnungscocktail" (Sekt mit Erdbeeren) serviert, und der general manager kam extra herbeigeeilt, freilich nicht, um sich zu entschuldigen, sondern um sich zu erkundigen, wie einem die neue Dekoration gefalle.

Früher hatte es an der Front zur Straße einige feststehende Tische und Bänke gegeben, und die Gäste, die am Fenster sitzen wollten, mußten sich zu ihrem Platz hineinschieben. Es gab "Ständer" mit geschwungenen Beinen à la Thonet, an denen Zeitungen hingen und wo man seine Mäntel und Schirme unterbringen konnte. Der Eingang war eine Drehtür mit altmodischem Windfang dahinter. Von der Decke hingen Lampen im Stil der fünfziger Jahre, die gutes Leselicht spendeten.

Von alledem ist nichts übriggeblieben. Anstelle der alten Tische und Bänke gibt es jetzt zahlreiche quadratische Tischchen und Stühlchen, an denen faktisch nur jeweils zwei Gäste Platz finden und die man, mit Erlaubnis des Kellners, zusammenschieben muß, wenn man eine größere Gesellschaft unterbringen will. Zeitungen hängen irgendwo im Hintergrund, für Mäntel und Schirme steht eine Garderobe bereit. Die Straßenfront ist nun eine einzige große Glasfläche, so daß einem die Passanten von draußen auf die Schuhe schauen können und sich empfindlichere Gäste "wie ausgezogen" vorkommen.

Windfang und Drehtür sind durch flache Glastüren ersetzt, die automatisch zurückweichen und sich ebenso automatisch wieder schließen. An der Decke hat der verantwortliche Designer ungeniert Pranke gezeigt. Keine Lampen hängen dort mehr, sondern es dringen dicke, runde Zylinder aus dem Plafond hervor, die von innen heraus beleuchtet sind und abends wie tagsüber ein diffuses Licht verbreiten, welches – laut general manager – eine originelle, zivile Atmosphäre schafft. Wer abends lesen will, für den gibt es Tische mit Funzellämpchen, ebenfalls in Form kleiner Zylinder. Die dominierenden Farben sind Gelb und Braun.

Schlichtweg "einen Kaffee" zu bestellen, bereitet Schwierigkeiten. Was für einen Kaffee? Wiener Vielfalt ist eingezogen, mindestens. Viele Gäste verlangen, wie man hören kann, latte macchiato. Früher war einem das gar nicht so aufgefallen. "Paßt wohl am besten zum Design", meinte ein Freund übellaunig, "wir sind hier doch nur noch Bestandteile einer sogenannten kreativen Idee, eines Bildes, das dem Designer vorschwebte, nachdem er seinen Auftrag erhalten hatte. Laß uns was anderes suchen!"

Aber es ist gar nicht mehr so einfach, etwas anderes zu finden. Das moderne Design durchdringt den Alltag mit Intensität, man kann ihm kaum noch ausweichen, und es ist ein Selbstherrscher, der nicht nach Kundenwünschen fragt, obwohl "Design" ja ursprünglich gerade kundenfreundlich sein wollte. Einst gab es den "Stil", nach dem sich alle richten mußten, ob er zu ihnen paßte oder nicht. Und dann kam das "Design", das ausdrücklich die Wünsche der Kunden erkundete, das ehrlichen Herzens "nützlich", "funktionell", "sachgemäß" sein wollte.

Inzwischen hat sich das Rad einen Zahn weitergedreht, und das Design hat sich an die Stelle von Funktionalität und Nützlichkeit gesetzt. Es ist darüber jedoch nicht zum Stil geworden, also zu einer allgemein akzeptierten Prägemarke des Zeitalters, im Gegenteil, seine Norm ist die Stillosigkeit, der ganz und gar individuelle Einfall, der "kreative Kick", vor dem alle in die Knie gehen sollen. Wir haben heute weder Stil noch bare Funktionalität, wir haben nur noch Design.

Gut für das öffentliche Erscheinungsbild ist das allerdings nicht. Denn es gibt zwar viele Desig-ner, doch wenig wirkliche Kreativität. Man kann sogar die These riskieren: Je mehr Designer sich an einem Platz zusammenballen, um so unkreativer, einfalloser und peinlicher ist dort die Atmosphäre. In alten Zeiten lieferte der jeweils herrschende Stil dem Gros der Modisten, Baumeister und Möbelhersteller die Vorlagen und den prägenden Rahmen, innerhalb dessen sie ihre Kräfte mit Biederkeit entfalten konnten. Heute ist dieser Rahmen weggefallen, aber schöpferische Kräfte sind dadurch nicht freigesetzt worden. Wie denn auch? Genies sind eben dünn gesät.

Ein Zeitgeist, der suggeriert, daß jeder von Haus aus sein eigener Kreativbolzen sei, daß es letztlich nur darauf ankomme, "sich selbst zu verwirklichen", um zu gloriosen Ergebnissen zu gelangen, fördert einzig den unteren Durchschnitt. Statt einen bestimmten Stil auszudifferenzieren und bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten vorzutreiben, vermag es dieser untere Durchschnitt allenfalls, hier und da einige individuelle Maschen und Marotten auszubilden, die meistens nichts als ein Hohn auf die Nützlichkeit sind und den Alltag nur belasten; siehe das Café von Pankraz.

Wie wahrhaft nützlich, wie großartig funktionell und vielfältig einsetzbar waren dagegen die Hervorbringungen entschieden stilbewußter Epochen, beispielsweise die berühmten Möbel des Mr. Thomas Chippendale aus dem achtzehnten Jahrhundert! Jedes der späteren, "nur nützlichen" Bauhaus-Produkte muß sich davor verstecken, von den heutigen Designer-Produkten zu schweigen. Und Chippendale war zudem noch schön, anmutig – und er bildete seine Leute. Wer à la Chippendale arbeitete, der war vielleicht kein Kreativbolzen, doch er war ein solider, feiner Handwerker, und das ist allemal mehr als ein Kreativbolzen aus einem beliebigen Designerbüro in Prenzlauer Berg.

Bleibt die bange Frage: Wo findet man heute noch ein Stammcafé mit Chippendale- oder wenigstens mit Thonetmöbeln (und mit Lampen aus den fünfziger Jahren)?

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