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„Liebe Kamera …“

In Alek Keshishians Dokumentarfilm „Im Bett mit Madonna“ (1991) wird die Sängerin einmal gefragt, ob es ihr lieber wäre, die Kamera würde abgeschaltet. Ihr damaliger Partner Warren Beatty wirft sarkastisch ein: „Sie will nicht im Off leben. Was hat es für einen Sinn, irgendwas zu sagen, wenn nicht vor laufender Kamera?“ Jonathan Caouettes „Tarnation“ treibt diese Lebenseinstellung auf die Spitze. Das Material für seine cineastische Nabelschau schoß der heute 32jährige mit allen möglichen Kameras von körnigem Super-8 über Betamax bis zu hochauflösendem DVD, die er im Laufe von zwei Jahrzehnten geborgt oder besessen hat. Dank der iMovie-Software auf seinem Apple und seines kunstfertigen Umgangs mit derselben ist dabei eine sehenswerte Collage intimer Erinnerungen herausgekommen. Die Nachbesserung des Soundtracks in George Lucas‘ Skywalker-Studio, der Erwerb der Musikrechte und die Vergrößerung vom 35-mm-Format trieben die ursprünglichen Produktionskosten von 218 Dollar (und 32 Cent, wie Caouette mit der Zwangsneurose kokettierend insistiert) dann doch in die Höhe, aber da beglich schon Kult-Regisseur Gus Van Sant die Rechnung. In verzwickten Montagen, Wischblenden und Bildschirmaufteilungen, die seinem Film einen kinetischen Untergrund-Stil verleihen, findet Caouette verstörende Bilder für sein turbulentes Innenleben. Statt eines gesprochenen Kommentars benutzt er in der 3. Person gehaltene Titelkarten wie im Stummfilm, als wolle er sich von der Geschichte distanzieren, je mehr sie dem Zuschauer nahegeht. Diese nimmt ihren Anfang 2002 in New York und besteht im wesentlichen aus einer langen Rückblende. Seine schizophrene Mutter Renée hat eine Überdosis Lithium genommen, und Caouette kehrt nach fünf Jahren in seine Heimatstadt Houston zurück. Der kleine Jonathan hatte eine Kindheit wie aus dem Bilderbuch, dem Struwwelpeter womöglich: Die bildhübsche Renée LeBlanc erhielt als junges Mädchen nach einem schweren Sturz vom Garagendach Elektroschocktherapie und verbrachte Jahre in Anstalten. 1972 heiratete sie einen Handlungsreisenden namens Steve Caouette, der noch vor der Geburt seines Sohnes das Weite suchte. Jonathan wuchs teils im Waisenhaus auf, teils bei sadistischen Pflegeeltern, wurde Zeuge einer Vergewaltigung an seiner Mutter und schließlich von seinen Großeltern adoptiert, deren geistiger Zustand bestenfalls labil zu nennen ist. Früh lernte er, dieser bizarren Welt durch den Zerrspiegel der Kamera zu entkommen. Wir sehen, wie er als Elfjähriger in Frauenkleidern einen Monolog aufführt über Themen, von denen kein Kind den Hauch einer Ahnung haben sollte. Später ließ er sich von der Underground-Szene der achtziger Jahre zu schrillen Schockern inspirieren und lernte dank einer Persönlichkeitsstörung die texanische Psychiatrie am eignen Leibe kennen. Heimkino als Selbsthilfe: So dilettantisch das klingt, so meisterhaft hat Caouette hier der schmerzlichen Liebe zur Mutter und den Großeltern Ausdruck verliehen – ohne sich ganz gegen den Vorwurf zu feien, seine Familie für ein groteskes Leinwandspektakel auszunutzen. Man darf gespannt sein, was ihm als nächstes einfällt, nachdem er seinen reichen Erfahrungsschatz leergeschürft hat. Foto: Altes Familienfoto: Mutter Renée mit Sohn Jonathan

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