Keine Arena für Entdeckungen

In der Vergangenheit hatten WM-Turniere für Spieler zumeist den netten Nebeneffekt, daß sie als Katalysator für so manche Karriere dienten. Insbesondere Kicker aus fußballerischen Entwicklungsländern nutzten die Bühne, um sich den Personaleinkäufern der europäischen Proficlubs zu empfehlen. Der WM 2006 jedoch wird diese Funktion nur noch in Ausnahmefällen zu attestieren sein. Da die einstmals rigiden Schranken für die Beschäftigung von Spielern aus anderen Kontinenten im Herrschaftsgebiet der UEFA unterdessen fast schon vernachlässigt werden können und die Informationskosten für die Beobachtung des Geschehens selbst entlegener Fußballmärkte gesunken sind, ist es für die relevanten Vereine sowie die Heerscharen der Berater längst eine Selbstverständlichkeit geworden, unabhängig von Turnieren das Angebot weltweit permanent zu sichten. Unter den 736 Akteuren der WM dürfte somit kaum jemand sein, der ihnen entgangen wäre. So spielen beispielsweise 22 der 23 Fußballer, die der vermeintliche Exot Elfenbeinküste für seinen Kader nominiert hat, in europäischen Top-Ligen, manche von ihnen haben sich in diesen sogar als Stars etabliert. Für den „Nationaltrainer“, den Franzosen Henri Michel, hat dies den angenehmen Vorteil, daß er sich zermürbende Aufenthalte in dem von einem Bürgerkrieg zerrissenen Land weitgehend ersparen kann. Sogar der Außenseiter Trinidad & Tobago hat nur vier Spieler nach Deutschland mitgebracht, die daheim auf den Inseln kicken. Die übrigen verdingen sich in den schillernden Ligen der USA oder Australiens sowie in zumeist unterklassigen Vereinen Europas. Immerhin scheint ihr Trainer, der Niederländer Leo Beenhakker, vom Charme der Karibik so stark beeindruckt zu sein, daß er im Lande residiert. Ist die WM für Spieler auch kaum mehr das Sprungbrett zu lukrativeren Engagements, so mag sie doch weiterhin die Arena bieten, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und damit den Marktwert zu steigern. Daß dieser Aspekt wieder stärker wahrgenommen wird, ist vor allem dem italienischen Nationaltrainer Mario Lippi zu verdanken. Im Rahmen des Jahrhundertskandals, der den Fußball in seinem Land ereilt hat, wird ihm vorgehalten, nicht allein aus Experimentierfreude eine außergewöhnliche hohe Zahl von Neuberufungen vorgenommen zu haben. Da Nationalspieler tendentiell mehr verdienen als gewöhnliche Profis und ihre Vereine dank dieses Status auch höhere Transfersummen erzielen können, soll er hier gezielt manipuliert haben, wovon auch die Spielervermittlung, in der sein Sohn beschäftigt ist, profitiert haben mag. Von einer derartigen Professionalisierung sind wir in Deutschland wohl noch weit entfernt. Vielleicht ist aber gerade dies ein Grund für den Niveau-Unterschied.

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