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Jede Generation wäre ohne ihn ärmer

Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts nehmen nur wenige Geistesheroen der europäischen Kulturgeschichte für breite Schichten eine vergleichbare Stellung ein, wie Mozart sie innehat. Er ist wahrscheinlich der einzige Komponist, der uneingeschränkt auch zu jenen Menschen Zugang findet, die sonst mit klassischer Musik nichts anfangen können. Aber auch das Bild großer Künstler steht nicht über den Zeiten, sondern wandelt sich mit ihnen. Während bis vor etwa 25 Jahren Mozart als unnahbare Lichtgestalt, als singulärer Genius sui generis angesehen war, während er (aufgrund seines vorzeitigen Ablebens) als „Götterliebling“ apostrophiert wurde, der zu Lebzeiten von seiner Umwelt nicht so recht gewürdigt wurde, fast mittellos ohne feste Anstellung dahinvegetierte und schließlich in einem Massengrab beigesetzt wurde, änderte sich dies dann rasch. Auslöser mag neben der psychoanalytischen Biographie Maynard Solomons und der „entzaubernden“ Lebensbeschreibung Wolfgang Hildesheimers unter anderem Milos Formans unvergleichlicher Film „Amadeus“ (1984) gewesen sein. Herumkreischend und -albernd – darin ein einziger „Choc“ für die höfische Gesellschaft -, trat Mozart hier keineswegs als jener Repräsentant der „hehren Tonkunst“ auf, als den ihn das konservative Musik- und Kinopublikum bis dato (siehe Hans Holt als Mozart in „Wen die Götter lieben“, 1941 von Karl Hartl inszeniert) betrachtete. Dabei waren Mozarts höchst anzügliche Briefe an seine Cousine (das berühmte Augsburger „Bäsle“) durchaus bekannt – und zwar als Obszönitäten von ganz eigener Güte. Diese Briefe zu lesen, war den auf dem Fortepiano mit Mozarts Klavierwerken dilettierenden „höheren Töchtern“ des 19. Jahrhunderts auf das strengste untersagt. Diese Briefe übergeht man heute nicht mehr schamhaft, sie ergänzen das Bewußtsein um den eigentlichen Menschen Mozart. Simon Rattle meint, daß sie ihm geholfen haben, vor der Gestalt Mozart „von den Knien hochzukommen“. Mozart war keineswegs so arm, wie ihn verklärende Darstellungen gern zeichneten. Zwar befand er sich besonders in den letzten sechs Lebensjahren in höchsten pekuniären Nöten, doch das nur aufgrund seines aufwendigen Lebensstils. Davon unabhängig – er hatte in Wien eine gefestigte Position als freier, unabhängiger und geachteter Künstler. Auch wenn es durchaus richtig ist, daß Mozart in seiner Zeit nicht immer die gebührende Würdigung erhielt, erkannten die Zeitgenossen sehr wohl die Einzigartigkeit seiner Erscheinung, ja unter Musikern fürchtete man sich gleichsam vor der offensichtlichen, die andere zeitgenössische Produktion überragende Qualität seiner Schöpfungen. Denn erleichtert äußerte sich sein Konkurrent Antonio Salieri (1750-1825) anläßlich des Todes Mozarts: „Es ist zwar schade um so ein großes Genie, aber wohl uns, daß er todt ist. Denn hätte er länger gelebt, so hätte man uns wahrlich kein Stück Brot für unsere Kompositionen gegeben.“ Mozart wurde erst durch das 19. Jahrhundert zu jener erwähnten unnahbaren Gestalt. Der Musikverleger Simrock soll stets sein Haupt entblößt haben, wenn nur Mozarts Name genannt wurde, und Sören Kierkegaards Wunsch war es, eine Sekte zu gründen, die allein Mozart als Gott verehren sollte. Schon kurze Zeit nach seinem Tode besaß der Verblichene eine solche Aura, daß er für viele Künstler Vorbild zu werden begann. Ein gewisser Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann aus Königsberg i. Pr. änderte seinen dritten Vornamen aus tiefer Verehrung für den Komponisten in Amadeus. Dieser hymnisch apostrophierte Mensch kam am 27. Januar 1756 in der Salzburger Getreidegasse als siebtes und letztes Kind des fürstbischöflichen Hof-Violinisten Leopold Mozart zur Welt. Früh erhielt er von seinem Vater eine umfassende musikalische Unterweisung. Im Januar 1762 begannen die Konzertreisen des Knaben durch Europa, auf denen er zusammen mit seiner Schwester Maria Anna, genannt Nannerl, vom Vater wie ein Zirkuspferd als Klavierspieler an allen Höfen Europas vorgeführt wurde. Leopold Mozart verlangte seinen Kindern Höchstes ab. Wahrscheinlich ist, daß Mozarts früher Tod auch auf die Überforderung seines kindlichen Körpers durch die übermäßige Konzerttätigkeit zurückzuführen ist, die er zwischen seinem sechsten und seinem zwölften Lebensjahr absolvieren mußte. 1770 war das Jahr der ersten Italienreise. Der Papst ernennt Wolfgang zum „Ritter vom goldnen Sporn“, gleichzeitig wird er in die Accademia Filarmonica di Bologna aufgenommen. Allerdings spielten diese Auszeichnungen für ihn keine Rolle – zu keiner Zeit nannte er sich „Ritter von Mozart“. Im kommenden Jahr erfolgte eine zweite Italienreise, bei der unter anderem die „serenata teatrale“ „Ascanio in Alba“ in Mailand uraufgeführt wird. 1772 wird Hieronymus Colloredo Fürsterzbischof von Salzburg. Er ernennt Mozart zum besoldeten Konzertmeister der Hofkapelle. Vom Dezember 1772 bis März 1773 halten sich Vater und Sohn nun zum dritten Mal in Italien auf. Von einer Reise nach Wien erhofft sich Mozart Protektion durch Maria Theresia – doch vergeblich. Bis Ende 1774 versieht Wolfgang nun brav seine Dienste bei Colloredo, begibt sich aber im Dezember nach München, wo seine Oper „La finta giardiniera“ (Die Gärtnerin aus Liebe, KV 196) uraufgeführt wird. Immer schlechter wird das Verhältnis zu seinem Dienstherrn. Colloredo empfiehlt Mozart, das Konservatorium in Neapel zu besuchen, da er von Musik nichts verstehe. Deshalb und wegen einer geplanten Konzertreise nach Paris quittiert Mozart am 28. August 1777 den Dienst in der Hofkapelle. Über München geht es zusammen mit der Mutter zunächst nach Mannheim, wo Mozart in heftiger Zuneigung zu Aloysia Weber entbrennt, die zeitlebens seine große Liebe bleiben wird. Im März 1778 erreichen die Mozarts Paris. Wolfgangs Ruhm aus Wunderkindzeiten scheint hier verblaßt zu sein, mehr als Achtungserfolge gelingen ihm beim Publikum nicht. Überraschend stirbt die Mutter am 3. Juli, doch Wolfgang bleibt noch bis Ende September in der Stadt. Die Rückreise nach Salzburg zieht sich bis Mitte Januar 1779 hin, da Wolfgang unterwegs unter anderem in Mannheim und München Freunde besucht und Konzerte gibt. Zu Beginn des Jahres 1779 bewirbt er sich abermals bei Colloredo, diesmal um den Posten des Hoforganisten, den er alsbald auch erhält. Im Herbst 1780 bekommt er einen lang ersehnten Kompositionsauftrag. Für das Münchner Hoftheater schreibt er „Idomeneo“, der am 29. Januar 1781 dort aufgeführt wird. Die wiederholte Abwesenheit von Salzburg führt nun zum endgültigen Bruch mit Colloredo. Er beordert ihn nach Wien. Dort wird Mozart durch Colloredos Adjutanten Graf Arco am 8. Juni 1781 mit dem berühmten Fußtritt entlassen. Jetzt ist er ein freier Mann. Bei Cäcilie Weber, der Mutter Aloysias, die er schon aus Mannheim kannte und die nach dem Tode ihres Mannes zusammen mit ihren Kindern nach Wien gezogen war, nahm er zunächst eine Wohnung. Aloysia war inzwischen verheiratet, Mozart faßte aber eine ebenso innige Zuneigung zu ihrer Schwester Constanze. Die beiden heiraten am 4. August 1782. 1787 stirbt Vater Leopold, der für den Sohn fast immer eine Überfigur war, die ihn sehr oft in der Entfaltung seiner Persönlichkeit beengte. Zwar wird er im Dezember dieses Jahres zum kaiserlichen Kammerkompositeur ernannt – ein gesichertes Einkommen kann er leider damit auch nicht erzielen. Der preußische König Friedrich Wilhelm II. lädt Mozart im April 1789 nach Potsdam ein. Es entstehen im Auftrag des Königs unter anderem die „Preußischen Quartette“, doch weitergehende Angebote macht er zu Mozarts Leidwesen nicht. Nach der Rückkehr nach Wien im Juni beginnt er die Arbeit an „Cosí fan tutte“, die im Januar 1790 uraufgeführt wird. Der Tod Kaiser Josephs II. am 20. Februar 1790 verhindert weitere Aufführungen und damit die Verbreitung des Werks. Mozarts finanzielle Situation wird immer bedrängender. Mit seinen letzten Mitteln unternimmt er im Sommer 1790 eine Reise nach Frankfurt am Main zu den Krönungsfeierlichkeiten für Josephs Nachfolger Leopold II. Es entsteht das „Krönungskonzert“ für Klavier und Orchester (KV 537). Eine geplante Aufführung des „Don Giovanni“ zu Mozarts Benefiz fällt aus. Mozart, der sich einige musikalische Aufträge für die Inthronisationsfeier erhofft hatte, wird, obwohl er Kammerkompositeur ist, dazu nicht einmal eingeladen. Über München und Mannheim kehrt er resigniert nach Wien zurück. 1790 wird zum unproduktivsten Jahr seines Lebens. Anfang März 1791 tritt er zum letztenmal öffentlich als Klaviervirtuose auf. Er bewirbt sich auf den unbesoldeten Posten des stellvertretenden Domkapellmeisters an St. Stephan, da er hofft, nach dem abzusehenden Ableben des kranken Kapellmeisters Leopold Hofmann, diesem auf seinem Posten nachzufolgen, was ihm auch zugesagt wird. Im Mai beginnen die Arbeiten an der „Zauberflöte“. Constanze fährt zur Kur nach Baden, wo ihr Mann sie mehrmals aufsucht (nicht zuletzt aus Eifersucht). Etwa im Juli erscheint jener unheimliche „graue Bote“ bei ihm, der ein Requiem für seinen Herrn bestellt, aber darauf besteht, daß sein Auftraggeber unerkannt bleibt. Mozart wird von Todesgedanken geplagt und beginnt die Arbeit am „Requiem“ in der Überzeugung, daß es für ihn selbst geschaffen wird. Der Bote ist aber nur ein Bediensteter des Grafen Franz Walsegg-Stuppach, der zum Jahrestag des Ablebens seiner Frau im Februar 1792 eine Totenmesse aufführen möchte, diese aber als seine eigene Komposition ausgeben will. Für die Krönung Leopolds zum böhmischen König am 6. September in Prag darf Mozart die Krönungsoper komponieren, dies aber nur aufgrund eines zwei Jahre zuvor mit dem Prager Impresario Guardasoni abgeschlossenen Vertrags. In nur 18 Tagen gelingt es ihm, „Titus“ zu fertigzustellen. Doch dem Kaiserpaar gefällt die Musik nicht. Die Kaiserin bezeichnet sie als „deutsche Schweinerei“. Mozart ist nahe am psychischen Zusammenbruch. Mitte November führt er seine letzte vollendete Komposition auf. Es ist die „Kleine Freimaurerkantate“ (KV 623), geschrieben für die Eröffnung einer neuen Loge. Am 20. November muß er sich krank zu Bett legen. Aber immer noch nicht ist das Requiem vollendet. Er wird immer schwächer und verstirbt in den ersten Morgenstunden des 5. Dezember an „hitzigem Frieselfieber“, wie die Ärzte diagnostizierten. Am 6. Dezember erfolgt die Beisetzung in einem Reihengrab auf dem St. Marxer Friedhof. Kein Freund, kein Angehöriger begleitete ihn bis dorthin. Angeblich wegen zu schlechten Wetters verließen sie nach und nach den Trauerkondukt. Nur der Totengräber wußte um sein Grab, doch er starb bald drauf. Witwe Constanze, die angeblich wegen Krankheit dem Begräbnis fernblieb, gelang es deshalb einige Wochen später nicht mehr, die genaue Position des Grabes zu finden. 626 Schöpfungen weist das Werkverzeichnis des Ludwig Ritter von Köchel auf, das 1862 erstmals erschien und zahlreiche Ergänzungen und Neuausgaben bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erfuhr. 19 Messen, 39 kleinere geistliche Werke, 10 Kantaten, 24 Opern, 71 Orchesterarien, 40 Klavierlieder, 67 Sonaten und Einzelwerke für Klavier zu zwei Händen, 10 Werke für vierhändiges Klavier, 40 Sonaten und Einzelstücke für Violine und Klavier, 12 Kompositionen für Klavier und Streicher, 33 Streichquartette bzw. Quartette mit Bläsern, 9 Streichquintette, 51 Symphonien, 36 Serenaden und Divertimenti, 71 kleinere Orchesterstücke und Tänze und letztendlich 56 Instrumentalkonzerte. Zusätzlich noch manch Fragmentarisches und Apokryphes. Kaum ist glaubhaft, daß jemand, der in so wenigen Jahren so vieles schuf, noch Zeit für ein „normales“ Leben haben konnte. Und bei seinem Tod lagen noch unzählige fragmentarische Werke in der Wohnung herum. Jemand hat ausgerechnet, daß ein Notenkopist des 21. Jahrhunderts bei einem achtstündigen Arbeitstag für das Abschreiben von Mozarts sämtlichen Kompositionen länger brauchen würde, als dem Komponisten Lebenszeit zur Verfügung stand. In seinem kaum 36 Jahre währenden Leben schuf dieser Mann innerhalb aller musikalischer Gattungen Werke, in denen das musikalische 18. Jahrhundert seinen Zenit erreicht. Kaum gibt es ein Instrument, dessen technische und ideelle Möglichkeiten er nicht restlos erschöpfte. Die unirdische Schönheit in der melodischen Linienführung der musikalischen Themen, die unerschöpfliche Phantasie der Themenerfindung und-verarbeitung läßt ihn die anderen Meister seiner Zeit und selbst Joseph Haydn turmhoch überragen. Jedes seiner Themen ist als unverkennbar mozartisch selbst für Laien identifizierbar. Mögen die Themenbildungen Haydns und auch des jungen Beethovens mit denen Mozarts verwandt sein – sie sind schließlich Zeitgenossen -, Mozarts singende Allegrosätze sind unverwechselbar. Keinem anderen Komponisten dieser Zeit gelang es, mit den einfachen (gemessen am späten 19. Jahrhundert) harmonischen und rhythmischen Mitteln der Tonsprache seiner Epoche in solche Seelenabgründe vorzustoßen, wie dies Mozart möglich war. Er ist in seinem dramatischen Schaffen der wohl stärkste Charaktergestalter überhaupt, darin auch nicht im späten 19. und 20. Jahrhundert übertroffen, obwohl ihm nicht die differenzierten harmonischen Mittel oder die Richard Strauss’sche „Nervenkontrapunktik“ der späteren Zeit zur Verfügung standen. Der (überwiegend) arkadische Charakter seiner Werke läßt oft nicht hörbar bzw. bewußt werden, was der Komponist musikalisch-revolutionär darunter verbirgt: Polyrhythmik (Szene 20, Finale des Don Giovanni – drei Ensembles spielen gleichzeitig Polka, Menuett und Ländler). Auch schon in der Es-Dur-Symphonie (KV 16) seiner ersten, kombiniert er im langsamen Satz Zweiviertel- und Dreiviertelrhythmen zur gleichen Zeit. Polystilistik (Bachsche Fugentechnik, Bänkellieder, Bravourarien der alten Opera seria, protestantische Choräle – die ganze Zauberflöte ist ein Konglomerat unterschiedlichster Ausdrucksformen, man möchte sie als die erste musikalische Collage bezeichnen). Im „Musikalischen Spaß“ (KV 522) schreibt er in den letzten Takten des Schlußsatzes die erste bewußt polytonal gehaltene Musik – allerdings nur, um schlechtes Musikantentum zu persiflieren – kein anderer hätte das auch mit dieser Absicht zu seiner Zeit gewagt. Sechs Instrumente enden jeweils mit einem anderen Tonika-Akkord! Einmal nahm Mozart auch einen kurzen Ausflug in die Welt Arnold Schönbergs – zu Beginn des Streichquartetts C-Dur (KV 465), dem sogenannten Dissonanzenquartett -, aus der er sich aber, erschrocken über sich selbst, schnell zurückzog. „Mozarts Dämonen lauern unter der Oberfläche“, konstatierte Herbert Rosendorfer. Seine Musik ist „zutiefst emotional, leidenschaftlich und dunkel und gefährlich und fröhlich wie keine andere, die je geschrieben wurde“, wie Simon Rattle zusammenfassend Mozarts Werke charakterisiert. Mozarts einzigartige Genialität ist schier sprichwörtlich. Zwar schufen auch andere Meister der Tonkunst Unvergleichliches, doch nur bei ganz wenigen ist die Genialität so sehr mit dem Nimbus des Wunderkindes verbunden wie gerade bei Wolfgang Amadé. Bereits als Siebenjähriger war er eine europäische Berühmtheit. Dabei ist es allerdings bemerkenswert, daß sich so gut wie keine der Kompositionen aus der Wunderkindzeit (etwa bis zum 16. Lebensjahr) im musikalischen Repertoire befinden. Kinderbücher über Mozart fußen fast ausschließlich auf dem Wunderkind Mozart, können dabei aber nicht immer dem Kitsch ausweichen (Rotraut Hinderks-Kutscher: Donnerblitzbub Wolfgang Amadeus, Stuttgart 1955). Es ist wenig überraschend, daß der Zeitgeist bei einer solchen „Lichtgestalt“ wie Mozart Schwierigkeiten hat, ihn mit dem (heute meist nur negativ besetzten) Attribut „deutsch“ zu apostrophieren. Alle möglichen Vorbereitungen der Feiern auch hierzulande gehen von einem „österreichischen“ Komponisten aus. Die offizielle österreichische Internetseite (www.mozart2006.net) feiert den Komponisten wenig zutreffend als „bekanntesten Österreicher aller Zeiten“, nicht bedenken wollend, daß es erstens zu Mozarts Zeiten eine eigenständige österreichische Nationalität nicht gab (Mozart war Untertan des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation), zweitens er sich selber in zahlreichen Äußerungen als Deutscher verstand (als was auch sonst – da man die eigene Nationalität weit bis in die jüngste Zeit über die jeweilige Muttersprache definierte). „Das musikalische Talent kann sich wohl am frühesten zeigen, indem die Musik ganz etwas Angeborenes, Inneres ist, das von außen keiner großen Nahrung und keiner aus dem Leben gezogenen Erfahrung bedarf. Aber freilich, eine Erscheinung wie Mozart bleibt immer ein Wunder, das nicht weiter zu erklären ist. Doch wie sollte die Gottheit überall Wunder zu tun Gelegenheit finden, wenn sie es nicht zuweilen in außerordentlichen Individuen versuchte, die wir anstaunen und nicht begreifen, woher sie kommen.“ Trotz eines differenzierteren aktuellen Mozartbilds werden diese Worte Goethes über das schöpferische Genie Mozart noch in fernen Äonen Gültigkeit haben. Denn auch eine veränderte Sicht auf die Gestalt und das Wesen des Komponisten läßt dieses genausowenig erklärbar werden, wie es nun seit über zweihundert Jahren der Fall ist. Und das bereitet Unbehagen. „Gott hat sich über uns lustig gemacht, indem er Mozart als gewöhnliches Wesen unter uns treten ließ, ohne daß er wenigstens außergewöhnliche Gnadenzeichen an sich gehabt hätte. Gott macht sich über uns lustig, das ist unerträglich. Man muß Mozart zerstören“, erklärte 1989 der französische Philosoph Jean Baudrillard. Wir aber räsonieren nicht, sondern freuen uns nun auf Monate voller Mo-zärtlichkeiten und hoffen darauf, daß uns die hiesigen Vertreter der political correctness in diesem Jahr erlauben mögen, daß ein 27. Januar als Gedenktag nicht nur mit dem Jahr 1945 in Verbindung gebracht werden kann. Der Musikverleger Simrock entblößte sein Haupt, wenn Mozarts Name fiel, und Sören Kierkegaard wollte eine Sekte gründen, die ihn als Gott verehren sollte. Auch andere Meister der Tonkunst schufen Unvergeßliches, doch bei wenigen ist das Genie so mit dem Nimbus des Wunderkindes verbunden.

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