In der nationalen Zwangsjacke

Deutschland – die überstrapazierte Nation. Bilanz jahrzehntelanger Fehlentwicklung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ heißt das aktuelle Buch des Fernsehjournalisten Hans-Hermann Gockel. Wohl wieder ein Buch aus der Reihe „Gesellschaftsreport Patient Deutschland“, könnte man meinen – zu Recht. Das Werk aus dem Resch-Verlag läßt sich nahtlos in eine Reihe mit Büchern wie Arnulf Barings „Scheitert Deutschland?“, Rolf Stolz‘ „Deutschland, deine Zuwanderer“ oder Peter Hahnes „Schluß mit lustig“ einordnen. Allerdings überraschen zwei Dinge: Erstens, die schonungslose Art und Weise, in der das Buch verfaßt ist, und dadurch bedingt zweitens, sein Autor. War Hans-Hermann Gockel bis jetzt den meisten wohl eher als Nachrichtensprecher von Sat1 und N24, sowie als Moderator von „Jeder gegen Jeden“ bekannt, lernt man ihn nun von einer ganz anderen Seite kennen. Unverhohlen prangert er den Werteverfall in Deutschland an, die Geißel der „political correctness“ als „Zwangsjacke der Nation“ und die Massenzuwanderung ins soziale Netz, verbunden mit der Unfähigkeit zur Integration. Ebenso macht der Journalist deutlich, daß Deutschland spätestens seit der EU-Osterweiterung zur „Drehscheibe für das organisierte Verbrechen“ geworden ist. Gokkel analysiert dabei alle Symptome, an denen der Patient Deutschland krankt: vom maß- und anstandslos gewordenen Manager über den egozentrischen und bloß karriereorientierten Politiker, für den „MdB – der attraktivste aller Titel“ ist, bis hin zur übertriebenen Toleranz gegenüber Straftätern. Aber auch der dramatische Geburtenrückgang der Deutschen bei gleichzeitig wachsender Abwanderung qualifizierter und gut ausgebildeter Fachkräfte wird thematisiert. Hervorzuheben sind vor allem die beiden Kapitel „Zuwanderung und Zustände“ sowie „Tatsachen und Täter“. Sie bieten eine Fülle an Information und zeigen das wahre Ausmaß des Abgrundes, der sich mitten in Deutschland aufgetan hat. Gockel weist nicht nur darauf hin, daß Kriminalstatistiken zum Teil massiv „verwässert“ würden, indem „Deutschrussen und eingedeutschte, aber nicht in Deutschland geborene Ausländer in der Statistik generell als Deutsche erfaßt werden“. Auch die öffentliche Berichterstattung trage dazu bei, „die tatsächlichen Verhältnisse zu schönen“, da die meisten Tageszeitungen die wahre Nationalität der Täter nicht mehr wiedergäben. Schuld daran sei der Deutsche Presserat, Selbstkontrollorgan der Presse. Dieser führt als Begründung für das Verschweigen der Täternationalität an: „Würde die Nationalität, die ursprüngliche Herkunft oder das soziale und kulturelle Umfeld der Täter genannt, diskriminiere man nicht nur die Einzelnen, sondern pauschal die jeweiligen Volksgruppen.“ Weiterhin ist von „Berlins längster Drogenszene“ – der U7 zwischen Rudow und Spandau – zu lesen. Von resignierten Berliner Oberschullehrern, der Ghettoisierung deutscher Großstädte, der Hilflosigkeit des Neuköllner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky und der Blindheit und gutmenschlichen Arroganz rot-grüner sowie rot-roter Politikversuche. Neben dem politisch-korrekten Gesinnungszwang einer Claudia Roth kritisiert Gockel aber auch – vor allem in bezug auf Integration und Zuwanderung – die Politik der sechzehn Jahre dauernden „Ära Kohl“. Bei aller Richtigkeit der Tatsachen und Zustände, die Gockel anprangert, muß er sich doch den Vorwurf gefallen lassen, daß er sich streckenweise einer zu populistischen Schreibweise bedient. Viel ist vom „kleinen Mann“ und „denen da oben“ die Rede: von den „Strippenziehern in Berlin“, denen nichts wichtiger sei, „als Stühle und Dienstwagen zu verteilen“. Angreifbar macht sich der Nachrichtensprecher durch Sätze wie: „So sind diejenigen Deutschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben und Vorsorge trafen für ihr Alter, heute die Dummen. Wer statt dessen noch nie einen Cent in unsere Sozialkassen eingezahlt hat, darf getrost auf diesen Staat zählen. Das gilt vor allem für das Heer unserer ausländischen Mitbürger, das sich beharrlich der deutschen Sprache verweigert – aber ausgeschlafen genug ist, um beim regelmäßigen Besuch auf dem Sozialamt mittels Dolmetscher auch noch den letzten Euro herauszuholen. Man kennt halt seine Rechte.“ Ob solch eine Wortwahl die richtige ist – bekanntlich lassen die Wellen der Entrüstung bei dieser Thematik nicht lange auf sich warten -, ist fraglich. „Überstrapaziert“ ist bei Gockel allerdings nicht nur die Nation, sondern vor allem auch seine Verwendung von Ausrufezeichen. Bei durchschnittlich dreimaligem Gebrauch des Satzzeichens pro Seite fragt man sich, was eigentlich durch die Anhäufung selbiger noch betont werden soll. Ebenso störend wirkt die permanente Verwendung von Horst-Köhler-Zitaten. Diesem Beifall zu spenden, wird Gockel nicht müde – beim Lesen ermüdet dies hingegen durchaus. Bisweilen könnte der Titel des Buches auch lauten: „Der Bundespräsident hat gesagt …“ Leider bleibt Gockel die Antwort schuldig, was all die im Prinzip richtigen Mahnworte des Bundespräsidenten genützt haben oder nützen sollen. Dennoch ist es dem N24-„Nachrichten-Anchorman“ gelungen, eine schonungslose, bisweilen schmerzvolle Bilanz der deutschen Gesellschaft aufzustellen. Positiv ist hierbei vor allem, daß dank Gockels Bekanntheitsgrad einem größeren Kreis an Lesern die wahre Situation vor Augen geführt wird, in der sich Deutschland momentan befindet. Abzuwarten bleibt allerdings, wie sich Hans-Hermann Gockel verhalten wird, wenn das Buch erst einmal in den diversen Medien besprochen worden ist und er sich wohl zwangsläufig mit dem Vorwurf konfrontiert sehen wird, mit seinen Argumenten den „Rechten“ in die Hände zu spielen. Hans-Hermann Gockel: Deutschland – die überstrapazierte Nation. Bilanz jahrzentelanger Fehlentwicklung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Verlag Ingo Resch, Gräfelfing 2006, broschiert, 208 Seiten, 13,90 Euro

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